Ein Mahnmal mit Figuren.
+
Das Mahnmal vom Todesmarsch gibt es an 22 Orten.

Zeitgeschichte - Das Leiden der Dachauer KZ-Häftlinge im April 1945

Film zum Todesmarsch: Es war eine „Prozession des Elends“

  • Dirk Walter
    vonDirk Walter
    schließen

Eurasburg – Auf den wenigen erhaltenen Fotos, der heimlich gemacht wurden, sieht man Häftlinge in zerfetzten Hosen, mit klobigen Schuhen, Decken über den Kopf. Es regnet. Manche Frauen haben ein großes X auf dem Rücken. Augenzeugen beschrieben sie als „wandelnde Leichen“ auf einer „Prozession des Elends“. Jetzt gibt es einen Film zum Todesmarsch der KZ-Häftlinge aus Dachau.

„Es waren Bilder zum Weinen“, berichtete später ein Pfarrer: Tausende KZ-Häftlinge wankten vor 76 Jahren von Dachau über Starnberg und Wolfratshausen Richtung Süden – bis hinter Bad Tölz. Nun hat erstmals ein Filmemacher den Todesmarsch von Ende April 1945 dokumentiert: Max Kronawitter lebt in Eurasburg (Kreis Bad Tölz-Wolfratshausen) – auch durch diesen Ort zogen die ausgemergelten Gestalten. Und er wunderte sich bei seinen Recherchen, wie wenig die Geschichte dieses Todesmarsches bekannt ist. „Da herrscht der Mantel des Schweigens.“

Doch Kronawitter hat betagte Zeitzeugen zum Reden gebracht. Der jüdische Überlebende Abba Naor erzählt fast lakonisch, wie er vor Hunger Graswurzeln verschlang („schmecken sehr gut“). Der Landwirt Moritz Sappl aus Degerndorf berichtet im Film, wie er mit seinem Vater bei Holzarbeiten im Wald nahe der Loisach immer wieder Hinterlassenschaft fand: ein Trumm von einem Schuh, Kochgeschirr, halbe Gasmasken – „von den KZlern“, sagte der Vater. „Mehra is dann ned gredt worn.“ Heute weiß man: In dem Wald mussten tausende Häftlinge bei eisiger Kälte übernachten.

Die Pandemie verhinderte die Premiere

Kronawitter wollte den Film eigentlich vergangenes Jahr – 75 Jahre nach Kriegsende – präsentieren. Die Corona-Pandemie verhinderte dies. Und auch jetzt ist es eine Premiere mit Hindernissen. Gezeigt wird der Film am Donnerstag ab 19.30 Uhr im Internet – Kronawitter hat eine gekürzte 45 Minuten lange Version produziert. Der ganze Film hat 90 Minuten Länge und soll irgendwann, wenn es wieder geht, im Kino zu sehen sein.

Der Filmemacher hat auch diejenigen interviewt, die Ende der 1980er-Jahre die Geschichte wieder aus der Vergessenheit holten. Zum Beispiel den Gautinger Bürgermeister Ekkehard Knobloch, der im Film berichtet, dass sich viele Überlebende ihm gegenüber erstmals öffneten und sich ihr Trauma „von der Seele reden“ konnten. Zum Beispiel auch Friedel Kunstwald, damals 14, der in Reichersbeuern einem Häftling „mit eingefallenem Gesicht“ begegnete. „Junge, nimm – Brot“, sagte der und gab dem Buben eine Ziehharmonika. Aus dem Laden seiner Eltern holte Kunstwald damals einen Laib Brot, der sofort unter den Häftlingen aufgeteilt wurde.

Heute erinnern 22 Mahnmale entlang der damaligen Route an das Grauen vor der oberbayerischen Haustür. Nicht in jeder Durchzugs-Gemeinde steht eins. Die Aufstellung dieser Skulpturen – die erste 1989 in Gauting – war teilweise sehr umstritten. Einzelne Mahnmale wurden mit Säure und Sägen attackiert, wie der Bildhauer Hubertus von Pilgrim im Film berichtet.

„Wir können es nicht wiedergutmachen“, sagt die Historikerin Sybille Krafft in dem Film. „Aber zumindest können wir uns daran erinnern.“ Der Film zeigt allerdings auch, dass die Erinnerung an den Todesmarsch durch Gedenkveranstaltungen und vor allem Schulklassen-Besuche vieler Überlebender (die heute fast alle verstorben sind) in den 1990er und 2000er-Jahren sicherlich lebendiger war als heute. Insofern ist der Film gut geeignet für Schulen – und vielleicht ein neuer Anlauf, den Todesmarsch wieder stärker ins Gedächtnis zu holen.

Anmeldung

zum Film über E-Mail:
kronawitter@ikarus-film.de (kostenlos).

Mehr zum Thema

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion