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Die Pfarrkirche St. Sebastian ist mitten im Ortszentrum gelegen. Daneben fließt die Ramsauer Ache.

Dorf mit Siegel

Ramsau wird Deutschlands erstes Bergsteigerdorf

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Ramsau – Skikanonen und Alpenparks? Nicht in Ramsau. Der kleine Ort im Berchtesgadener Land macht alles anders und setzt auf Wanderungen und stillen Genuss. Heute wird Ramsau zum ersten Bergsteigerdorf Deutschlands gekürt. Das passt, denn hier sind alle „bergnarrisch“.

Mitten im Zauberwald bleibt Fritz Rasp plötzlich stehen. Hund Vinz zerrt an der Leine, die eigentlich ein Kletterseil mit Karabinerhaken ist, er zerrt und zerrt, aber Rasp will seinen Gedanken nicht verlieren. Der 56-Jährige steht auf einer kleinen Brücke, unter ihm rauscht das kristallklare Wasser der Ramsauer Ache. „Es ist schön, das einfach nur anzuschauen“, sagt er leise. „Man braucht nicht immer Neues.“

Die Ramsauer nennen ihren Wald Zauberwald, weil er zauberhaft schön ist – wie im Märchen. Manchmal blitzen die Berge durch die Baumkronen, mit viel Glück sieht man einen Steinadler kreisen. Vor Jahren kam mal die Idee auf, lebensgroße Märchenfiguren im Wald aufzustellen, Hexen, Kobolde, solche Sachen. Das war zu einer Zeit, als Ramsau, das 1800-Einwohner-Örtchen im Westen von Berchtesgaden, seine Rolle im Tourismus suchte. „Unsinn“, sagt Kurdirektor Rasp heute. Der Wald ist Spektakel genug.

Stiller Genuss statt Alpen-Halligalli, weniger statt mehr. Ramsau ist kein gewöhnlicher Touri-Ort, aber wohl ein Vorbild für nachhaltigen Tourismus. Dem Deutschen Alpenverein (DAV) ist das ein eigenes Siegel wert: Ab heute darf sich Ramsau Bergsteigerdorf nennen, das erste in ganz Deutschland.

„Es war ein langer Weg“, sagt Fritz Rasp. Er trägt Hut und Lederhose und ist einer der Typen, die die Bergluft ein Leben lang frisch hält. Rasp ist in Ramsau geboren; vor 31 Jahren, da war er gerade mal 25, wurde er hier Tourismus-Chef. Er kennt seine Heimat in und auswendig, kennt dieLeute, weiß, wie sie ticken. Als er 2013 von dem Projekt Bergsteigerdorf hörte, wusste er: „Wir müssen dabei sein.“

Die Idee stammt eigentlich aus Österreich. Dort gibt es schon heute 20 Bergsteigerdörfer, die dem Massentourismus bewusst eine ruhige, nachhaltige Alternative entgegenhalten wollen. Dazu setzen sie sich selbst strenge Auflagen: Sie verzichten auf Hotelklötze, Eventtourismus, große Skilifte. Dafür bieten sie Bergsteigertradition, eine unberührte Natur, kleine Geschäfte – und vor allem viele Wander- und Kletterwege.

Nach Wanderwegen muss man in Ramsau nicht lange suchen. Keine Stelle im Ort, von der aus man nicht binnen zehn Minuten in den Bergen wäre, sagt Rasp. Er steht auf einer Anhöhe mit Blick auf den Ort. Im Hintergrund streckt sich der Watzmann wie eine 2713 Meter hohe Kalkwand in den Himmel, rechts schimmert der Hintersee. Rasp schiebt seinen Hut ein Stück zurück. „Bei uns sind eh alle bergnarrisch“, sagt er dann. Zwei Bergtouren die Woche – für Einheimische ist das hier fast schon Pflicht.

Entsprechend leicht fiel es dem Tourismus-Chef, Vereine, Geschäftsleute und den Gemeinderat für die Idee Bergsteigerdof zu begeistern. Auch Bürgermeister Herbert Gschoßmann (CSU) war direkt mit im Boot. Rasp nennt ihn „mein Herbert“, sie kennen sich seit der Kindheit. Die Voraussetzungen der Gemeinde waren von vornherein gut. Etwa 80 Prozent der Fläche liegen im Nationalpark Berchtesgaden. Hier wären große Hotelbunker und Lifte ohnehin nicht denkbar. 70 bis 80 Prozent der Gäste (2014 waren es insgesamt 65 000) kommen schon jetzt zum Wandern in dieser Bilderbuchnatur.

