Stammtisch-Meister aus der Landeshauptstadt: Die Münchner (hier die „Wuide Rundn“ im Hofbräuhaus) treffen sich bayernweit am häufigsten zum Austausch im Wirtshaus. Haag

Wie politisch ist Bayern?

München - Was denken die Bayern - abseits von Wahlumfragen - über Politik? Eine Studie zeigt: Die Zahl der Uninteressierten und Unzufriedenen wächst, traditionelles Engagement nimmt ab.

Doch zu passiven Egoisten werden die Bayern deshalb nicht - sie engagieren sich nur anders als früher.

von Andreas Zimniok

Gewichtige Anzeichen deuten seit Jahrhunderten darauf hin, nun ist es wissenschaftlich bestätigt: Wir Bayern sind ein Volk von Stammtischbrüdern und -schwestern. Nirgendwo gehen wir lieber hin, nirgendwo schlagen wir uns lieber mit den großen und kleinen Problemen der Politik herum. Herausgefunden haben das - im Auftrag der Hanns-Seidel-Stiftung - die Meinungsforscher vom Institut GMS. In ihrer Sprache heißt das: „Diese Aktivität belegt eindeutig und mit weitem Abstand vor anderen Formen den ersten Rang aller abgefragten Möglichkeiten sozialen, gesellschaftlichen und politischen Engagements.“ Stolze 43 Prozent der Befragten gehören einem Stammtisch oder einer vergleichbaren Gesprächsrunde an.

Da können nur Vereine mithalten - und das auch nur, wenn sich Sportler, Tierzüchter, Trachtler und alle anderen Clubs zusammentun. Besonders fleißige Stammtischbesucher sind die Menschen im Großraum München (53 Prozent). Im übrigen Oberbayern tauschen sich 42 Prozent regelmäßig im Wirtshaus aus, Schlusslicht sind die Unterfranken (35 Prozent).

Weil sich eine Studie über Stammtische allein schlecht mit dem Anspruch seriöser Wissenschaftler verträgt, hat GMS das Themenfeld breiter gesteckt. „Politische Partizipation und gesellschaftliches Engagement in Bayern“ heißt die repräsentative Untersuchung - sie gibt Aufschluss darüber, wie die Bayern politisch ticken.

Immer mehr Menschensind politische Themen wurscht

Dabei kam heraus: Immer mehr Menschen im Freistaat sind politische Themen völlig wurscht. Bei der jüngsten Befragung im Herbst 2010 gaben 17 Prozent an, sich „gar nicht“ für Politik zu interessieren. 2009 waren es nur 9 Prozent. Allerdings gibt es nach wie vor 15 Prozent, die „sehr stark“ interessiert sind, sowie 30 Prozent „stark“ und 35 Prozent „etwas“ Interessierte.

Auffällig ist außerdem, dass vielen Bayern die globale Wirtschaftskrise noch aufs Gemüt drückt. Bis 2007 waren noch rund 40 Prozent der Meinung, dass sich Wirtschaft und Politik im Freistaat im Vorjahr besser entwickelt haben als anderswo auf der Welt. 2008, also zu Beginn der Krise, sackte dieser Wert auf 30 Prozent ab - und dort dümpelt er auch jetzt noch herum. Lediglich im Großraum München ist die Stimmung besser. Hier kratzt der Wert mit 37 Prozent an der alten 40er-Marke.

Zugleich wächst die Zahl der Bayern, die den Zustand der Demokratie in Deutschland kritisch sehen. 33 Prozent erklärten, „nicht zufrieden“ zu sein. 2009 waren es noch 22 Prozent. Ähnlich hat sich die Wahrnehmung der Bayern entwickelt, was die Gerechtigkeit in Politik und Gesellschaft angeht. Hier stieg der Anteil der Enttäuschten von 25 auf 34 Prozent.

Rauchverbote in den Bundesländern

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Interessant ist außerdem, dass sich die Bayern zunehmend neue Möglichkeiten suchen, um sich gesellschaftlich zu engagieren. Der Anteil der Vereinsmitglieder ist seit 1995 von 48 auf 43 Prozent zurückgegangen, den Parteien im Freistaat ist gar ein Drittel der Mitglieder davongelaufen. Gleichzeitig nahm das Engagement in Bürgerinitiativen deutlich zu. 1995 arbeiteten 8 Prozent der Bayern in solchen Gruppen mit, 2010 waren es bereits 14 Prozent. Auch Hilfsorganisationen wie die Feuerwehr und das Rote Kreuz konnten sich über etwas Zulauf freuen. „Das Engagement ist nicht weniger geworden - es ist anders geworden“, erklärt GMS-Chef Helmut Jung.

Der Mann kennt sich mit Umfragen aus. Sein Institut arbeitet seit Jahrzehnten für die Hanns-Seidel-Stiftung und die CSU - auch die umstrittenen „Resonanzstudien“ für die Staatskanzlei stammen von GMS. In diesen erteilte Jung der CSU gute Ratschläge (Seitenhiebe auf die FDP), nun hat er schlechte Nachrichten. Die Christsozialen haben wie alle Parteien Einfluss im „vorpolitischen Raum“, zu dem Vereine und Stammtische zählen, eingebüßt. Dass sich das schnell ändern lässt, glaubt Jung nicht: „Selbst die Macht von Herrn Seehofer ist nicht so groß, dass er mit einem Tagesbefehl die Mitglieder in den Ortsverbänden hinaustreiben könnte in die Vereine, damit die da alle wieder sitzen.“

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