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Die zehnjährige Ursula erstickte in einer Kiste.

Prozess Ursula Herrmann: Das Grauen der Tat verschwindet in den Akten

Augsburg - Der Prozess um die Entführung von Ursula Herrmann schleppt sich seit einem halben Jahr dahin. Ein Fall voller eklatanter Gedächtnislücken bei den Zeugen und Eitelkeiten von konkurrierenden Polizeibeamten.

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Fast 28 Jahre nach der Tat versucht die 8. Strafkammer am Landgericht Augsburg akribisch, in einem mühsamen Indizienprozess die Schuld oder Unschuld des 59-jährigen Angeklagten zu ergründen. Die meisten Zeugen haben keine oder nur vage Erinnerungen an den Fall, der im September 1981 tagelang Hauptthema der Medien war. Damals war die zehnjährige Ursula Herrmann auf dem Nachhauseweg in Eching am Ammersee von ihrem Kinderfahrrad gerissen und in eine im Wald vergrabene Kiste gesperrt worden. Stunden später war sie tot, erstickt. Sie wurde erst 19 Tage später gefunden. Vor Gericht steht ein groß gewachsener, kräftiger Mann wegen erpresserischen Menschenraubes mit Todesfolge. Er soll Ursula 1981 entführt, in die Kiste gesperrt und Lösegeld von umgerechnet einer Million Euro von Ursulas Eltern gefordert haben. Seine Ehefrau soll ihm dabei geholfen haben und ist ebenfalls angeklagt. Beide streiten beharrlich jegliche Schuld ab. In dem Verfahren schweigen sie, zeigen keinerlei Emotion.

Die Staatsanwaltschaft ist nach wie vor von der Täterschaft des Beschuldigten überzeugt. Oberstaatsanwältin Brigitta Baur räumt zwar ein, dass das Verfahren mühsam ist, dass es für die Anklage aber kein "Abrücken vom dringenden Tatverdacht" gibt. Stück für Stück werden alle Details aus den Akten mit rund 89.000 Seiten abgearbeitet.

Der Fall Ursula Herrmann

Entführungsfall Ursula Herrmann

Der Vorsitzende Richter Wolfgang Rothermel lässt sich nicht beirren, auch wenn er immer wieder auf eklatante Gedächtnislücken bei den Zeugen stößt oder mit Eitelkeiten von konkurrierenden Polizeibeamten konfrontiert wird, die damals den Fall bearbeitet haben. Einige scheinen sich im Streit untereinander als Zeugen mehr zu rechtfertigen, als brauchbare Aussagen zu machen. Als eine Zeugin entschuldigend sagte, sie habe keine Erinnerung mehr, hakt Rothermel nach: "So schnell geben wir nicht auf nach 27 Jahren." Wieder und wieder liest er aus Akten vor, auch wenn er nur auf stummes Schulterzucken stößt.

Hinter dieser trockenen Aufarbeitung von Akten und der Abarbeitung von Details verschwindet das ganze Grauen der damaligen Tat. Fast vergessen ist, dass selbst hartgesottene Polizisten beim Anblick der toten Ursula in ihrem Sarggefängnis in Tränen ausbrachen. Und der Rechtsmediziner Wolfgang Eisenmenger, der das Kind damals obduziert hatte, hat vor Gericht beklemmend erläutert, welch panische Angst Ursula vor ihrem Tod gehabt haben muss. In ihr Sarggefängnis hatte ihr Peiniger neben Comic-Heftchen auch den Krimi "Das Grauen lauert überall" gelegt. Dazu war eine Beleuchtung mit einem nicht funktionierenden Belüftungsrohr installiert. Es gab ein Radio in der Kiste, einen Klokübel und Lebensmittel. Ein Vorgehen von grauenvoller Brutalität und beispiellosem Zynismus.

In den vergangenen sechs Monaten haben sich einige Indizien für die Tat ergeben, die aber bisher nicht eindeutig auf einen Täter hinweisen. Ein widerrufenes Geständnis eines möglichen Mittäters gibt Rätsel auf. Der damalige Oberstaatsanwalt hat es als unbrauchbar abqualifiziert. Andererseits enthält es Einzelheiten, die auf ein Täterwissen hinweisen könnten. Es gibt noch einen zweiten Verdächtigen für die Entführung. Doch so weit ist das Gericht noch lange nicht. Und auch ein beschlagnahmtes Tonband, ein wichtiges Beweismittel für die Anklage, ist noch nicht behandelt worden. Es soll dem Angeklagten gehört haben und Spuren der Erpresseranrufe aufweisen.

"Im Augenblick ist in dem seltsam unentschlossenem Verfahren alles völlig offen", sagt der Verteidiger des Angeklagten, Walter Rubach. Noch stehen aber wichtige Beweiserhebungen für ein Indizien-Puzzle zur möglichen Schuld des Angeklagten aus. Eines ist aber schon jetzt sicher: Der Prozess wird keinesfalls wie geplant im Dezember zu Ende sein, sondern weit ins Jahr 2010 hineinreichen. Aber zunächst sind zwei Wochen Sommerpause.

dpa

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