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Ruheoase Ostallgäu: Es gibt viele Argumente für einen Kurzurlaub in Füssen, jetzt einen mehr: Guter Schlaf.

Gesunder Schlaf in Füssen

„König Ludwig gibt Kneipp die Hand“

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Nach Füssen im Ostallgäu kommen Touristen aus aller Welt. Neuerdings aber nicht nur zum Klettern, Baden und Wandern - sondern zum Schlafen. Der Tourismus-Chef des Kurorts, erklärt warum.

Füssen – Die malerische Lage am Fuße der Alpen, sattgrüne Wiesen, klare Seen – es gibt viele gute Gründe, einen Kurzaufenthalt im Ostallgäu zu verbringen. Insbesondere das 15 000-Einwohner-Städtchen Füssen mit seinen bunten Häuserfassaden hat so einiges zu bieten: Outdoor-Fans kommen her, um auf die Hausberge zu kraxeln, Touristen aus aller Welt, um das berühmteste aller Königsschlösser zu besichtigen. Aktivitäten, die in aller Regel bei Tag stattfinden.

Eher Typ Eule als Lerche: Füssens Tourismus-Chef Stefan Fredlmeier, 51.

Neu ist, dass es Menschen aus ganz anderen Beweggründen nach Füssen zieht: zum Schlafen. Ein durchaus ernstes Thema, denn die Menschen, die zum Schlafen nach Füssen kommen, sehen meist keinen anderen Ausweg mehr. Sie folgen einem Aufruf, den die Füssener zusammen mit der Barmer GEK Ersatzkasse geschaltet haben, um 100 Probanden zu helfen, ihre „lebensstilbedingten Schlafstörungen“ zu kurieren. Wie und warum ausgerechnet in Füssen, das verrät Stefan Fredlmeier, Tourismus-Chef des kleinen Kurorts.

Herr Fredlmeier, mal provokativ gefragt: Werden in Füssen abends die Gehsteige hochgeklappt oder warum soll man ausgerechnet bei Ihnen so gut schlafen können?

Nein, nein, die Gehsteige sind schon noch unten (lacht). Füssen ist sicher nicht der große Halligalli-Ort, aber wir machen gerade erhebliche Anstrengungen, um gesunden Schlaf anbieten zu können, und zwar über ein traditionelles Naturheilverfahren. Im Kern geht es um die ganzheitliche Gesundheitslehre von Sebastian Kneipp. Zusammen mit der Ludwig-Maximilians-Universität in München haben wir ein Präventionsprogramm entwickelt, das wir im Augenblick an sogenannten Probanden testen. Das ist ein sehr spannendes Thema.

Können Sie mal erklären, wie es zu diesem ungewöhnlichen Experiment gekommen ist?

Füssen ist ja seit vielen Jahrzehnten Kneipp-Kurort, was ungerechterweise ein wenig angestaubt klingt. Jeder rennt der traditionellen chinesischen Heilmedizin hinterher, übersieht aber, dass wir hier im Allgäu ein sehr kostbares Gesundheitsgut haben, das sich leider unter einer gewissen Patina befindet. Deswegen hatten wir einen Runden Tisch und haben uns den Kopf zerbrochen, bis Frau Prof. Dr. Dr. Angela Schuh von der LMU fragte: Was haltet ihr vom Thema Schlaf? Das hat sofort für glänzende Augen gesorgt.

Der Schlaf als Erweckungserlebnis?

Sozusagen. Sie müssen ja nur den Fernseher anschalten, da geht es überall um Schlaf. Schlafstörungen, Schlafmittel . . . Es ist ein gesellschaftlich relevantes Thema, bei dem wir sagen: Wenn das funktioniert, macht man Menschen glücklich. Genauso wie schlechter Schlaf zermürben kann, macht guter Schlaf glücklich.

Aber wie setzt man so ein Thema um?

Es gibt ja eine Qualitätsoffensive für Kurorte seitens des Freistaats Bayern. Das ist ein großes Projekt, in das zehn Millionen Euro an Fördergeldern fließen. Zusammen mit der LMU haben wir uns in diese Thematik hineinvertieft – und uns mit der Idee beworben, Personen mit lebensstilbedingten Schlafstörungen mit einer Kneippkur zu helfen.

Laut Gesundheitsreport 2017 der DAK leiden ja 80 Prozent der Erwerbstätigen an Schlafstörungen. Wie muss man sich Ihre Kur konkret vorstellen?

Die LMU hat Probanden ausgewählt, denen wir im Rahmen jeweils dreiwöchiger Durchgänge helfen wollen. Wichtig ist, dass die Teilnehmer keine organischen Probleme haben, Alkoholiker sind oder Depressionen haben. Da kann man mit dieser Kur nicht helfen, das ist ein anderer Ansatz.

Ihrer dagegen?

