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Ursula Herrmann erstickte am 15. September 1981 in einer Holzkiste. Heute beginnt der Prozess gegen ihre Entführer.

Prozess im Fall Ursula Herrmann: Das sind die Indizien

Augsburg - Unter großem Medienandrang beginnt heute der größte Indizienprozess in der Geschichte des Landgerichts Augsburg: der Prozess um die Entführung und den Tod der zehnjährigen Ursula Herrmann vor 27 Jahren.

Wenn die Schwurgerichtskammer des Landgerichts Augsburg am heutigen Donnerstag um 9 Uhr den Prozess gegen Werner und Gabriele M. eröffnet, beginnt ein zähes Ringen um Indizien. Denn handfeste Beweise gegen die Angeklagten wie zum Beispiel DNA-Spuren oder Fingerabdrücke gibt es nicht.

Die Vorwürfe

Die Augsburger Staatsanwaltschaft wirft Werner M., 61, erpresserischen Menschenraub mit Todesfolge vor, seiner Frau Gabriele, 62, Beihilfe. Den Ermittlungen zufolge soll Werner M. eine Holzkiste gebaut und diese  – vermutlich mit einem unbekannten Mittäter – im „Weingarten“ zwischen Schondorf und Eching am Ammersee in einem Erdloch im Waldboden versenkt haben. Am 15. September 1981 soll er dann die zehnjährige Ursula Herrmann, die von einer Turnstunde in Schondorf zu ihrem Elternhaus in Eching radelte, entführt und in die Kiste gesteckt haben.

Entführungsfall Ursula Herrmann

Weil die an der Kiste angebrachten Belüftungsrohre mit Laub verstopfte, erstickte das Mädchen qualvoll. Gabriele M. soll in den Tatplan ihres Mannes eingeweiht gewesen sein. Zudem soll sie die Erpresserbriefe an Ursulas Eltern verfasst haben. Darin forderten die Entführer zwei Millionen Euro Lösegeld – nicht wissend, dass die Zehnjährige bereits in ihrem Kisten Grab gestorben war.

Die Angeklagten

Als Ursula Herrmann entführt wurde, lebten Gabriele und Werner M. in unmittelbarer Nachbarschaft der Herrmanns. Der Fernsehtechniker, der die „Fernsehklinik Utting“ betrieb, galt von Anfang an als einer Hauptverdächtigen. Doch erst nach 27 Jahren schafften es die Ermittler, ausreichend Indizien für eine Anklage zusammenzubekommen. Verteidigt wird Werner M. von Walter Rubach aus Augsburg. Gabriele M.s Verteidigerin heißt Juliane Kirchner und kommt ebenfalls aus Augsburg.

Die Indizien

Das wichtigste und aktuellste Indiz der Anklage ist das Tonbandgerät, das die Ermittler zufällig bei einer Durchsuchung von Werner M.s Haus im Oktober 2007 gefunden haben. Das Gerät Grundig TK 248 weist signifikante Defekte auf. Dem Landeskriminalamt zufolge sei es wahrscheinlich, dass genau dieses Gerät bei mehreren Erpresseranrufen bei Ursulas Eltern benutzt worden sei. Werner M. behauptet, das Tonbandgerät erst kurz vorher auf einem Flohmarkt gekauft zu haben.

Nach der Hausdurchsuchung hatten die Ermittler Werner M. abgehört. Bei der Telefonüberwachung zeichneten sie ein Gespräch auf, in dem der Angeklagte zu einem Freund gesagt haben soll, Ursulas Tod sei ein „Betriebsunfall“ gewesen. Auch Gabriele M. habe sich in der Wir-Form über mögliche Strafen für eine Entführung unterhalten.

Die weiteren Indizien der Ermittler: Werner M., der in Tatortnähe wohnte, soll für die Tatzeit kein Alibi haben. Angeblich hatte er 150 000 Euro Schulden – ein Motiv. Auch seine handwerklichen Fähigkeiten werten die Ermittler zu seinen Lasten. Als ausgebildeter Kfz-Mechaniker und Fernsehtechniker sei er in der Lage gewesen, Ursulas Gefängnis zu bauen und entsprechend auszustatten, etwa mit der selbst gebastelten Antenne für das damals sichergestellte Kofferradio.

Sichergestellt hatten die Beamten 1981 auch ein schwarzes Fernglas. Werner M. behauptete damals, er habe nie ein Fernglas besessen. Später musste er zugeben, dass er sehr wohl ein Fernglas gehabt habe, allerdings nicht vergleichbar mit dem Fundstück. Zudem gibt es eine Zeugenaussage, die Werner M. stark belastet. Sein Bekannter Klaus P. hatte der Polizei damals gesagt, er habe für seinen Freund im Wald ein Loch gegraben. Jedoch widerrief der Mann seine Aussage später. Inzwischen ist Klaus P. verstorben.

Die Zeugen

Rund 200 Zeugen hat die Schwurgerichtskammer für den Prozess geladen, darunter etliche Ermittler und Spezialisten des Bayerischen Landeskriminalamtes und andere Sachverständige wie den Münchner Rechtsmediziner Professor Wolfgang Eisenmenger. Er hatte Ursula obduziert. Die „furchtbaren“ Bilder von Tatort, sagt er, „vergesse ich nie.“ Bereits am 3. März sollen die Beamten aussagen, die damals mit Hilfe eines Polizeihundes das Kisten-Grab im Wald entdeckt haben. Ursulas Eltern sollen am 24. März als Zeugen kommen.

Die Eltern

Als Zeugen müssen sie kommen, ansonsten wollen Ursulas Eltern dem Prozess fern bleiben. Deren Anwältin Marion Zech sagt: „Jahrelang haben sie sich nach dem Tod von Ursula Bewältigungsstrategien zum Überleben aufgebaut, die jetzt zusammenbrechen.“
Deshalb wollen sie ersparen, noch einmal die grausamen Details von Ursulas Schicksal zu erfahren. „Die Eltern scheuen sich vor der Öffentlichkeit, wollen diese Belastung nicht an sich ran lassen und werden nur als Zeugen auftreten“, sagt Zech. Nur Ursulas Bruder – zum Zeitpunkt der Entführung 18 Jahre alt – will als Nebenkläger während des Prozesses in Erscheinung treten.

Das Gericht

Die Schwurgerichtskammer des Landgerichts Augsburg wird über Schuld oder Unschuld der Angeklagten urteilen. Zur Kammer gehören zwei ehrenamtliche Richter, so genannte Schöffen, sowie drei Berufsrichter, darunter der erfahrene Vorsitzende Wolfgang Rothermel. Bis Jahresende hat er den Prozess terminiert, mehr als 50 Verhandlungstage angesetzt – ein bis drei Mal pro Woche.

von Bettina Link

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