Pro-Bahn-Chef: "Ich wünsche mir einen Deutschlandtakt"

München - Jörg Bruchertseifer ist seit kurzem Bundesvorsitzender des Fahrgastverbands „Pro Bahn“. Er kommt aus Augsburg, ist München-Pendler und hat eine Vision: den perfekten Personenverkehr.

Herr Bruchertseifer, Sie pendeln täglich zwischen Augsburg und München. Wie oft fluchen Sie wegen Zugverspätungen?

Der tägliche Weg ist besser geworden, seit der viergleisige Ausbau fertig ist. Aber natürlich, Pendler sind kritisch gegenüber Verspätungen. Ich ärgere mich schon oft. Wenn der Zug fünf Minuten Verspätungen hat und nach fünf Minuten kommt die Ansage, dass es plötzlich zehn Minuten sind.

Wo sehen Sie bundesweit Handlungsbedarf bei der Bahn?

Der Deutschlandtakt ist ein großes Thema. Das heißt, die Verknüpfung der Bahnangebote im Kurz-, Mittel-, und Langstreckenverkehr. Das ist unsere Vision. Wir brauchen eine durchgehende Reisekette vom Start bis zum Ziel. Die Konkurrenz durch das Auto ist groß. Wir brauchen eine Alternative zum motorisierten Individualverkehr.

Klingt kompliziert. Wer müsste die Taktung aufeinander abstimmen? Die Unternehmen selbst? Das Verkehrsministerium?

Das Bundesverkehrsministerium müsste die Abstimmung zwischen den einzelnen Unternehmen sicherstellen. Verkehrsmittelübergreifend. Der Bund ist für den überregionalen Langstreckenverkehr verantwortlich. Wenn das nur bei einem Betreiber angesiedelt wäre, dann könnte dieser seine Vormachtstellung ausnutzen. Es muss für alle Betreiber funktionieren.

Stichwort Abstimmungsschwierigkeiten. Zwischen München und Salzburg können sich die Bahn und Veolia nicht auf ein einheitliches Ticket einigen.

Es braucht aber ein einheitliches, durchgehendes Ticket. Wenn Sie zum Beispiel von Wasserburg nach Berchtesgaden fahren wollen, dann werden sie mit der Bahn von Wasserburg nach Rosenheim fahren, dann mit der Veolia nach Freilassing, dann mit der Berchtesgadener Landbahn nach Berchtesgaden. Sie brauchen drei Tickets, am Automaten kann man aber nur zwei lösen. Der Freistaat muss hier Vorgaben machen, um eine fahrgastfreundliche Lösung zu finden.

Die Bahn bietet Kurse für Fahrgäste an, Ticket-Automaten richtig zu bedienen. Läuft hier etwas falsch?

Die nicht computeraffine Generation hat eine hohe Einstiegsbarriere. Auf dem Land gibt es oft keine andere Möglichkeit, als den Fahrschein am Automaten zu kaufen. Der Kauf eines Tickets muss einfacher, klarer werden.

Wie?

In der Berchtesgadener Landbahn etwa ist ein Schaffner drin, der ohne Aufpreis Tickets verkauft. Das ist eine Möglichkeit. Und das Menu bei den Automaten muss einfacher werden.

Wo hakt es auf bayerischen Schienen?

Großes Ziel muss es prinzipiell sein, mehr Personen und mehr Güter auf die Schiene zu bringen. Die Strecke München-Lindau etwa ist einspurig und nicht elektrifiziert, das heißt, ein ICE kann hier nicht fahren. Neben der Strecke aber führt eine vierspurige Autobahn lang.

Setzt der Bund dort die Schwerpunkte falsch?

Wir haben die Infrastruktur, die die Politik vorgibt. Und die ist an zu vielen Stellen noch sehr pro Autoverkehr. Auf der Schiene gibt es einen Investitionsstau.

Der Busfernverkehr soll liberalisiert werden. Wird das Bahnfahren durch die Konkurrenz billiger?

Auf manchen Strecken, auf denen das Angebot der Bahn nicht reicht, vielleicht. Aber der Busverkehr ist geschwindigkeitsbeschränkt, der Bus könnte höchstens mit den Sparangeboten der Bahn konkurrieren.

Die Strecke München-Berlin kostet mit der Mitfahrgelegenheit, mit dem Auto, rund 30 Euro, mit der Bahn regulär 121 Euro. Wieso sollte ich mich für die Bahn entscheiden?

Sie haben Recht. Die Bahn muss adäquate Angebote für alle Kundengruppen bereitstellen. Es ist schade, dass die Preisstruktur so umgestellt wurde, dass der Mitfahrerrabatt nicht mehr wirklich Rabatt bringt. Am Wochenende sind die Züge voll, und an den anderen Wochentagen bekomme ich gute Angebote. Wenn ich mehr Wagen, mehr Züge zur Verfügung stellen würde, könnte ich auch bessere Angebote machen.

Sie haben einen Wunsch an die Bahn frei. Welcher wäre das?

Ein Deutschlandtakt, der einen lückenlosen, öffentlichen Verkehr von A nach B möglich macht.

Patrick Wehner

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