Bei unserem Ansatz geht es darum, zunächst an 100 Probanden nachzuweisen: Ja, diese Methode hilft. Das Ganze hat einen wissenschaftlichen Anspruch. Irgendwann soll es so sein, dass man sagt: Der Gesundheitsort Füssen steht für gesunden Schlaf. Hier soll man sich wohlfühlen als Gast – und als Patient. Letztlich ist es ja so, dass unsere Region in dieser Hinsicht ein großes Vorbild hat. König Ludwig hat damals auch ein Umfeld gesucht, an dem er zu sich finden konnte. Da schließt sich dann der Bogen. Irgendwo geben sich in Füssen gerade König Ludwig und Kneipp die Hand (lacht).

Was sind das denn für bedauernswerte Menschen, die Füssen als letzten Rettungsanker ansehen?

Das ist wirklich spannend. Anfang März durfte ich wieder 18 Probanden begrüßen. Die berichten dann kurz, woher die Schlafstörungen kommen. Viele von ihnen sind entrhythmisiert – durch die Arbeitswelt, auch durch familiäre Umstände. Teilweise kommen die in einem erschreckenden Zustand an. Der Kneippianer würde sagen: Sie finden keine innere Ordnung mehr. Struktur hilft dabei, in einen schlaffördernden Zustand zu kommen, aber auch Bewegung oder Meditation. Schlafmangel ist ja keine Lappalie, sondern richtig kritisch. Zu wenig Schlaf auf Dauer macht alt, krank und depressiv, das ist wissenschaftlich erwiesen.

Und was machen die „Schlafhasen“ dann, wie Sie die Probanden liebevoll nennen? Werden die sofort nach ihrer Ankunft ins Bett gelegt?

Ganz so ist es nicht(lacht). Es gibt da ein relativ straffes Programm. Da sind Wasseranwendungen dabei, weil man weiß: Abends ist es gut, wenn man die Körpertemperatur zum Beispiel durch kalte Waschungen ableitet. Auch die Balance zwischen Anspannung und Entspannung ist wichtig, Ernährung natürlich, Heilkräuter. Auf einen Schweinsbraten vor dem Schlafengehen sollte man verzichten. Stattdessen ist Yoga hilfreich, und auch das Thema Chronobiologie spielt eine sehr große Rolle, die innere Uhr. Jeder hat ja schon mal gehört: Es gibt Lerchen, das sind die Frühaufsteher – und es gibt Eulen, die abends länger aufbleiben und dann auch produktiv sind. Diese Chronobiologie ist genetisch verankert und wird in aller Regel durch die Arbeitswelt unterdrückt.

Und das zahlt alles der Tourismusverband?

Das jetzige Projekt, die Schlafstudie, ist wie gesagt gefördert vom Freistaat Bayern, aber ja: Ein bestimmter Anteil wird von Füssen Tourismus und Marketing bezahlt. Letztlich sind ja ganz viele mit im Boot: Hotels, Kurärzte, Therapeuten, die LMU München und auch die Hochschule in Kempten. Ein richtiges Schlafnetzwerk ist das. Kein verschlafenes Netzwerk, sondern ein ganzes Schlafkompetenznetzwerk (lacht). Wir hoffen darauf, dass Kneipp eine ähnliche Renaissance erlebt wie das Wandern, das ja auch zwischenzeitlich als reichlich angestaubt galt.

Ihre Studie erhebt ja einen streng wissenschaftlichen Anspruch. Welche Erkenntnisse erwarten Sie denn kurz umrissen?

Ich kann nur so viel sagen: Wenn das jetzt aussichtslos wäre, hätten wir kaum schon den fünften Durchgang und den sechsten in Planung. Ich denke, wir sind da auf einem guten Weg. Die LMU macht das auch sehr akribisch, was sehr wichtig ist, um die wissenschaftliche Nachhaltigkeit nachweisen zu können.

Abschließend noch zu Ihnen selber: Sind Sie denn ein guter Schläfer?

Generell schon. Ich arbeite ja auch viel und bin gerne in der Natur. Vom Typ bin ich wohl eher der Typ Nachtigall, durch meine Frau aber zu einer Lerche mutiert. Meine Frau liebt es, um 5.15 Uhr aufzustehen, aber wir haben im Urlaub mal einen Test durchgeführt. Ganz ohne Uhr gelebt, nur auf die Zeichen des Körpers gehört. Seitdem haben wir uns geeinigt: Sie steht jetzt nicht mehr um 5.15 Uhr auf, sondern um 5.45 Uhr. Ist zwar nur eine halbe Stunde Unterschied, aber der wirkt sich absolut positiv aus: Sie ist dann immer noch als früher Vogel unterwegs, aber meiner Laune ist das extrem zuträglich. So haben wir beide etwas davon (lacht).

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