+
Christoph R. steht in Traunstein vor Gericht.

Bluttat in Bad Reichenhall

Christoph R.: Der mörderische Nachtwanderer

Traunstein/Bad Reichenhall – Der 21-jährige Christoph R. soll in Bad Reichenhall einen Mann erstochen und eine 17-Jährige schwer verletzt haben. Beim Prozessauftakt kamen grausame Details ans Licht. War ein Computerspiel die Vorlage? Die Geschichte des unglaublichen Verbrechens.

Christoph R. sieht aus wie ein gewöhnlicher Teenager. Er trägt Jeans, einen blauen Strickpulli und hat ein kindliches Gesicht mit roten Backen. Er wirkt jünger als er ist. Am Montag ist er 21 Jahre alt geworden. Einen Tag später wird er von zwei Polizisten in Handschellen in den Sitzungssaal geführt.

Er schaut schüchtern zu Boden, als er sich auf die Anklagebank setzt, braucht einen Moment, bis er bereit ist für das Blitzlichtgewitter, das nun losbricht. Sein Gesicht verdeckt er nicht, ein paar Mal blickt er sogar in die Kameras. Zu den Plätzen, auf denen die Angehörigen der Opfer als Nebenkläger sitzen, schaut er nicht.

So hat ihn sich wohl niemand in Bad Reichenhall vorgestellt – den Unbekannten, der in der Nacht, als Deutschland Fußball-Weltmeister wurde, einen Rentner mit einem Messer ermordet und eine 17-Jährige schwer verletzt hat. Den Mann, der der Grund dafür ist, dass sich viele Menschen in dem beschaulichen Kurort wochenlang nachts nicht mehr allein auf die Straße getraut haben. Viele von ihnen sind heute nach Traunstein gefahren, um den Prozess zu verfolgen.

Christoph R. hat den Blick zu Boden gerichtet, während Staatsanwalt Volker Ziegler vor der Jugendkammer des Landgerichts Traunstein die Anklageschrift vorliest. Auf den Tag genau neun Monate ist es her, dass in Bad Reichenhall zwei Menschen niedergestochen wurden. Christoph R. soll gegen 2 Uhr nachts die Bundeswehrkaserne verlassen haben, in der er damals als Soldat stationiert war. Er habe einen schwarzen Kapuzenpulli getragen – und sein Bundeswehr-Kampfmesser mit einer 16 Zentimeter langen Klinge bei sich gehabt. Die Staatsanwaltschaft ist überzeugt: „Er ist losgezogen, um wahllos Menschen zu töten.“ Seine beiden Opfer waren ihm zuvor nie begegnet. Sie haben ihn nicht provoziert, nicht einmal angesprochen.

Erst soll der damals 20-Jährige 29 Mal auf einen 72-jährigen Rentner eingestochen haben. Auf Brust, Kopf und gezielt auf das linke Auge. Für den Mann kam jede Hilfe zu spät, er starb an seinen Kopfverletzungen, lebenswichtige Teile seines Gehirns waren zerstört worden. Mit der Tat soll R. wenige Minuten später an einer Bushaltestelle vor zwei jungen Frauen geprahlt haben. Etwa eine halbe Stunde später begegnete er der 17-jährigen Sarah. Sie schob ihr Fahrrad durch die Innenstadt. R. soll sie zuerst freundlich gegrüßt haben. Dann packte er sie bei den Haaren und stach mit dem Messer auf sie ein – wieder gezielt auf Brust, Kopf und Auge. Irgendwie schaffte es die 17-Jährige zu flüchten. Sie klingelte schwer verletzt an einer Tür – dann brach sie zusammen. Seit damals ist sie auf dem linken Auge blind.

Christoph R. hört regungslos zu. Auch den Hinweis des Vorsitzenden Richters Klaus Weidmann auf eine mögliche Sicherungsverwahrung nach der Haftstrafe nimmt er ohne sichtbare Emotionen zur Kenntnis. Höchststrafe nach Jugendstrafrecht wären 15 Jahre. Es könnte sein, dass der 21-Jährige sehr viel längere Zeit eingesperrt bleiben wird.

Er schweigt zu den Vorwürfen. Sein Anwalt Harald Baumgärtl erklärt für ihn, er werde sich nicht äußern. Aber er sei einverstanden, dass Sabine Kreutzer von der Bad Reichenhaller Jugendgerichtshilfe über seine Lebensgeschichte berichtet. Ihr hatte er sich während der sechs Monate in Untersuchungshaft zögerlich anvertraut.

Christoph R. war die meiste Zeit seines Lebens auf sich allein gestellt. Seine Mutter flüchtet mit den vier Kindern vor dem gewalttätigen Vater ins Frauenhaus, als er fünf Jahre alt ist. Sie ist überfordert, Christoph kommt in ein Heim in Morbach in Rheinland-Pfalz. Seine Schwester und die beiden jüngeren Brüder kommen in Pflegefamilien. Er distanziert sich immer mehr von seiner Mutter, sie sei ihm intellektuell stark unterlegen – genau wie der Rest seiner Familie, betonte er gegenüber der Jugendgerichtshilfe. Mit 16 Jahren bricht er den Kontakt völlig ab. Alle therapeutischen Angebote lehnt er ab. Es sei eben sein Schicksal, ohne Familie aufzuwachsen, sagt er Sabine Kreutzer. Aber er sagt auch: „Hätte ich andere Eltern gehabt, wäre ich mit Sicherheit nicht hier gelandet.“

