Wo sind die Chens?

Diese rätselhaften Vermisstenfälle beschäftigen Bayern

München - Von den beiden chinesischen Touristen Sihong und Xiaocia Chen, die beim Schloss Neuschwanstein verschwanden, fehlt nach wie vor jede Spur. Mittlerweile hat die Polizei ihre Suche ausgeweitet. Es ist nicht der einzige rätselhafte Vermisstenfall in Bayern.

Vermisst: Xiaocia Chen.

Um 16 Uhr ist die chinesische Reisegruppe auf einem der vier Parkplätze von Schloss Neuschwanstein eingetroffen. Zwei Stunden haben die 28 Teilnehmer jetzt Zeit, um das Schloss zu besuchen. Einige der Reisenden nehmen eine Kutsche für den Weg hinauf. Andere, darunter Sihong und Xiaocia Chen gehen zu Fuß. Es gibt Augenzeugen, die die Beiden gesehen haben wollen, wie sie Richtung Schloss gingen. Dort angekommen sind sie jedoch nicht. Auch haben sie nicht an einer Führung teilgenommen. Und als sich um 18 Uhr an diesem 2. Juli die Reisegruppe wieder am Bus trifft, um weiter Richtung Tirol zu fahren, sind alle da, nur die Chens nicht. Zwei Stunden wartet die Gruppe, dann ruft der Reiseleiter die Polizei.

Vermisst: Sihong Chen.

Die Ermittler starten in den folgenden Tagen eine ausgedehnte Suchaktion. Alpine Einsatztruppen durchkämmen das steile Gelände, Taucher durchsuchen die Pöllatschlucht, auch Hubschrauber mit Wärmebildkameras werden bei der Suche eingesetzt. Doch die Chens bleiben verschwunden.

Ein Unglück kann die Polizei wegen der intensiven Suche mit hoher Wahrscheinlichkeit ausschließen, sagt Sebastian Adam, der Sprecher der Polizei Füssen. Auch auf ein Verbrechen gebe es keinen Hinweis. Es könne daher nicht ausgeschlossen werden, dass sich das Paar absetzen wollte. „Das ist eine Option, die immer wahrscheinlicher wird“, sagt Adam.

Die Reisegruppe ist längst wieder zurück in China. In Deutschland geblieben sind die Reisepässe der Chens. Diese hatte der Reiseleiter zuvor eingesammelt. Die Papiere liegen jetzt beim chinesischen Konsulat in München. Konsulatsmitarbeiter sind es auch, die Angehörige der Chens in China informieren. Angehörige selbst haben sich bei der Füssener Polizei nicht gemeldet. Eine Tatsache, die der Polizeisprecher „merkwürdig“ findet. Mittlerweile hat die Polizei die Suche nach den Chens auf den Schengenraum ausgeweitet.

Der Fall der Chens bleibt rätselhaft, wie so viele Fälle in Bayern, in denen Menschen plötzlich verschwinden und ihre Angehörigen in tiefer Verzweiflung zurücklassen. 5711 Menschen in Bayern gelten seit 1967 als vermisst. Besonders dramatisch ist: „Unter den Vermissten sind auch 540 Kinder“, so LKA-Sprecher Ludwig Waldinger gegenüber der „tz“.

Die Gründe, warum jemand verschwindet, sind vielfältig. Da sind die Aussteiger, die ein neues Leben beginnen wollen. Da sind die Verzweifelten, die keinen Sinn mehr im Leben sehen. Und da sind diejenigen, von denen die Polizei glaubt, sie seien Opfer eines Verbrechens geworden.

Einige der Fälle sind besonders mysteriös. Wie etwa der der Sonja Engelbrecht, die im April 1995 verschwand. Die 19-Jährige hatte in München einen Abend mit Freunden verbracht, gegen halb drei Uhr in der Nacht verabschiedete sie sich am Stiglmaierplatz und erklärte, sie wolle jetzt ihre Schwester anrufen. Seitdem fehlt von der Fachoberschülerin jede Spur. Alles, was man weiß, ist: Bei ihrer Schwester hat sie sich in dieser Nacht nicht gemeldet.

Rätselhaft ist auch der Fall der Monika Liebl aus Erding, vermisst seit Juli 2007. Ihr Wagen wurde in der Erdinger Innenstadt entdeckt, in ihrer Handtasche, die am nahegelegenen Kronthaler Weiher gefunden waren, steckten mehrere 1000 Euro. Woher die 41-Jährige so viel Geld hatte, weiß niemand. Auch das Verschwinden von Lydia Achatz aus Haselbach bei Ebersberg ist bis heute nicht aufgeklärt. Die 37-Jährige hatte sich an einem Abend im August 2008 barfuß zu einem Waldspaziergang aufgemacht. Von diesem ist sie nie zurückgekehrt.

Beatrice Ossberger

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