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KZ-Gedenkstätte

Die Rampe von Kaufering

Kaufering - Massengräber, KZ-Rampe, Lager – in und um Kaufering bündeln sich die Hinterlassenschaften des KZ-Systems. 63 Jahre nach Kriegsende stellt sich die Lech-Gemeinde ihrer Geschichte.

Friedrich Schreiber steht oben auf der Rampe und zeigt auf ein altes Abstellgleis. „Hier unten stellen wir den Güterwaggon auf.“ Er zeigt nach rechts: „Dort hinten wird das Todesmarsch- Mahnmal stehen.“ Er zeigt nach vorne: „Da hinten war das Lager III, da müssen wir die Gedenktafeln erneuern.“ Und er zeigt nach hinten: In dieser Richtung liegen die Massengräber – auch hier sind die Infotafeln veraltet. „Alles ist hier am Bahnhof abgewickelt worden“, sagt Schreiber, während nebendran ein „Alex“-Schnellzug vorbeirauscht. „Hier kam das Menschenmaterial an und das Baumaterial.“ Und der Kauferinger Bürgermeister Klaus Bühler fügt hinzu: „Hier ist alles geschichtsträchtig.“

Ausgangspunkt war der 18. Juni 1944. An diesem Tag rollte erstmals ein Güterzug mit Häftlingen aus dem Vernichtungslager Auschwitz an. Es war der erste Transport aus Auschwitz in die oberbayerische Idylle, dort, wo die Nationalsozialisten Bunker planten. In den nur zum Teil fertiggestellten Hangars sollte das erste Düsenflugzeug „Me 262“ produziert werden. Über Prototypen ist es in der NS-Zeit nicht hinausgekommen, der Preis aber war unvorstellbar hoch: Geschätzt 30 000 zumeist jüdische KZ-Häftlinge leisteten unter mörderischen Bedingungen Fronarbeit. Die Todeszahlen in den elf Lagern und drei Bunkerbaustellen um Landsberg/Kaufering sind Schätzungen. Die Historikerin Edith Raim nennt 14 500 Tote, Schreiber 20 000.

Über die 18 Transporte in das Lager III sind Historiker durch ein Lagerbuch informiert, das ein luxemburgischer Priester, selbst KZ-Gefangener, führen musste. „Einen Namen hat sich Friedrich Schreiber mit gelbem Marker herausgestrichen: Hendrik Malek aus Klausenburg (Siebenbürgen), geboren am 23. März 1925, Beruf: Schneider. Malek war 19, als er zusammen mit seinem Vater in Kaufering ankam. Nur er überlebte den Horror, emigrierte nach Israel. Chaim Melech, wie er dann hieß, war später Polizeipräsident von Haifa. Schreiber (76), langjähriger ARD-Korrespondent in Israel, hat ihn erst in diesem Frühjahr kennengelernt. Zusammen fuhren sie ins Rathaus Kaufering, wo das Lagerbuch in Kopie liegt. Dort las Melech, wann genau sein Vater Elias Kaufering wieder verlassen musste. „K.L.A. 25.10.44“ ist am Rande des Lagerbuches notiert. Das bedeutet: Der Vater musste von Kaufering aus per Bahn zurück nach Auschwitz. Das war sein Todesurteil. Die Waggons, die Malek sen. in den Tod transportierten, waren erst am selben Tag aus Auschwitz angekommen – es war der dritte Transport, in dem just auch der Arzt Viktor Frankl wie ein Stück Ware nach Kaufering „geliefert“ worden war. Frankl, der bekannte Psychoanalytiker und Begründer der Logotherapie.

Der zweite Bürgermeister Norbert Sepp kann sich noch erinnern, dass er als fünfjähriger Bub mit seinem Opa mit dem Ochsenfuhrwerk rausfuhr, die Dorfstraße Richtung Süden bis zum Lager III, auf dem es heute eine große Schrebergartenanlage gibt – mittendrin eine Parzelle mit Gedenkstein und Erinnerungstafel. „Wir haben Kartoffeln runtergeschmissen“, erinnert sich Sepp. Unten am Fuhrwerk stritten sich ausgemergelte Gestalten in KZKleidung um die (Über-)Lebensmittel. „Für mich war das fast ein Spiel“, sagt Sepp. Es schaudert ihn etwas, wenn er das sagt.

Heute ist Sepp Vorsitzender des Vereins „Für Erinnerung und Mahnung an die Opfer des KZ-Komplexes Kaufering“. Der Verein will in enger Abstimmung mit Schreiber dafür sorgen, dass das KZ-Gräuel nicht vergessen wird. In Kaufering könnte eine Art Erinnerungslandschaft entstehen, wenn dieser seltsam beschönigende, von Historikern aber oft verwendete Begriff hier trägt.

Direkt neben dem Bahnhof gibt es ein altes Abstellgleis. Schreiber nimmt an, dass hier die Häftlinge ankamen. Künftig soll hier ein alter Güterwaggon, Typ „G 10“, stehen, er stammt von einem ehemaligen Kalibergwerk in Niedersachsen und ist exakt das Modell, dass die Deutsche Reichsbahn verwendete, um KZ-Häftlinge ins Gas zu transportieren. Den Waggon hat Bürgermeister Bühler über einen Mittelsmann bei einem Eisenbahn-Freundeskreis gekauft. Weltweit gibt es nur sehr wenige dieser Erinnerungsstücke, etwa in der israelischen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem.

Direkt vor dem Bahnhof will Schreiber der Gemeinde ein Todesmarsch-Mahnmal spenden, wie es auch in Fürstenfeldbruck, im Würmtal und im Oberland steht – zur Erinnerung an den Marsch der Häftlinge bei Kriegsende. Es ist „schon in the making“, sagt der ehemalige Israel-Korrespondent. Aber nicht nur das: Es wird ein zentrales Mahnmal „Hain der 30 000 Häftlinge“ geben, einen als „offenen Gedenkort für internationale Jugendbegegnungen“ geplanten Park, und eine ständige Ausstellung im Bahnhofsgebäude. Außerdem „Pfade der Häftlinge“ – die Feldwege zwischen den ehemaligen Lagern und den Baustellen sollen nach Häftlingen benannt werden. Einer auch nach Chaim Melech.

Der Gemeinderat hat all dem schon zugestimmt. Proteste im Ort gegen ein etwaiges „zu viel“ an Erinnerungskultur – Fehlanzeige. In dem Ort hier, schwärmt Schreiber, „gibt es ein wunderbares Verantwortungsgefühl“.

von Dirk Walter

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