„Totaler Shutdown unumgänglich“

Mediziner warnt vor Folgen der Briten-Mutation für Kinder: „Natürlich wird es dann auch mehr Infizierte geben“

  • Felicitas Bogner
    VonFelicitas Bogner
    schließen

Bisher galt für Kinder das Risiko eines schweren Corona-Verlaufs als gering. Nun herrscht Unsicherheit darüber, ob die Mutante B 1.1.7 diese Sicherheit gefährden könnte.

München/Würzburg - Das Coronavirus hält seit über einem Jahr Mediziner und Virologen auf Trab. Die Forschungen laufen auf Hochtouren. Doch eines stand bis dato fest: Kinder erkranken wesentlich seltener an Corona. Und wenn, dann mit einem deutlich milderen Verlauf. Laut des Robert-Koch-Instituts* (RKI) waren bis Mitte Februar 2021 in Deutschland pro 100.000 Einwohner etwa 2070 Kinder unter fünf Jahren und 3400 Kinder im Alter von fünf bis vierzehn Jahren an Covid erkrankt. Und auch die bisherigen Krankheitsausbrüche bei Kleineren sind meist mild verlaufen.

RKI: „Inzidenz bei unter 15-Jährigen steigt stark an“ - Zusammenhang mit Kita-Corona-Ausbrüchen wahrscheinlich

Sorgen bereitet diesbezüglich aber die in Deutschland immer stärker grassierende britische Virusmutation B 1.1.7. Die Ausbreitung könnte die bisherige Situation für Kinder verändern. Denn: „Die Inzidenz* bei den unter 15-Jährigen steigt stark an“, wie RKI-Präsident Lothar Wieler in einer Pressekonferenz mit Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) berichtete. Laut Wieler sei es nicht auszuschließen, dass die Corona-Mutation B 1.1.7 im direkten Zusammenhang mit Ausbrüchen in Kitas stehe.

Corona in Bayern und Deutschland: Aktuell kein stationär behandelter Corona-Patient im Münchner Haunerischen Kinderklinikum

Seit der verstärkten Ausbreitung der B 1.1.7 - Mutation* in München konnte jedoch Privatdozent Dr. Florian Hoffmann, Pädiatrischer Intensiv- und Notfallmediziner am Haunerschen Kinderklinikum der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) und Generalsekretär der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI), noch keinen Zuwachs an klinisch zu behandelnden Kinderpatienten feststellen. „Auch in den anderen Münchner Kinderkliniken sieht das nicht anders aus“, weiß er als Ärztlicher Leiter des Münchner Kindernotarztdienstes im Gespräch mit Merkur.de. Aktuell gäbe es am LMU-Klinikum „keine stationär zu behandelnden Covid-Kinder-Patienten“, wie der Experte im Interview berichtet. Seit Ausbruch der Pandemie wurden „etwa zehn Kinder stationär wegen Corona bei uns behandelt, drei davon auf der Intensivstation. Alle haben überlebt“, sagt der Oberarzt und ergänzt: „Das ist immer noch eine Rarität, wenn man bedenkt, dass die Mortalitätsrate bei intensivpflichtigen, erwachsenen Covid-Patienten bei 20-30 Prozent liegt.“

Privatdozent Dr. Florian Hoffmann ist Oberarzt auf der Pädiatrischen Intensivstation des Münchner Haunerschen Kinderklinikum (LMU).

Johannes Liese ist Leiter des Bereichs pädiatrische Infektiologie und Immunologie am Würzburger Universitätsklinikum. Der Mediziner forscht aktuell zum Infektionsgeschehen in Kindertagesstätten. Die Forschungsergebnisse stünden zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht genau fest. Laut focus.de sagt er dazu: „Bisher hat das Virus die Kitapopulation ausgespart.“ Aber es würden gerade vermehrt an Corona erkrankte Kinder im Würzburger Uniklinikum behandelt werden. Er vermute einen Zusammenhang mit der Mutationsausbreitung*.

Wegen britischer Corona-Mutation in München: Kinderarzt: „Sofortiger totaler Shutdown unumgänglich“

Eine Sonderheit bei Corona*-Verläufen bei Kindern sei das sogenannte PIMS-Syndrom. „Manche Kinder bekommen das ein paar Wochen nach einer überstandenen Corona-Infektion. Verbunden ist das Syndrom mit sehr hohem Fieber, Herz- Kreislaufbeschwerden und Hautausschlag“, erklärt Hoffmann im Gespräch mit Merkur.de. „Wir haben am Haunerschen Kinderspital bisher vier solcher Patienten gehabt. Zum Glück ist keiner verstorben.“ Nichtsdestotrotz hält der Intensivmediziner einen „sofortigen, totalen Shutdown* unumgänglich“.

