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Ein Kritiker des G8 geh in den Ruhestand: Max Schmidt.

Philologen-Chef hört auf

„Ich würde wieder Lehrer werden“

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München - Nach 15 Jahren ist Schluss: Max Schmidt, bislang Chef des einflussreichen Bayerischen Philologenverbands, geht in den Ruhestand. Eine Bilanz.

Seit 2001 hat der Mathematik- und Physiklehrer Max Schmidt den einflussreichen Bayerischen Philologenverband geleitet – jenen Verband, an dem die Staatsregierung bei der Gestaltung der Schulpolitik kaum vorbei kann. Ein Großteil von Schmidts Amtszeit war überschattet von der Verkürzung des Gymnasiums auf acht Jahre und dem langen Anrennen der Lehrer gegen diesen von Ministerpräsident Edmund Stoiber herbeigeführten Beschluss. Nun gibt Schmidt, seit vergangenem Jahr als Lehrer am Gymnasium Grafing (Kreis Ebersberg) pensioniert, altersbedingt sein Amt auf. Für uns hat er Bilanz gezogen – über Schule und Schüler.

Sind Schüler heute anders?

Die offensichtlichste Veränderung ist die Mediennutzung, sagt Schmidt. „Wir haben unsere Hausaufgaben im Bus auf den Knien abgeschrieben“ – heute werden Lösungen für Hausaufgaben per WhatsApp verschickt. Aber auch die Schüler von heute „sind begeisterungsfähig“, vielleicht weniger für ein bestimmtes Fach, mehr aber für Projekte. Das langfristige Engagement nehme ab, das merke man auch an der nachlassenden Mitgliedschaft in Vereinen. Entgegen weitverbreiteter Meinung gebe es bei Jugendlichen aber keine Steigerung des Medienkonsums – sondern schlicht ein anderes Nutzungsverhalten: Statt Fernsehen oder Radio dominierten Smartphone und PC. Daher bleibe er gelassen. „Ich sehe Schule positiv.“

„Ich würde wieder Lehrer werden“

Ja, so ist es, sagt Schmidt. Vorgezeichnet war dieser Weg nicht, denn Schmidt stuft sich im Rückblick selbst als „stinkfaulen“ Schüler ein, der am Gymnasium in der Fichtelgebirgsstadt Wunsiedel alles lieber machte als lernen. Ein Lehrer riet ihm dringend ab, ausgerechnet Pädagoge zu werden. Bereut hat er es nie, und dass Lehrer nicht nur zum Stoff eintrichtern da sind, merkte er auch bald.

Es war in einer 5. Klasse – Schmidt sollte Mathematik unterrichten. Doch ein Mädchen fragte plötzlich ganz etwas anderes: „Kann man vom Küssen Aids kriegen?“ Da merkte Schmidt, dass Schule mehr ist als Sinus und Cosinus. Nämlich Lebensberatung für Kinder. „Ihnen fehlen oft die Vertrauenspersonen“, sagt er. Man müsse auch Pädagoge sein und mit Augenmaß urteilen. Ein Beispiel: „Beim Hausaufgaben-Vergessen habe ich die Originalität der Ausreden mit bewertet.“ In der Unterrichtsstunde gab’s dann Aids-Aufklärung statt Mathematik.

Das G8

Die Einführung des G8 durch Ministerpräsident Edmund Stoiber im Oktober 2003 „war eine unüberlegte Handlung“, sagt Schmidt. Bei dieser Meinung bleibt er auch mit Abstand von fast 15 Jahren. Schmidt wurde 2003 einen Tag vor Bekanntgabe des Beschlusses informiert, saß dem damaligen Staatskanzleiminister Erwin Huber und Kultusministerin Monika Hohlmeier gegenüber. Ob der Philologenverband denn die Verkürzung des Gymnasiums mittragen werde, fragte man ihn. Er sagte Nein.

Die Verkürzung kam trotzdem. Es gab in den Wochen der Entscheidung denkwürdige Augenblicke, auch Lockungen. Auch er, Max Schmidt, wolle doch einmal Schulleiter werden, wurde ihm bedeutet. Gegenüber solch zweifelhaften Offerten sei er standhaft geblieben, sagt Schmidt. Vor allem war klar, dass er als damals frisch gewählter Verbandschef aus der G8-Diskussion keinen Vorteil ziehen dürfe. Vor Jahren wurde ihm hinterbracht, dass er die Quittung für seine Ablehnung des G8 in seiner Personalakte stehen hat: „lehnte Stelle als Schulleiter ab“, heißt es dort. Dabei hat er ein offizielles Angebot nie erhalten.

Und das Gymnasium in der Zukunft?

Das Gymnasium müsse wieder von neun Jahren her gedacht werden, sagt Schmidt. Die Verkürzung sei verpufft, weil viele Abiturienten erst mal ein Orientierungsjahr nehmen, statt ein Studium zu beginnen. Eine so lange Pause sei „eher schädlich“ – die Jungstudenten hätten oft schlicht vergessen, wie Lernen geht. Er wolle aber kein G9 alten Typs, betont Schmidt. Ein neues Gymnasium müsse auch besonders auf Begabungen der Schüler achten. Eines hat er erreicht: Die CSU hat versprochen, zum Schuljahr 2018/19 grundlegende Neuerungen einzuführen und den Schulversuch „Mittelstufe Plus“ weiterzuentwickeln. Die Reform müsse nun sein Nachfolger mitgestalten.

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