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Zehn-Finger-Zählsystem: ein achtjähriger Bub beim Rechnen.

Rechenschwäche: Hier finden betroffene Kinder Hilfe

München - Was tun, wenn das Kind 9 – 4 = 6 rechnet? Dyskalkulie, also Rechenschwäche, ist bei Schulkindern ein unterschätztes Problem. Lehrer erkennen das häufig nicht, Eltern sind auf private Lerninstitute angewiesen.

Kurz vor der Weihnachtszeit 2010 wurde Heike von der Ohe hellhörig. Ihre Tochter, damals Zweitklässlerin an einer Grundschule im Landkreis Dachau, hatte offenbar Probleme mit Mathematik. Sie kam mit den 100er-Zahlen nicht zurecht, hatte Probleme mit dem Stellenwertsystem, konnte also Zahlen wie 72, 69 und 27 nicht richtig ordnen. Bald brach sie auch in anderen Fächern ein – in Deutsch, ja sogar in Religion. Ihre Mutter, selber Lehrerin, war alarmiert. In den Weihnachtsferien übten die Eltern „massiv“ mit ihrer Tochter, ohne dass aber „der Knoten platzte“. Dann durchstöberte Heike von der Ohe das Internet, stieß auf Seiten über Rechenschwäche und Dyskalkulie. Sie wusste, dass es das gibt – aber ihr Kind? Die Lehrerin in der Schule hatte ihr davon nichts erzählt.

Das ist nicht untypisch. „Lehrer gehen oft notgedrungen hilflos mit Rechenschwäche um“, sagt Alexander von Schwerin, Leiter des Mathematischen Instituts zur Behandlung der Rechenschwäche/Dyskalkulie. Anders als etwa Legasthenie – also Leseschwäche – ist Dyskalkulie nicht Bestandteil der Lehrerseminarausbildung. Es gibt auch – wieder anders als bei der Legasthenie – für die Schule keine Möglichkeit, einen Nachteilsausgleich zu gewähren, also bei Proben den Notenschnitt großzügiger zu gestalten oder auf Noten zeitweise ganz zu verzichten. Die Berufsverbände der bayerischen Schulpsychologen sowie der Kinder- und Jugendpsychiater fordern dies. Das Kultusministerium lehnt das ab. Ein Zeugnis ohne Mathe-Note sei ohne Aussagekraft.

Den Nachteilsausgleich würde Institutsleiter Alexander von Schwerin begrüßen. Aber er sei nicht das Entscheidende. Schwerin sitzt in einem kleinen Zimmer in seinem Institut und zeigt mit Powerpoint-Folien die typischen Probleme der Kinder. Dyskalkulie ist „keine Krankheit“, sagt der frühere Lehrer. Sie ist „eine falsche Denkhaltung gegenüber Zahlen“, gegenüber Mathematik, die doch „eine Kulturtechnik wie Lesen und Schreiben“ sei.

Schwerins privates Lerninstitut in einem Hinterhofgebäude in der Münchner Innenstadt hat sich über mehrere Stockwerke ausgedehnt. In den Fluren Regalmeter voller Fachliteratur. Es gibt viele kleine Zimmer, in denen geschulte Therapeuten mit den Kindern ein bis zwei Mal die Woche zum Einzelunterricht entschwinden. Etwa 400 bis 500 Schüler hat das Institut allein in seiner Zentrale, es gibt aber Außenstellen unter anderem in Dachau, Bad Tölz, Holzkirchen oder Landsberg. Das zeigt schon, dass Rechenschwäche nicht so selten ist wie vielleicht gedacht. Etwa vier bis sechs Prozent aller Grundschulkinder haben nach Schätzung des „Arbeitskreises Legasthenie e.V.“ dieses Problem.

Wie aber erkennt man Dyskalkulie, und wie behebt man sie? Es gibt typische Fehler in der Welt der einfachen Zahlen, sagt Schwerin. „Ein rechenschwaches Kind hat eine falsche Denkhaltung.“ Die gelte es zu knacken. Man müsse sich in die Logik des Kindes hineinversetzen.

Zum Beispiel in folgende Rechnung: 35 + 75 = 100. Ein Zweitklässler mit Dyskalkulie, sagt Schwerin, rechne so: 3 + 7 = 10; 5 + 5 = ebenfalls 10; also zwei Nuller hintereinander, das ergibt dann 100.

Oder wie kommt man dazu, 63 für kleiner als 49 zu halten? Ein rechenschwaches Kind wägt hier ab, erklärt Schwerin. Es sagt: 6 ist zwar mehr als 4; aber 9 ist doch viel mehr als 3.

Oder: 97 + 6 = 200; das Kind zählt wie folgt: 97, 98, 99, 100, dann Einhundert, Zweihundert.

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Überwiegend kommen Grundschulkinder ab der 2. Klasse zu Schwerins Instituts, begleitet von einem verzweifelten Vater, vielleicht noch Diplom-Ingenieur, der nun gar nicht verstehen kann, warum sein Bub nicht einmal die Uhr lesen kann. „Da stoßen Welten aufeinander“, sagt Schwerin. Er kennt die alltäglichen Familiendramen um rechenschwache Kinder: stundenlanges Eintrichtern, Beschimpfungen, sinnloses Üben mit Eselsbrücken, schließlich Resignation. Und ein Kind am Ende seiner Kraft. Ein rechenschwaches Kind, sagt Schwerin, kennt alle Tricks. Es lernt auswendig, es mogelt sich durch und scheitert am Ende doch.

Nur langsam entsteht unter Eltern Problembewusstsein. Oft kämen Eltern erst am Ende der 3. Klasse, wenn der Fünfer in Mathe feststeht. Auch an Schulen, wo es Förderstunden in Mathematik gibt, ist die Behebung von Dyskalkulie kein Thema. Immer wieder gibt Schwerin Fortbildungen für Lehrer, kürzlich etwa in Grafing. Er berichtet von „Aha-Erlebnissen in der Lehrerschaft“.

Selbst die Forschung steckt erst in den Anfängen. Der Arbeitskreis Legasthenie etwa behauptet, Teilleistungsstörungen beträfen tendenziell häufiger Mädchen, auch bestehe für Kinder ein höheres Risiko, wenn das Problem bei Verwandten aufgetreten sei. Manche behaupten auch, bei Legasthenie-Kindern trete Dyskalkulie verstärkt auf (und umgekehrt) – was der Institutsleiter bezweifelt.

In das Mathe-Institut kommen die Schüler in der Regel ein Mal die Woche, sie bekommen auch Hausaufgaben, die aber nicht länger als 15 Minuten am Tag dauern sollen. Nicht zu viel, nicht zu wenig. Langsam lernen sie Mathe neu. Auch die Tochter der Dachauer Lehrerin Heike von der Ohe. Mit wachsendem Erfolg. „Sie lehnt Mathematik nicht mehr ab“, sagt die Mutter erleichtert. „Sie arbeitet tapfer mit.“

Hinweise auf Rechenschwäche

Natürlich ist nicht jeder Fünfer in Mathe auf Rechenschwäche zurückzuführen. Der „Arbeitskreis Legasthenie“ nennt folgende Merkmale, die auf Dyskalkulie deuten könnten:

- Das Kind zählt Rechenvorgänge lange Zeit mit den Fingern ab, manchmal auch unauffällig durch ganz leichte Bewegung der Finger

- Häufiges Vertauschen von Ziffern (etwa 23 und 32)

- Schwierigkeiten mit Zahlenräumen und dem Zahlenstrang

- Rechenfehler (9 - 4 = 6)

- Das Einmaleins kann nur mit großer Mühe und unendlich vielen Wiederholungen erlernt werden

- Der Textinhalt von Sachaufgaben kann mathematisch nicht umgewandelt werden

- Verständnisprobleme mit Uhr, Maßen und Gewichten

Von Dirk Walter

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