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Wie wohl fühlen sich Senioren im Pflegeheim? Ein Qualitätstest des Medizinischen Diensts der Krankenversicherung könnte das prüfen – doch es gibt keine Nachfrage. 

Reform nur ein kleiner Schritt

Qualitätstest in der Pflege? Unerwünscht!

München - Wie testet man die Qualität der Pflege in Heimen? Das geltende Notensystem, das Angehörigen eine Orientierungshilfe soll, ist umstritten. Jetzt wird der Pflege-TÜV reformiert, doch Schwächen bleiben.

Der Speiseplan und seine korrekte Position an der Wand des Seniorenheims. Das ist das Beispiel, das gern herbeigezerrt wird, wenn auf den Pflege-TÜV geschimpft wird. Hängt der Plan richtig, geben die Prüfer eine gute Note. Hängt er zu weit unten, oben, rechts, links – halt nicht.

Ganz so einfach haben es die Heime nicht, die Kontrolleure des Medizinischen Diensts der Krankenversicherung (MDK) bewerten freilich auch die Pflege selbst – nicht nur das Drumherum. Und doch kritisiert zum Beispiel Dr. Ottilie Randzio vom MDK Bayern immer wieder das System, mit dem ihre Kollegen die Heime prüfen. Hauptproblem: Eine schlechte Pflegenote kann durch gute Noten in anderen, unwichtigeren Bereichen ausgeglichen werden. Beispiel Speiseplan. Am Ende steht eine Note, im Bundesschnitt übrigens eine fabelhafte 1,2 – und daran orientieren sich Angehörige bei der Suche nach einem Heim für Oma oder Opa.

Mit ihren Bedenken ist Dr. Randzio nicht allein. Nach zäher Verhandlung haben sich die Krankenkassen kürzlich mit den Heimbetreibern auf eine Reform des Pflege-TÜVs ab 2014 geeinigt. „Das ist ein kleiner, aber wichtiger Schritt“, sagt Dr. Randzio. Einen großen Schritt haben die Heimträger verhindert – absurderweise hat ihnen der Gesetzgeber ein Veto-Recht eingeräumt. Das Prüfverfahren muss von den Anbietern der Pflegeleistungen abgesegnet werden. Also bestimmen die, die kontrolliert werden, was und wie geprüft wird.

Was ändert sich nun mit der Reform des Pflege-TÜV? Einige Kernpunkte: Künftig werden mehr Senioren begutachtet, drei von jeder Pflegestufe. Bisher machten die Prüfer zwar Stichproben – trotzdem kam es vor, dass kein Senior aus der risikoreichsten Pflegestufe III untersucht wurde. Gerade in diesem Bereich drohen etwa Wundliegen oder Mangelernährung. Neu ist auch die Staffelung für die Noten. Grob gesagt: „Um einen Einser zu bekommen, darf jetzt nicht mehr viel schiefgehen“, sagt Dr. Holger Dressel vom MDK. Die neuen Regeln verlangen auch, dass wichtige Kriterien im Prüfbericht hervorgehoben werden – zur besseren Orientierung.

Aber: „Es bleibt unklar, ob Ergebnisqualität gemessen wird oder die Dokumentationsqualität“, kritisiert Gesundheitswissenschaftler Johannes Möller. Auch künftig könne ein Heim gut abschneiden, wenn es nur seine Akten ordentlich führt. Und wie das geht, wird inzwischen in Schulungen gelehrt. Ende September findet ein solches Seminar etwa in München statt. Die Werbung: „MDK-sichere Pflegedokumentation – Wie Sie Ihre Pflegenoten verbessern“. Versprochen werden „Tipps und Tricks“. Dagegen sind die Kontrolleure kaum gefeit – allerdings legt das neue TÜV-System mehr Wert auf Gespräche mit den Heimmitarbeitern. Der fachliche Austausch soll im Vordergrund stehen, weniger die Dokumentation.

Dr. Ottilie Randzio hätte gerne ein ganz anderes Prüf-Modell, das die Lebensqualität in den Mittelpunkt stellt: Wie wohl fühlt sich der Senior in dem Heim? Es gäbe ein erprobtes Messinstrument: den Pflegequalitätstest. Den entwickelte der MDK Bayern lange vor dem Pflege-TÜV. Freiwillig ließen Einrichtungen den Test durchführen. Ein MDK-Mitarbeiter befragte Bewohner: Was ist Ihnen besonders wichtig? Die Antworten waren sehr individuell: die Zigarette nach dem Essen, der Besuchsdienst, Taschengeld. Dann wurde erhoben, wie die Wünsche umgesetzt werden. „Ein Aha-Erlebnis für die Pfleger“, sagt Dr. Randzio.

Seit es den Pflege-TÜV gibt, wird der MDK-Test von den Heimen kaum mehr nachgefragt, in diesem Jahr noch kein einziges Mal. Die Chancen, dass der bayerische Pflegequalitätstest bundesweit Schule macht, sind gering. Ein Grund: Er bekommt keine politische Unterstützung. Denn Heime und Kassen verwalten sich selbst. Und in Bayern steht der MDK in Konkurrenz zur staatlichen Heimaufsicht – die ihr Prüfsystem für das beste hält.

Während die frühere bayerische Sozialministerin Christa Stewens den Pflege-TÜV halbwegs anerkannte, ist die jetzige Amtsinhaberin Christine Haderthauer (CSU) erklärte Feindin der Prüfmethode. Der Pflege-TÜV sei „eine Totgeburt“. Haderthauer schwört auf das System aus ihrer Behörde, mit dem die Landratsämter kontrollieren. Das sei nicht so starr, prüfe die Pflegequalität – und nicht nur die Dokumentation. Die MDK-Schulnote gebe kein objektives Bild wieder. Ergebnisse der Heimaufsichten bestehen aus ausführlichen Texten. Haderthauer fordert Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) auf, gesetzliche Vorgaben zur Ausgestaltung des Pflege-TÜV zu machen – am besten nach ihrem Vorbild: „Bayern bietet gerne sein bewährtes Prüfsystem an.“

Ein Problem haben beide Verfahren – das staatliche und das der Krankenversicherungen: Die Prüfberichte dürfen nur veröffentlicht werden, wenn der Heimbetreiber zustimmt. Verhindert er Transparenz, dann haben die Kontrolleure vermutlich nicht nur die Position des Speiseplans bemängelt.

Carina Lechner

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