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Ein Einkaufswagen voller Lockangebote: Oberbayerns Bauernpräsident Anton Kreitmair (li.) empört sich in Dachau vor einem Discounter über die Billigstpreise für Fleisch, Käse und Milch.

Konflikt auf dem Rücken der Bauern

Preiskrieg: Landwirte protestieren vor Discountern

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München - Hunderte Bauern sind am Dienstag vor Supermärkten und Discountern in Bayern aufmarschiert. Sie protestierten gegen Rabattaktionen und Schleuderpreise bei hochwertigen Lebensmitteln wie Milch, Butter und Fleisch. Für die Bauern ist der Preiskampf ruinös.

10.30 Uhr in Oberbayern: In Mammendorf (Kreis Fürstenfeldbruck), Rosenheim, Dachau, Ebersberg, Gilching (Kreis Starnberg) und vielen weiteren Gemeinden haben sich am Dienstag Bauern auf den Weg gemacht zu Discountern und Supermärkten. Nicht zum Einkaufen, sondern um zu protestieren. Gegen Rabattaktionen und Sonderangebote. Gegen Schleuderpreise, zu denen Milch und Milchprodukte, aber auch Fleisch verramscht werden. In ganz Bayern waren es 45 Aktionen, zu denen der Bayerische Bauernverband aufgerufen hatte.

„19 Cent für einen 150-Gramm-Becher Joghurt, 55 Cent für einen Liter Milch, 79 Cent für ein Paket Butter – das sind Preise, die haben mit Vernunft nichts mehr zu tun. Da stimmt das System nicht mehr“, empört sich Anton Kreitmair, Bezirkspräsident des oberbayerischen Bauernverbands und CSU-Landtagsabgeordneter. Mit 80 Landwirten ist er in Dachau vor Aldi und Lidl aufgetaucht. Die verärgerten Bauern kauften Sonderangebote in den Discountern auf, pappten Aufkleber auf die Kartons („Schleuderpreise zerstören die Heimat“), diskutierten mit Verbrauchern. Einen ganzen Einkaufswagen mit Billigjoghurt, Butter, Wurst, Gemüse hat Kreitmair aus dem Discounter geschoben. Und sich gewundert: 24,24 Euro hat er bezahlt. Er geht selten einkaufen, räumt er im Gespräch ein. „Doch bei einem so vollen Wagen hatte ich mit 70, 80 Euro gerechnet...“

Prekär nennt Bayerns Bauernpräsident Walter Heidl die Situation der Bauern. Die Ernte ist wegen der Wetterkapriolen beeinträchtigt, die Preise für Milch und Fleisch „sehr schlecht“. Hinzu kommen öffentliche Diskussionen über Tierhaltung und Ackerbau sowie immer neue Regelungen und Dokumentationspflichten. „Die Grenze der Leistbarkeit ist auf vielen Bauernhöfen erreicht – und zum Teil auch schon überschritten“, sagte er. In dieser Situation hätten die großen deutschen Handelsunternehmen zum Kampf geblasen: „Ein irrsinniger Verdrängungswettbewerb tobt auf dem Rücken der Bauern.“ Die Schleuderpreise, so der Bauernpräsident, zerstörten die Grundlagen für eine nachhaltige und regionale Landwirtschaft. Wenn der Verdrängungswettbewerb nicht gestoppt werde, bleibe nur noch ein großer Handelskonzern übrig. Der bestimme dann nicht nur die Preise, sondern auch, „was wir einkaufen. Das kann niemand ernsthaft wollen“.

Oberbayerns Bauernpräsident Kreitmair will die Verbraucher nicht attackieren, die beim Discounter einkaufen. Er hat Verständnis für die Kunden, die aus finanziellen Gründen billig einkaufen müssen. Und er gibt auch zu, dass seine Frau zum Aldi fährt. Aber: „Wir greifen nicht zu den Billigstpreisen.“ Ihm geht es um das „System der Schleuderpreise“, gegen das er protestiert. „Jede Woche die Preise neu drücken in Bereichen, die nicht mehr kostendeckend sind, das darf nicht sein.“ Discounter und Supermärkte hätten es nicht nötig, Lebensmittel so zu verschleudern. Kreitmaier weiß, dass die Preise quergerechnet werden und die Rabattaktionen Werbemaßnahmen sind – doch das alles gehe zu Lasten der Bauern. Der Handel habe eine Verantwortung dafür, dass die Heimat nicht zerstört werde. Er ist davon überzeugt, dass es nicht die letzte Aktion war. „Es muss anders werden und ich bin mir sicher: Wenn ich nochmal aufrufe, kommen mehr als 100 Bauern.“ Die Dachauer Landwirte haben aber nicht nur geschimpft – sie haben zusätzlich noch ein gutes Werk getan. Die gekauften Lebensmittel brachten sie nämlich zur örtlichen Tafel.

Claudia Möllers

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