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Lernen die Grundschüler jetzt nur noch, wenn eine Probe bevorsteht?

Probe nur nach Ansage - die Lehrer sind erzürnt

München - Endlich Ruhe – das hatte sich Kultusminister Ludwig Spaenle von der von ihm angestoßenen Grundschulreform erhofft. Das Gegenteil ist eingetreten.

„Gar nichts“ – das ist die eindeutige Antwort von Inge Thaler auf die Frage, was sie denn von der Grundschulreform hält. Und die Leiterin der Astrid-Lindgren-Grundschule in Rosenheim steht mit ihrer Meinung nicht allein. Kaum ein Grundschul-Leiter, der die neuen Regeln begrüßt. „Unglücklich“, „ärgerlich“, „misslungen“, die Kommentare sind eindeutig.

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Dabei hatte es das Ministerium gut gemeint: Mit einer intensiven Beratung schon in den 3. Klassen, einem neu gestalteten Probeunterricht und mehr Elternverantwortung wollte Spaenle die Endlos-Diskussion über die (je nach Einstellung) mal als zu leistungsorientiert, mal als zu verspielt wahrgenommene Grundschule beenden. Doch dieses Ziel hat er verfehlt: Vor allem die neuen Lern- und Probenphasen in der 4. Klassen sind Anlass zu beißender Kritik.

Bisher herrschte in den 4. Klassen der bayerischen Grundschulen ein gewisser Wildwuchs. Die Zahl der Proben in den Kernfächern Mathematik, Deutsch sowie Heimat- und Sachunterricht (HSU) war nicht vorgeschrieben; die Termine wurden in aller Regel nicht angesagt. Freilich signalisierten die meisten Lehrer augenzwinkernd ihren Schülern, dass etwas bevorstand. „Lernen“ stand dann im Hausaufgabenheft. Oder aber der Lehrer sagte den Viertklässlern frei heraus, dass sie sich für die nächste Stunde besonders gut vorbereiten müssten, sie wüssten schon ...

Damit ist es jetzt vorbei. Das Kultusministerium zieht die Zügel an, ganz so, wie es das bayerische Kabinett schon Anfang März beschlossen hatte. Die Zahl der Proben – 12 in Deutsch, je fünf in Mathe und HSU – ist seit diesem Schuljahr verbindlich vorgeschrieben. Ebenso ist es für die Schulen Pflicht, prüfungsfreie Wochen zu haben. Die Proben müssen allerdings bis Ende April geschrieben sein, denn am 3. Mai gibt es das Übertrittszeugnis.

Daher hat zum Beispiel Simone Fleischmann, Rektorin der Volksschule in Poing (Kreis Ebersberg), aus Zeitgründen entgegen der Maßgabe aus dem Ministerium in einigen Wochen zwei Proben je Woche angesetzt. „Wir müssen schließlich noch eine Projekt- und eine Lesewoche abziehen.“ Vordergründig, sagt Fleischmann, sei die neue Regel ein Vorteil für die Eltern. Sie wüssten jetzt, wann ihre Kinder zu lernen hätten. Aber letztlich sei die Reform „Augenwischerei“, weil der Übertrittsdruck steige. An der Grundschule Dachau-Ost ist ihre Kollegin Gabriele Dörfler der selben Meinung. Sie berichtet über eine „sehr angespannte Stimmung“ in den 4. Klassen. Die Rosenheimer Grundschul-Leiterin Inge Thaler sagt: „Der Stress für die Kinder ist jetzt wesentlich höher, die pauken jetzt, da wird das Gymnasium vorverlegt.“ Und Ursula Karnbaum von der Bürgermeister-Prandl-Grundschule Penzberg sagt: „Das bringt keine Erleichterung.“

Zudem ist ein Detail bislang unklar: Es gibt keine Nachschreib-Regelung für diejenigen Schüler, die eine Probe versäumen. Die Furcht unter den Lehrern ist groß, so heißt es hinter vorgehaltener Hand, dass künftige Gymnasiasten auf Anregung ihrer Eltern die letzten Proben planmäßig schwänzen werden, weil sie fürchten, dass der Schnitt ansonsten „versaut“ wird. Die Hoffnungen richten sich auf die Petition „Starke Grundschule“, die der Lehrerverband BLLV im Landtag eingereicht hat. Sie soll demnächst behandelt werden.

von Dirk Walter

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