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Für Kinder bedeutet Armut auch Isolation. 

Kürbiskerne als Mittagessen

Armut: So viele Kinder leben in der Region von Hartz IV

Es ist alarmierend, wie viele Kinder in Deutschland in armen Verhältnissen leben müssen. Wie es in der Region und in Bayern aussieht, haben wir in einer Tabelle zusammengefasst.  

München - Mehr als jedes fünfte Kind in Deutschland lebt laut einer Studie der Bertelsmann-Stiftung länger als fünf Jahre in armen Verhältnissen. Für zusätzlich zehn Prozent der Kinder in der Bundesrepublik ist Armut nach der Untersuchung, die am Montag vorgestellt wurde, zumindest ein zwischenzeitliches Phänomen. „Kinderarmut ist in Deutschland ein Dauerzustand. Wer einmal arm ist, bleibt lange arm. Zu wenige Familien können sich aus Armut befreien“, sagt Stiftungsvorstand Jörg Dräger zum Ergebnis der Studie.

Den Kindern und Jugendlichen in Bayern geht es dabei vergleichweise besser. Lebten in Deutschland im Schnitt 14,7 Prozent der Unter-18-Jährigen in Hartz-IV-Bedarfsgemeinschaften, so waren dies im Freistaat spürbar weniger: bayernweit 6,8 Prozent. Doch es gibt auch Ausreißer nach oben: die Stadt Schweinfurt etwa mit einem Anteil von 21,9 Prozent, die Stadt Hof mit mit 21,5 Prozent, Nürnberg mit über 20 Prozent, Weiden mit 17,7 Prozent und Fürth mit 16,6 Prozent. Hartz IV – ein Problem in den größeren Städten?

Die Kinder sind grundversorgt, aber vom gesellschaftlichen Leben abgekoppelt

Als armutsgefährdet gelten laut der Studie Kinder, die in einem Haushalt leben, der über weniger als 60 Prozent des durchschnittlichen Haushaltsnettoeinkommens verfügt oder Grundsicherung erhält. Für die Studie haben die Forscher erstmals auch über den Zeitraum von 2011 bis 2015 untersucht, wie undurchlässig die sozialen Milieus sind.

Armut bedeutet laut Bertelsmann-Stiftung für die Kinder in erster Linie Verzicht. Die Grundversorgung ist demnach in der Regel gewährleistet, aber die Betroffenen sind vom gesellschaftlichen Leben abgekoppelt. Um das messbar zu machen, fragten die Wissenschaftler, welche 23 Güter und Aspekte aus finanziellen Gründen in den Familien fehlen. Darunter fallen Kinobesuche, Freunde einladen, Computer mit Internetzugang oder eine zu kleine Wohnung. Kinder in dauerhafter Armutslage geben an, dass ihnen im Schnitt 7,3 der abgefragten Güter fehlen. Kinder mit zwischenzeitlicher Armutserfahrung geben an, im Durchschnitt auf 3,4 Dinge verzichten zu müssen. Kinder, die dauerhaft in gesicherten Verhältnissen leben, fehlen aus finanziellen Gründen im Schnitt nur 1,3 der 23 Güter.

„Die zukünftige Sozialpolitik muss die Vererbung von Armut durchbrechen. Kinder können sich nicht selbst aus der Armut befreien – sie haben deshalb ein Anrecht auf eine Existenzsicherung, die ihnen faire Chancen und gutes Aufwachsen ermöglicht“, sagt Stiftungsvorstand Dräger. Daher solle die Politik Kinder nicht wie kleine Erwachsene behandeln.

Interview: Hartz-IV-Sätze für die Kinder müssen rauf!

München liegt mit einem Anteil von 11,8 Prozent von Kindern und Jugendlichen, die Hartz IV beziehen, weit über dem bayerischen Schnitt. Wir sprachen mit Fabian Rössel (42), Geschäftsführer des Münchner Kinderschutzbundes:

Herr Rössel, wie wirken sich solche Verhältnisse bei Kindern aus?

Fabian Rössel vom Kinderschutzbund München. 

Fabian Rössel: Sie leben ja wegen den hohen Mieten, was ein großer Faktor bei der Armut ist, in kleinen Wohnungen. Wenn die Kinder etwa eine Einladung zu einer Geburtstagsfeier eines Freundes vom Mittelstand erhalten, sagen sie etwa mit ,keine Lust‘ ab. Nicht, weil sie nicht möchten, sondern, weil sie Angst davor haben, eine Gegeneinladung zu machen. Was wegen der beengten Verhältniss nicht geht.“

Macht das Kinder depressiv?

Rössel: Da spielt eher Gewöhnung mit. Die Kinder versuchen, solche Situationen zu überspielen. Sie sind geübt im Kompensieren, im Ausgleichen, sie wollen nicht anders sein.

Wie ließen sich solche Verhältnisse zum Wohle der Kinder verbessern?

Rössel: Die Stadt macht viel, mit ermäßigten Kita-Gebühren etwa. Aber richtig helfen würde eine Erhöhung der Hartz-IV-Sätze auf 573 Euro pro Kind, wie es das Bündnis Kindergrundsicherung fordert. Derzeit erhalten 14- bis 17-Jährige 311 Euro, Jüngere noch weniger.

Armut bei Kindern, wie lässt sie sich denn bildlich darstellen?

Rössel: Wir hatten mal ein Kind, das zum Mittagessen eine Handvoll Kürbiskerne dabei hatte.

Städte und Landkreis

Hartz4-Quote

 in Prozent

Ingolstadt

8,8

München

11,8

Rosenheim

11,6

Altötting

6,0

Berchtesgadener Land

5,6

Bad Tölz-Wolfratshausen

4,0

Dachau

3,9

Ebersberg

2,7

Eichstätt

1,9

Erding

3,4

Freising

2,7

Fürstenfeldbruck

6,4

Garmisch-Partenkirchen

6,3

Landsberg am Lech

3,6

Miesbach

3,5

Mühldorf am Inn

6,3

Landkreis München

4,5

Neuburg-Schrobenhausen

3,2

Pfaffenhofen an der Ilm

2,2

Rosenheim

3,2

Starnberg

3.0

Traunstein

4,1

Weilheim-Schongau

5,1

Landshut

10,6

Passau

12,6

Straubing

13,8

Deggendorf

6,0

Freyung-Grafenau

4,2

Kelheim

3,0

Landshut

3,3

Passau

5,7

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