„Lieber gestern als morgen. Auch Schulen und Kitas werden leider wieder in den Fokus rücken.“ Denn: „Dass Kinder bisher keine schweren Verläufe haben, ist zwar beruhigend aber, aktuelle Zahlen zeigen auch eine deutliche Zunahme der Infektionszahlen mit B1.1.7 bei Patienten unter 15 Jahren“, so Hoffmann. Dazu sei die Annahme, „dass Kinder keine Überträger des Virus seien, absoluter Käse“, betont der Intensivmediziner. Er ist sich sicher, dass bald die britische Mutation die Ursprungsvariante in München „beinahe komplett verdrängt haben wird.“ Dazu sagt er: „Diese Mutation ist im Mittel um 40 Prozent ansteckender. Natürlich wird es dann auch mehr Kinder geben, die mit Corona infiziert sein werden und das Virus übertragen* werden.“ In diesem Zusammenhang macht der Mediziner auch auf den jüngsten Corona-Ausbruch in einer Kindergarten in Schrozberg* (Landkreis Schwäbisch Hall) aufmerksam. Die Gemeinde ist durch die Ansteckungen innerhalb des Kindergartens zu einem der deutschlandweit am stärksten von Corona belasteten Orte mutiert. Die Sieben-Tage-Inzidenz preschte hier innerhalb weniger Tage auf über 1000 (Stand 17. März).

München: Problem der Knappheit an Kinder-Intensivbetten seit Jahren zugespitzt

Bezogen auf die Kinderintensivbetten in der bayerischen Landeshauptstadt* sagt er: „Mit Blick auf Corona ist die Lage nicht prekärer als davor.“ Jedoch möchte er auf den Umstand aufmerksam machen, „dass schon vor Ausbruch der Pandemie* sich seit Jahren die Situation um die Kinderintensivbetten-Knappheit zugespitzt hat. Das Problem steht mit und ohne Covid* im Raum.“ Beruhigend sei jedoch, dass im Winter 2020/2021 weniger Intensivbetten gebraucht worden sind. „Das liegt an den Abstands- und Hygienemaßnahmen*. Wir hatten weniger Patienten mit dem RS-Virus beispielsweise, als sonst in der kalten Jahreszeit üblich.“

Kinder mit Trisomie 21 als Corona-Risikopatienten? - „Wissenschaftlich umstritten“

Sowohl Markus Knuf, Direktor der Klinik für Kinder und Jugendliche der Helios Dr. Horst Schmidt Klinik in Wiesbaden und Vorstandsmitglied der DGPI, als auch Johannes Liese würden laut focus.de bedauern, dass es noch keine Covid-Impfung* für Kinder gibt. „Wir haben große Gruppen an tatsächlichen Risikopatienten unter den Kindern, Frühgeburten beispielsweise oder Kinder mit Trisomie 21“, sagt Knuf. Für diese Kinder gäbe es null Präventionsangebote. „Das finde ich fast schon skandalös!“, so Knuf. In punkto Risikogruppen macht Florian Hoffmann darauf aufmerksam, dass es wissenschaftlich „noch umstritten ist, ob Kinder mit Trisomie 21 überhaupt eine Covid-Risikogruppe bilden“. Dazu berichtet er: „Ich habe zu Beginn der Pandemie befürchtet, dass beispielsweise onkologische Kinder hoch gefährdet für einen schweren Coronaverlauf sind. Selbst das hat sich bisher glücklicherweise nicht bestätigt.“

Corona-Impfung für Kinder: „langfristig natürlich wünschenswert“

Zum Thema Kinder-Impfung sagt der Münchner Pädiater klipp und klar: „Wir haben noch nicht mal alle Menschen, die zur Priorität 1* gehören, geimpft. Aber wissen, dass über 60-Jährige einem signifikant hohem Risiko eines schweren Verlaufs ausgesetzt sind.“ Hoffmann betitelt es als „langfristig natürlich wünschenswert“, einen Impfstoff gegen das Coronavirus für Kinder zur Verfügung zu haben. Jedoch weiß er auch: „Das kann einige Jahre dauern. Es ist sowieso schon eine Sensation, dass in weniger als einem Jahr mehrere Impfstoffe für Erwachsene entwickelt worden sind. Das gab es weltweit bisher noch nie.“ Hier sei niemandem ein Vorwurf zu machen, dass es zum jetzigen Zeitpunkt noch kein Vakzin für Kinder gibt. Diesbezüglich gibt Hoffmann auch zu Bedenken: „Stand jetzt wissen wir, dass Kinder - mit ganz wenigen Ausnahmen - von einem schweren Covid-Verlauf verschont* bleiben, wir wissen aber noch nicht, welche Nebenwirkungen ein potentieller Impfstoff haben könnte.“ (feb) Merkur.de und tz.de sind Angebote von IPPEN.MEDIA

Rubriklistenbild: © Gregor Fischer/dpa

Auch interessant

Kommentare