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Gerechtigkeit auf dem Prüfstand: Weshalb ist ein Gutachter weiter aktiv, der einst ein fatales Fehlurteil fällte?

Er brachte Unschuldigen ins Gefängnis

Polizei setzt umstrittenen Gutachter weiter ein

München - Cornelius Schott brachte einst einen Unschuldigen für acht Jahre ins Gefängnis. Trotz des fatalen Fehlurteils ist er heute immer noch ein viel beschäftigter Gutachter der Polizei.

Im Jahr 2007 stand die Karriere des Gutachters Cornelius Schott auf der Kippe. Das Oberlandesgericht Frankfurt warf dem Anthropologen eine „grob fehlerhafte“ Beurteilung vor. Der Richterspruch des 19. Zivilsenats: 150 000 Euro Schadensersatz. Schott hatte Mitte der Neunziger Jahre den Unterfranken Donald Stellwag anhand von Bildern einer Überwachungskamera als Bankräuber entlarvt. Laut Schott war es „unvorstellbar“, dass ein anderer infrage kommt. Der vermeintliche Täter bestritt alles. Trotzdem kam er ins Gefängnis.

Acht Jahre später, als Stellwag seine Strafe abgesessen hatte, kam dann heraus: Der vermeintliche Bankräuber hatte mit dem Verbrechen nicht das Geringste zu tun. Ein anderer hatte die Tat begangen. Cornelius Schott hatte vollkommen daneben gelegen. Der Fall machte bundesweit Schlagzeilen. Mit seinem Rechtsanwalt tourte Stellwag durch Talkshows. Schotts Ruf war ruiniert. Und wer gibt einem solchen Gutachter noch Aufträge?

Grünen-Abgeordnete Katharina Schulze.

Diese Frage ist inzwischen beantwortet: Schott, der im hessischen Langenselbold niedergelassen ist, hat gut zu tun. Quer durch die Republik sind seine Gutachten nach wie vor gefragt. Ein wichtiger Auftraggeber ist zum Beispiel die bayerische Polizei. Das geht aus der Antwort von Innenminister Joachim Herrmann (CSU) auf eine Anfrage der Landtagsabgeordneten Katharina Schulze (Grüne) hervor. Die Zentrale Verkehrsordnungswidrigkeiten-Stelle (VOWI-Stelle) in Straubing versorgt den Gutachter eifrig mit Aufträgen.

Unter den vier Experten in der Kartei der Behörde hat Schott eine dominante Stellung: Bei 289 Vorgutachten, die dort im Jahr 2013 angefragt wurden, ging der Auftrag 250 Mal an Schott – also in fast 90 Prozent der Fälle. In den Jahren zuvor lag die Quote sogar noch leicht höher.

An Schotts Vergangenheit stört sich die Polizei nicht. Die Zusammenarbeit mit ihm habe sich „bewährt“, schreibt Herrmann. Schott genieße bei der Polizei „trotz seiner Vorgeschichte ein sehr gutes Ansehen“. Fehlgutachten bei der VOWI-Stelle seien nicht bekannt. Zudem seien seine Gutachten „deutlich kostengünstiger“ als die anderer Fachleute, heißt es auf Anfrage im Ministerium.

Justiz-Opfer Stellwag.

Für Schulze ist die Sache trotzdem nicht so einfach erledigt. „Ich finde es problematisch, dass ein Mann mit dieser Vorgeschichte diese Monopolstellung hat“, sagt die Grünen-Abgeordnete. „Ich erwarte, dass die Behörden sich intern mit dem Fall beschäftigen.“ Das ist offenbar ohnehin geplant. In diesem Jahr will die Polizeiverwaltung die Vergabepraxis bei den Vorgutachten erneut evaluieren.

Mit den Vorgutachten soll zum Beispiel geklärt werden, wer bei einer Geschwindigkeitsüberschreitung oder beim Überfahren einer roten Ampel tatsächlich am Steuer saß. Der Gutachter gleicht dabei die oft schlecht erkennbaren Bilder aus Blitzern oder Überwachungskameras mit Passfotos ab.

Unter Fachleuten hatte Schotts Ruf zumindest zeitweise gelitten. Nach dem fatalen Irrtum waren weitere Beschwerden aufgetaucht. Mehrere Gutachten des Anthropologen wurden mit Gegenexpertisen angegriffen. Das Bayerische Fernsehen berichtete über weitere offensichtliche Irrtümer des Experten.

Der Rechtsmediziner Jochen Wilske untersuchte die Arbeit Schotts seinerzeit. Damals leitete er die Rechtsmedizin der Universität des Saarlandes in Homburg. Heute ist er im Ruhestand, lebt in Wolfersdorf im Landkreis Freising. Die Art, wie Schott seine Gutachten damals erstellt habe, sei oberflächlich gewesen, sagt er. Man habe nur vom Wiedererkennen von Personen, nicht aber von ihrer Identifizierung sprechen können. „Als seriöses Vorgehen kann ich sowas nicht bezeichnen“, sagt Wilske.

Schott selbst weist die Vorwürfe zurück. „Das ist alles so lange her“, sagt er. Die wissenschaftlichen Methoden, aber auch sein Erfahrungsschatz hätten sich weiterentwickelt. Nachdem sein Fehlgutachten bekannt geworden war, hätten sich einfach nur viele „Trittbrettfahrer“ gemeldet, die seinem Ruf schaden wollten. Die Auftraggeber schätzten seine Arbeit, auch die bayerische Polizei, sagt Schott. „Die wissen halt, was sie an mir haben.“

Am Ruf des Gutachters kratzt aber auch eine eher launige Anekdote, die sich hartnäckig durch alle Berichte über ihn zieht. Schott, so heißt es, habe mal bei der Fernsehsendung „Wetten dass...?“ vorgesprochen. Er habe Menschen an ihren Ohrläppchen erkennen wollen. Angeblich war seine Trefferquote aber zu gering; zu einem Auftritt in der ZDF-Sendung kam es nicht. Eine böswillige Legende? Beim ZDF lässt sich die Sache nicht mehr rekonstruieren. Schott bestätigt nur, dass er mal dort gewesen sei. Alles andere sei aber „reine Erfindung“.

Til Huber

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