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Nach der Festnahme: Geiselnehmer Muslim H. wurde nach der Entführung in München in einem Polizeiauto ins Gefängnis gefahren.

Nach Flugzeugentführung in JVA Landshut

Rätselhafter Tod: Wie starb Muslim H.?

München - Ein Asylbewerber aus dem Kosovo entführt ein Flugzeug, um nicht nach Ungarn zu müssen. Dann sitzt er im Landshuter Gefängnis, randaliert - und ist auf einmal tot. Der Fall Muslim H. wirft Fragen auf.

Um kurz nach Mitternacht bemerkten die Beamten der Justizvollzugsanstalt Landshut den Krach in der Zelle von Muslim H.. Der 28-jährige Kosovare zertrümmerte einen Spiegel und die Fensterscheibe des Haftraums, schnitt sich in die Arme. Er war offenbar außer sich, griff die Gefängniswärter und einen Krankenpfleger mit Scherben an. Mit acht Mann versuchten die ihn zu fixieren. Es kam zur Rangelei, der Häftling kollabierte. Am folgenden Vormittag verstarb Muslim H. im Kreiskrankenhaus Landshut-Achdorf.

So weit die Darstellung des Justizministeriums. Über die Umstände, die zum Tod des Mannes führten, berichtete der Ministerialbeamte Andreas Zwerger gestern im Rechtsausschuss des Landtags. Der Fall sorgt für Aufsehen. Denn was genau in jener Nacht am 24. Mai 2014 passierte, ist unklar. Ein Gewaltexzess des JVA-Personals? Die Staatsanwaltschaft Landshut ermittelt gegen die Mitarbeiter wegen des Verdachts der Körperverletzung mit Todesfolge. „Ein tragischer Fall“, sagte der Chef des Rechtsausschusses, Franz Schindler (SPD).

Viel schlauer als zuvor wurden die Abgeordneten aber gestern nicht. Das Problem: Neun Monate nach dem Vorfall gibt es immer noch kein abschließendes rechtsmedizinisches Gutachten. Bis zum 20. März solle es vorliegen, sagt eine Sprecherin der Landshuter Staatsanwaltschaft. Die JVA-Angestellten schweigen zu dem Vorfall. Bislang gibt es nur das vorläufige Ergebnis einer Obduktion, die drei Tage nach dem Tod von Muslim H. durchgeführt wurde. Am wahrscheinlichsten sei demnach ein „lagebedingter Erstickungstod“, berichtete Zwerger. Was die Verletzungen im Kehlkopfbereich bedeuteten, könne man noch nicht einschätzen.

Verwundert zeigten sich die Abgeordneten gestern auch darüber, dass H. in seiner Zelle eine Fensterscheibe einschlagen und sich mit Scherben verletzen konnte. Das sei „beunruhigend“, sagte die Grünen-Abgeordnete Katharina Schulze. Man versuche eben, Zellen im Sinne der Häftlinge möglichst wie in normalen Gebäuden zu gestalten, argumentiert man im Justizministerium.

Klar ist, dass Muslim H. psychisch angespannt war. Das zeigt die Vorgeschichte. Der Mann hatte eigentlich in Ungarn Asyl beantragt, war aber dann unerlaubt nach Deutschland gereist. Zunächst hatte er in Passau im Gefängnis gesessen. Am 1. April sollte er von München mit einem Flugzeug zurück nach Ungarn gebracht werden. Kurz nach dem Start zog H. eine Rasierklinge, die er versteckt hatte, bedrohte das Flugpersonal. „Open Cockpit, or I kill“ (Öffnet das Cockpit, oder ich töte), soll er gerufen haben. Das Flugzeug kehrte um, H. kam in Untersuchungshaft.

Besonders überraschend ist diese Tat, weil der Kosovare in Passau als friedlicher, unauffälliger Mann galt. Die Flugzeugentführung deutet auf einen psychischen Ausnahmezustand hin. Hätte Muslim H. in einer Psychiatrie untergebracht werden müssen?

Zwerger bestreitet Fehler der Justiz. H. sei psychiatrisch begutachtet, sein Zustand für unbedenklich befunden worden. Von seinem Pflichtverteidiger, dem Vilsbiburger Rechtsanwalt Martin Paringer, gibt es dazu widersprüchliche Äußerungen. Muslim H. habe nach seinem Eindruck psychische Probleme gehabt, wurde er zunächst zitiert. Später revidierte er das.

Noch etwas anderes hatte Paringer berichtet. Er wolle lieber fünf Jahre im Gefängnis in Deutschland sitzen, als ein Jahr irgendwo anders, habe H. gesagt. Die Bedingungen für Asylbewerber in Ungarn gelten als schlecht. Das UN-Flüchtlingswerk UNHCR wirft dem Land vor, Flüchtlinge in gefängnisähnlichen Lagern zu isolieren. Dorthin wollte Muslim H. offensichtlich auf keinen Fall zurück.

Til Huber

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