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So kam der 15-Jährige aus der Wiesn-Wache.

Prügelvorwürfe: Polizist wird angeklagt

Rosenheim - Ein Polizeidirektor soll beim Herbstfest in Rosenheim einen 15-jährigen Schüler krankenhausreif geschlagen haben. Nun hat die Staatsanwaltschaft Anklage gegen den 48-Jährigen erhoben.

Der Vorwurf gegen den 48-jährigen Ex-Polizeichef von Rosenheim – Körperverletzung im Amt – steht schon seit einem halben Jahr im Raum. Die Ermittlungen sind seit Wochen abgeschlossen. Nun hat die Staatsanwaltschaft Traunstein Anklage gegen ihn erhoben:  „Die Staatsanwaltschaft bejaht bei dem Angeschuldigten den hinreichenden Verdacht der Körperverletzung im Amt“, heißt es in der Erklärung der Staatsanwaltschaft, die der Leitende Oberstaatsanwalt Helmut Vordermayer unterzeichnete.

Seit Wochen hatte sich abgezeichnet, dass es auf eine Anklage gegen den Polizisten hinauslaufen würde. Die Ermittler der Kripo München haben so viele belastende Zeugenaussagen, medizinische Gutachten und Spuren gesammelt, dass eine Einstellung des Verfahrens fast ausgeschlossen schien.

Der Fall soll sich im September 2011 ereignet haben. Eine Frau erhob schwere Vorwürfe, nachdem ihr Sohn (damals 15) vom Rosenheimer Inspektionsleiter auf der Wiesn-Wache des Herbstfestes regelrecht krankenhausreif geschlagen worden sei.  Die Mutter und weitere Zeugen hätten dabei mit eigenen Augen gesehen, wie der Polizist den gefesselten Schüler am Kragen packte und seinen Kopf mit dem Gesicht voraus mehrmals gegen eine Wand schleuderte. Dabei floss Blut. Mit Platzwunden, Prellungen, lockeren Zähnen (ein Schneidezahn war sogar abgebrochen) kam das Opfer aus der Wache heraus. Die Mutter erstattete Anzeige.

Ausgangslage war die Festnahme des 15-Jährigen wegen einer Schlägerei, an der er nach den Ermittlungen aber gar nicht beteiligt war. Der Schüler wurde gefesselt und von dem damaligen Polizeichef persönlich auf die Wache gebracht. „Auf dem Weg dorthin und anschließend auf der Wiesnwache soll der ehemalige Inspektionsleiter den 15-jährigen wiederholt körperlich misshandelt haben“, heißt es in der Erklärung der Anklagebehörde.

Spurenlage spricht für Version von Mutter und Sohn

Der Inspektionsleiter ging ebenfalls in die Offensive. Er zeigte den Schüler wegen Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte, Beleidigung und versuchter Körperverletzung an. Doch das Verfahren gegen den Jugendlichen wurde eingestellt, kein weiterer Zeuge stellte Widerstandshandlungen fest. Selbst die Aussagen anderer Polizisten deckten sich offensichtlich eher mit den Angaben von Mutter und Sohn – und widersprachen der Version ihres Vorgesetzten. Offenbar spricht auch die Spurenlage dafür, dass die Version von Mutter und Sohn stimmt. So sollen am Tatort Blut- und DNA-Spuren gesichert, ja sogar Zahnabdrücke an der Wand festgestellt worden sein. Und Gutachter sollen bestätigt haben, dass es für die Gesichtsverletzungen keine andere Erklärung gibt als diese: Der Kopf des Schülers wurde gegen die Wand geschlagen.

Der 15-Jährige habe keinerlei Widerstand geleistet

Dem Gerücht, der 15-Jährige habe sich aufmüpfig verhalten, einen Polizisten sogar angespuckt und damit seinen Teil dazu beigetragen, dass der 48-Jährige jede Beherrschung verlor, widerspricht Opfer-Anwalt Werner Tröger aus Rosenheim vehement. Es stimme zwar, dass der 15-Jährige den Polizeidirektor anspucken wollte und dabei die Uniform eines anderen Polizisten traf. Doch dazu habe sich der Schüler aus der Wut und dem Schock heraus erst nach der Prügel-Attacke hinreißen lassen. Spuren belegen diesen Hergang.

Der Auseinandersetzung war ein Handgemenge vor einem Fahrgeschäft vorausgegangen. Obwohl der 15-Jährige dabei nur eine Nebenrolle spielte (nicht er, sondern sein Spezl hatte zugeschlagen), legte ihm der Polizeidirektor Handschellen an und nahm ihn zur Wache mit. Der Schüler soll keinen erkennbaren Widerstand geleistet und lediglich gefragt haben, warum er abgeführt wird – statt einer Antwort hat er laut Zeugen schon draußen Schläge und Tritte von dem Polizisten erhalten, für die er sich ironisch bedankte. Danach ging es in der Wache erst richtig zur Sache.

Im Ermittlungsverfahren äußerte sich der beschuldigte Polizist nicht zu den Vorwürfen. Die Staatsanwaltschaft geht aber davon aus, den Beamten durch Zeugenaussagen unter anderem von eigenen Kollegen und durch Sachverständigengutachten der Tat überführen zu können. Sie führt an, dass für Körperverletzung im Amt das Gesetz eine Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren vorsieht.

Das Thema beschäftigte mehrfach auch den Landtag

Die Staatsanwaltschaft hätte auch Anklage zum Rosenheimer Amtsgericht erheben können, entschied sich aber wegen „der besonderen Bedeutung und des besondere Umfangs des Falles“ für die Anklage zur nächsthöheren Instanz. „Auch soll dadurch dem verletzten Jugendlichen die wiederholte Zeugenvernehmung in mehreren Instanzen erspart bleiben“, heißt es weiter zur Begründung. Über die Zulassung der Anklage muss nun das Gericht entscheiden. Es wird aber damit gerechnet, dass es noch in diesem Jahr zum Prozess kommt.

Die Brisanz des Falles wurde dadurch deutlich, dass die angeblichen Übergriffe des leitenden Polizeibeamten mehrfach Thema im Landtag waren. Auch Innenminister Joachim Herrmann (CSU) kündigte die vollständige polizeiinterne Aufklärung des Falles an. Die Ermittlungen wurden an eine für Amtsdelikte zuständige Abteilung beim Polizeipräsidium München abgegeben.

Ludwig Simeth/dpa

 

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