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Lesen lernen mal anders (v.l.): Kimberly Ann Grobholz, ihr Hund Tammy und Oskar.

Projekt „Lesehund“

Lehrer auf vier Pfoten

München – Lesen lernen mit einem Hund: Er kritisiert nicht, weckt den Spaß an Büchern und vertreibt Ängste – der perfekte Lehrer also. Das dachte sich die Wahl-Münchnerin Kimberly Ann Grobholz und gründete das Projekt „Lesehund“. Ein Besuch an einer Münchner Schule.

Golden Retriever-Dame Tammy hat es sich auf der roten Decke gemütlich gemacht. Vor ihr auf den blauen Polstern des Spielzimmers der Sinai-Ganztages-Grundschule in München sitzt Oskar, seine dunklen Augen folgen den Zeilen eines Büchleins, aus dem der Drittklässler recht flüssig vorliest.

„Tammy möchte gerne wissen, wie viele Pflanzen die Mama zum Geburtstag bekommen hat“, fragt ihr Frauchen Kimberly Ann Grobholz, die neben Oskar auf den Polstern sitzt, nach einem Absatz. „Vier“, lautet die Antwort in Richtung des Vierbeiners.

Kimberly Ann Grobholz ist Initiatorin des Projekts „Lesehund“: Kinder, die Probleme damit haben, lesen zu lernen, lesen jede Woche 20 Minuten lang ihrem Hund vor. Damit sollen nicht nur das Lernen unterstützt und der Spaß an Büchern geweckt werden. Die Hunde sollen den Mädchen und Buben auch helfen, Ängste abzubauen, etwa, wenn sie sich nicht trauen, vor der Klasse zu sprechen. „Das Tier hört zu, ohne zu kritisieren“, fasst Kimberly Ann Grobholz die Vorzüge der Vierbeiner zusammen. „Ich korrigiere so wenig wie möglich und achte darauf, dass der Lesefluss aufrecht erhalten wird“, beschreibt sie ihre Rolle.

Die Idee für das ehrenamtliche Projekt des Vereins „Tiere helfen Menschen“ hat die US-Amerikanerin 2008 aus ihrer Heimat mit nach Deutschland gebracht. In den USA ist die einfache, aber scheinbar umso wirkungsvollere Methode verbreitet. Nicht nur Hunde unterstützen Lese-Anfänger, sondern auch Katzen oder Meerschweinchen.

Für die Wahl-Münchnerin hat alles mit einem neunjährigen Mädchen aus einem Kinderheim begonnen, das nicht lesen und schreiben konnte. Hund und Frauchen, die das Heim regelmäßig besuchten, übten mit ihr. „Heute ist sie 16 und sagt: ,Ohne Tammy hätte ich nie lesen gelernt‘“, erzählt Kimberly Ann Grobholz stolz.

Das Projekt hat sich stetig vergrößert. Mittlerweile sind bundesweit 50 ausgebildete Teams im Einsatz, im Herbst starten zehn in Salzburg. Wie vielen Kindern Tammy schon geholfen hat, kann ihre Besitzerin nicht mehr zählen. Ein paar hundert werden es schon sein, sagt sie.

Die Schnauze der 8,5 Jahre alten Hundedame mit der gemütlichen Figur beginnt schon grau zu werden. Ihr langes Fell lädt dazu ein, seine Hände darin zu vergraben. Tammy besitzt alle notwendigen Voraussetzungen für einen Leselernhund: Sie hat ein sanftes Wesen, ist tiefenentspannt und vor allem kinderlieb.

Die Sinai-Grundschule besucht das Team seit Januar zusammen mit den Kollegen Tanja Frauendörfer und deren schwarzer Labrador-Dame Frida. Sie üben mit sechs Mädchen und Buben aus den zweiten und dritten Klassen. „Die Kinder freuen sich schon die ganze Woche auf ,ihren‘ Hund“, erzählt Kirstin Goppelt, die das Projekt an die Schule gebracht hat.

Die Lehrerin kann schon von Erfolgserlebnissen berichten. Der schüchterne Oskar etwa hat sich getraut vor der Klasse ein Referat zu halten. Fremden gegenüber ist er noch sehr zurückhaltend, auf die Frage, ob er Tammy gerne vorliest, kommt aber sofort ein überzeugtes „Ja!“, begleitet von einem kleinen Lächeln.

Die Unterstützung der Leseförderung durch Hunde wurde inzwischen wissenschaftlich nachgewiesen. Demnächst soll die erste deutsche Studie dieser Art erscheinen, an der unter anderem Wissenschaftler der LMU München mitarbeiteten.

Gegen Ende der Sitzung hat sich Tammy auf die Seite gelegt und leise zu schnarchen begonnen. Erst als sie das Geräusch der Leckerli-Tüte hört, ist sie wieder hellwach. Auch wer sich darum streiten mag, ob Hunde wirklich zuhören, wird die Ruhe, die positive Stimmung, die der Leselernhund ausstrahlt, nicht leugnen können.

Teresa Pancritius

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