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Ben war Deutschlands letzter Zirkusbär.

Der letzte Mohikaner auf dem Gnadenhof

Sehnsucht nach Ben: Krebskranker Clown will seinen Zirkusbären ein letztes Mal sehen

Ben war der letzte Zirkusbär in Deutschland. Vor knapp zwei Jahren hat das Veterinäramt ihn abgeholt. Der Vorwurf lautete, er sei nicht artgerecht gehalten worden. Sein Besitzer Harry Frank bestreitet das. Er leidet noch heute darunter, dass er Ben verloren hat.

Plattling – Tiefe Falten graben sich um Harry Franks Augen. Früher waren dort Lachfalten, der 64-Jährige arbeitete einst als Clown. Heute lacht der ehemalige Zirkusdirektor kaum noch. Er vermisst Ben, seinen Bären. Ben war der letzte Zirkusbär Deutschlands. Er wurde vom Veterinäramt beschlagnahmt. Seitdem ist Harry Frank krank. Er hat Krebs. Sein größter Wunsch ist es, vor seinem Tod Ben noch einmal zu sehen.

Seit 1812 gibt es den Zirkus Alberti. Harry Frank führt ihn in neunter Generation. Seine Kinder und Enkel sind auch Zirkusmenschen. Der 64-Jährige hat sein ganzes Leben im Zirkus verbracht. An Konjunkturschwankungen ist er gewöhnt – aber eine Krise wie diese ist neu für ihn.

Die Geschichte, wie er seinen Ben verloren hat, passt in eine blaue Plastiktüte. Zeitungsartikel hat er darin gesammelt, Fotos und Dokumente. „Skandalzirkus Alberti“ ist eine Schlagzeile. „Wo ist Zirkusbär Ben – 500 Euro Belohnung“ eine andere. Die Bilder zeigen zerrissene Zirkus-Plakate und beschmierte Fenster. Tierschützer bekämpfen den Zirkus Alberti seit langer Zeit.

Ben wurde unter heftiger Gegenwehr abtransportiert

Die Organisationen PETA und „4 Pfoten“ hätten sie schon lange beobachtet, berichten die Franks. „Die waren scharf auf den Bären.“ Bens Wagen stand auf dem Festplatz in Plattling (Kreis Deggendorf). Er war verschlossen und dunkel. Weil Ben darin schlief, betonen sie. Die Tierschützer hatten das Veterinäramt benachrichtigt. Die Behörde griff ein, der Wagen mit Ben wurde unter heftiger Gegenwehr abgeschleppt. „Das ist doch Diebstahl“, sagt Frank. „Die haben sich doch strafbar gemacht.“

Ben hätte kein Wasser und kein Futter gehabt, lautete damals der Vorwurf. Auch die Unterbringung in dem Transporter sei ein tierschutzrechtlicher Verstoß, teilt das Veterinäramt mit. „Er genügte weder den tierschutz- noch den sicherheitsrechtlichen Mindestanforderungen“, erklärt ein Sprecher. „Ebenso verhielt es sich mit dem aus Bauzaunelementen bestehenden Außengehege.“ Harry Frank kann das nicht nachvollziehen. Er betont, dass Ben 135 Quadratmeter für sich hatte. Vorgeschrieben sind nur 75. „Ich habe alle Auflagen erfüllt“, betont er. Ben sei artgerecht gehalten worden.

Seit Ben im Frühjahr 2016 abgeholt wurde, lebt er auf einem Gnadenhof in Bad Füssing. Arpád von Gaál, der Vorsitzende des Vereins Gewerkschaft für Tiere, betont, dass Ben damals in einem guten Zustand war. „Als er bei uns ankam, war er gesund und fit, es hat ihm an nichts gefehlt.“ In der Regel rette der Verein Bären aus schlechter Haltung. „Ben war wirklich ein Vorzeige-Bär – er gehört eigentlich nicht zu den Tieren, die wir suchen und aufnehmen.“ Auch die Haltung im Zirkus sei nach dem Gesetz legal gewesen, betont von Gaál. „Der Zirkusbetreiber hat nach seinen Möglichkeiten das Beste für Ben getan.“

Tierschutzverband: „Das kann nie artgerecht sein“

Andreas Brucker vom bayerischen Tierschutzverband verurteilt es generell, dass Wildtiere gesetzlich im Zirkus gehalten werden dürfen. „Das kann nie artgerecht sein“, betont er. Die Tiere würden immer darunter leiden. „Selbst wenn sie im Zirkus aufgewachsen sind. Sie können dort ihre Veranlagung einfach nicht ausleben.“ Auch ein 135 Quadratmetergehege sei für einen Bären nichts, wenn man seinen Bewegungsradius in freier Natur bedenke. Das gelte auch für andere Wildtiere wie Tiger, Löwen oder Elefanten. „Außerdem bedeuten die Manege und der ständige Transport von Ort zu Ort für die Tiere einen enormen Stressfaktor.“

Auch ein Löwen-Dompteur im Circus Krone sah sich zuletzt heftigen Anschuldigungen von Tierschützern ausgesetzt.

Harry Frank musste damals keine Strafe zahlen. Er dürfte auch weiterhin Bären halten. Nur Ben bekommt er nicht mehr zurück. Aber an Ben hängt sein ganzes Herz. Er hatte ihn einem Zoo abgekauft, als Ben wenige Monate alt war. Der Zirkusdirektor erinnert sich, wie er damals mit ihm an einer Leine im Wald spazieren ging. Oder wie Ben die Zirkuskinder dabei beobachtete, wie sie im Sommer um ihren Pool rannten und reinsprangen. Ben hatte auch einen Pool – und machte es ihnen nach. „Er konnte Roller fahren, Handstand machen, auf der Wippe gehen und einen Purzelbaum schlagen – das hab ich ihm alles beigebracht“. Mehr als zwei Jahrzehnte lang ist Ben mit dem Zirkus von Ort zu Ort gereist. Harry Frank bezeichnet sich als seine Bezugsperson. Sein ganzes Leben drehte sich um den Bären, erzählt er. Er möchte seinen Ben unbedingt noch einmal sehen. Natürlich dürfte er ihn auf dem Gnadenhof besuchen. Aber sehen könnte er ihn nur von Weitem. Ins Gehege darf er nicht. Das bricht Harry Frank das Herz.

In seinem Zirkuswagen hängt ein Ölbild von ihm. Es zeigt Ben, wie er aufrecht neben dem Zirkusdirektor steht. Harry Frank trägt sein blaues Clownskostüm, er hat eine rote Nase. Und Lachfalten um die Augen.

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