Die Vertreter des DAV hatten im Bewerbungsverfahren kaum etwas zu meckern. Sie kamen sogar unangekündigt, Rasp sah sie beim Bäcker, aber Anlass zur Kritik gab es nur wenig: Ein etwas außerhalb gelegener Ortsteil ist per ÖPNV nur schlecht zu erreichen. Außerdem fehlte den Juroren ein Reise-Pauschalangebot nach Ramsau. Sonst findet Tobias Hipp, der das Projekt beim DAV mit betreut, nur positive Worte. „Die Gemeinde hat die Philosophie in beeindruckender Weise übernommen“, sagt er. „Die wollen das unbedingt.“

Natürlich gab es zu Beginn Kritiker. Einige störten sich zum Beispiel am Begriff Bergsteigerdorf. Der sei irreführend, sagten sie. Gäste könnten den Eindruck gewinnen, in Ramsau seien nur Bergsteiger willkommen. Das wäre fatal, schließlich laufen 60 Prozent der Wertschöpfung im Ort über den Tourismus. Aber die Stimmen wurden schnell leiser. Rasp kann überzeugend sein. Außerdem macht das österreichische Nachbarörtchen Weißbach bei Lofer gute Erfahrungen als Bergsteigerdorf. In Ramsau kriegen sie das mit.

„Natürlich versperrt uns diese Entscheidung Optionen“, sagt Rasp. Skikanonen wie am Sudelfeld, Lifte wie in Österreich wird es hier nicht geben. Zwar hat Ramsau ein kleines Familien-Skigebiet mit Sessellift. Jahrelang debattierten sie, ob man es nicht erweitern, vielleicht sogar mit dem benachbarten Gebiet am Götschen verbinden könnte. Aber der Gemeinderat lehnte ab – und zwar bewusst.

Gegen die großen österreichischen Skigebiete können sie eh nicht anstinken. „Außerdem passt das nicht zu uns“, sagt Rasp und schlürft an seiner Halben. Im „Wirtshaus im Zauberwald“ ist gerade einiges los. Ein paar Asiaten setzen sich an den Nebentisch, bestellen „two big beers“ – zwei große Biere. Von ihnen kommen immer mehr nach Ramsau. Sie suchen Ruhe und ein wenig Magie. Denn eine Frage stellen sie bei der Ankunft fast immer: „Can you show me the way to the Zauberwald?“ – Zeigen Sie mir den Weg zum Zauberwald?

Rasp ist sich sicher, dass der sanfte Tourismus eine Nische ist. Sicher keine, die großes Wachstum verspricht, dafür aber Konstanz. Der Tourismus-Chef erhofft sich, dass das DAV-Siegel zur Stabilisierung des ohnehin starken Sommergeschäfts beiträgt. Im Winter wäre ein kleiner Auftrieb gut. Ein paar zusätzliche Touristen, etwa fürs Skitouren-Gehen, das wär’s.

Ramsau wird Deutschlands erstes und erstmal einziges Bergsteigerdorf bleiben. Hinterstein im Allgäu war auch lange im Rennen. Aber hier gibt es Pläne für ein Wasserkraftwerk in einem Naturschutzgebiet, was die Bewerbung als Bergsteigerdorf erschwert. Ein Ausschlusskriterium sei das nicht, sagt Tobias Hipp vom DAV. Aber die Bewerbung liege auf Eis.

Zur heutigen Siegel-Verleihung kriegt Ramsau seltenen Besuch. Bayerns Wirtschaftsministerin Ilse Aigner kommt, Umweltministerin Ulrike Scharf (beide CSU) auch. Außerdem der Generalsekretär der Alpenkonvention Markus Reiterer. Wenn der Trubel vorbei ist, gönnt sich Rasp eine Halbe oder zwei, dann freut er sich auf Erntedank. Jedes Jahr ziehen die Ramsauer in einer Prozession zur Wallfahrtskirche „Maria Himmelfahrt“, die versteckt oberhalb des Ortes liegt. Die Tradition ist hier stark, auch das hat der DAV positiv bemerkt. Wenn ihm in der Vergangenheit mal Zweifel kamen, ob der ganze Aufwand lohnt, dachte Rasp oft daran und sagte sich: „Ja, genau für des. Dafür mach i des.“

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