Nach der Mittleren Reife will er das Fachabitur machen, nach einem halben Jahr bricht er wieder ab, auch eine Ausbildung zum Metallbauer schmeißt er hin. Mit 18 Jahren hält er es nicht länger aus im Heim. Er will erwachsen sein, auf eigenen Beinen stehen, berichtet Kreutzer weiter. Für kurze Zeit zieht er noch einmal bei seiner Mutter ein. Es kommt immer wieder zum Streit. Als sie ihn rausschmeißt, lebt er ein knappes Jahr in einem Obdachlosenheim, probiert Kokain und Marihuana. Den Kontakt zu seiner Mutter bricht er endgültig ab. „Wahrscheinlich weiß sie nicht einmal, dass ich in U-Haft bin“, sagt er bei einem Gespräch mit Sabine Kreutzer.

Bei Kickbox-Wettbewerben verdient er ein bisschen Geld, kann sich eine kleine Wohnung leisten. Er entschließt sich, zur Bundeswehr zu gehen. Dort fühlt er sich das erste Mal in seinem Leben aufgehoben, genießt es, Teil einer Mannschaft zu sein. Er ist der einzige seiner Kameraden, der auch an den Wochenenden in der Kaserne bleibt. Der Einzige, der weder Freunde noch Familie hat. Dafür aber ein Selbstbewusstsein, das durch nichts zu erschüttern ist.

Nach einem Jahr verliert er seine Begeisterung für die Bundeswehr immer mehr. Er begründet das mit neuen Kameraden, die den Dienst nicht ernst genug nehmen und die ganze Mannschaft abwerten. Christoph R. ist enttäuscht von der Truppe. Er beginnt, neue Träume zu träumen. Er will die Bundeswehr vorzeitig verlassen, das Abi nachholen, Kosmologie oder Astrophysik studieren. „Er traut sich selbst alles zu, fühlt sich allen anderen intellektuell überlegen“, sagt die Vertreterin der Jugendhilfe. „Und er hat das Gefühl, dass es nirgendwo Menschen gibt, die wirklich zu ihm passen.“

Am 19. Juli – fünf Tage nach der Mordnacht – verschwindet Christoph R. spurlos. Die Kriminalpolizei bekommt einen Hinweis von zwei Soldaten, die gesehen haben, wie Christoph R. mit einem Messer die Kaserne verlassen hatte. In seinem Spind wird eine leere Messerscheide gefunden, in die das Tatmesser passt. Und Schuhe mit Blutspuren der beiden Opfer. Einige Tage später wird er in Norwegen gefasst und verhaftet.

Ein Kriminalhauptkommissar zeichnet am Nachmittag in seiner Aussage noch ein ganz anderes Bild von Christoph R. Die Ermittler haben herausgefunden, dass er in der Kaserne exzessiv das Computerspiel „Skyrim“ gespielt habe. Ein Rollenspiel, bei dem es darum geht, mit einem Messer Monster zu töten, ihnen die Augen auszustechen und Trophäen zu sammeln. Neben dem toten Rentner wurden Stofffetzen gefunden, die von dem Unterhemd des 72-Jährigen stammen. Teile davon könnte der Täter mitgenommen haben. Außerdem fand die Polizei einen Handspiegel der 17-Jährigen bei Christoph R. Beides könnten „Trophäen“ gewesen sein. Einem Zeugen, der Christoph R. in der Tatnacht begegnete, hatte er gesagt, er sei der „Nachtwanderer“ – das war der Name seiner Figur in dem Rollenspiel.

Die schwerverletzte Sarah hatte der Kriminalpolizei schon zwei Tage nach dem Angriff bei den Ermittlungen helfen können. Damals wurde ein Phantombild erstellt. Sie sagte aus, sie habe noch überlegt, die Straßenseite zu wechseln, als ihr der Täter entgegenkam. Genau wie die Witwe des Rentners tritt sie im Prozess als Nebenklägerin auf. Am Freitag wird sie aussagen – und Christoph R. gegenübertreten.

Katrin Woitsch

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Polizei legt Coburger Drogenbande das Handwerk
Der Polizei in Coburg ist ein Schlag gegen den Drogenhandel gelungen. Bein einer Übergabe schnappte die Polizei acht Männer und stellt eine Menge Rauschgift sicher.
Polizei legt Coburger Drogenbande das Handwerk
Aufklärung über „defekte“ Brennelemente im Atomkraftwerk Gundremmingen
Nach den Berichten über Probleme mit Brennelementen im Atomkraftwerk Gundremmingen verlangten die Grünen eine Aufklärung über den Fall. Eine Gefährdung wurde …
Aufklärung über „defekte“ Brennelemente im Atomkraftwerk Gundremmingen
Streit vor Disco eskaliert - Mann schwer verletzt
In einer Disco in Nürnberg kam es zunächst zu kleineren Rangeleien zwischen zwei Gruppen. Nachdem die Mitglieder dem dem Lokal verwiesen wurden, endete der Streit in …
Streit vor Disco eskaliert - Mann schwer verletzt
Staatsregierung: Sorge um bayerische Geburtshilfe im ländlichen Raum
Besonders in ländlichen Regionen müssen werdende Mütter oftmals weite Wege für Ärzte und Hebammen zurücklegen. Die Staatsregierung will dem Problem jetzt ein Ende setzen.
Staatsregierung: Sorge um bayerische Geburtshilfe im ländlichen Raum

Kommentare