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Unwahrscheinliches Familienglück: Raphael Heer (3) mit seinen Eltern Daniela und Benjamin. Dass Raphael heute mit dem Laufrad durch die Gegend flitzt, grenzt an ein medizinisches Wunder. 

Eltern kämpfen für ihr Kind

Raphael ist ein kleines Wunder: Nach seiner Geburt war er 42 Minuten tot

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Raphael Heer, drei Jahre alt, lacht, schreit, weint und tobt wie Kinder es eben tun. Für seine Eltern ist jeder Tag mit ihm ein kleines Wunder. Denn der heute Dreijährige ist an schwersten Behinderungen vorbeigeschrammt. Seine Geburt hätte er fast nicht überlebt.

Bobingen – Manchmal treibt es Raphael zu bunt. Wenn ihm das Malen zu langweilig wird, fegt der Dreijährige Stifte und Zettel vom Tisch und lässt einen gellenden Schrei los. Dann umschließt Benjamin Heer (36) seinen Sohn mit den Armen, um ihn zu beruhigen, verdreht die Augen und seufzt: „Dieser Bursche!“

Doch schnell umspielt ein Lächeln Heers Mundwinkel – vor Freude über das Energiebündel in seinen Armen. Denn es sah lange so aus, als würde Raphael niemals spielen und toben können wie andere Kinder. Hinter Benjamin Heer und seiner Frau Daniela (30) aus Bobingen bei Augsburg liegen drei aufreibende Jahre, in denen das Paar um seinen Sohn kämpfen musste. Gegen das Schicksal.

Das schlägt am Tag vor Raphaels Geburt im September 2013 zu. Die Schwangerschaft ist völlig normal verlaufen, doch nun stimmt etwas nicht. „Ich haben ihn nicht mehr gespürt“, erinnert sich seine Mutter. Weil Raphaels Herz viel schwächer schlägt, als es soll, entscheiden sich seine Eltern tags darauf, ihn per Kaiserschnitt auf die Welt zu holen. Im Kreißsaal der Augsburger Klinik sind sie noch guter Dinge. Doch dort bricht bei der Geburt Panik aus.

Unter dem grellen Schein der OP-Lampen schreit Raphael nicht, bewegt sich nicht, atmet nicht. „Er war nur ein graues, lebloses Etwas“, sagt sein Vater. Noch dreieinhalb Jahr später zittert dabei seine Stimme. Die Ärzte und Krankenschwestern eilen mit dem Neugeborenen in einen Nebenraum, durch den offenen Durchgang beobachtet Benjamin Heer, wie sie um sein Leben kämpfen. Nach 20 Minuten schieben sie einen Schrank als Sichtschutz vor den Durchgang. Zurück bleiben ein entgeisterter Vater und eine panische Mutter. „Wo ist mein Kind?“, fragt sie immer wieder. „Warum schreit es nicht?“

Raphael ist nach seiner Geburt 42 Minuten lang tot

Erst später, viel später, erfahren die Heers: Raphael ist nach seiner Geburt 42 Minuten lang tot. Die Ärzte geben die Reanimation auf. Dann geschieht das Wunder: Der zweite Arzt, der zum Ausstellen eines Totenscheins hinzugezogen wird, setzt sein Stethoskop an – und hört Raphaels Herz schlagen. Drei bange Stunden später sieht der Vater seinen Buben zum ersten Mal. Er liegt im künstlichen Koma. Die Ärzte rechnen mit schweren geistigen wie körperlichen Behinderungen.

Lange sieht es so aus, als würde sich diese Diagnose bewahrheiten: Der Sauerstoffentzug hat Raphaels Gehirn zugesetzt. Er ist gelähmt, sein linker Arm versteift wie nach einem Schlaganfall, eine Blockade im Rachen hindert ihn am Trinken. „Das erste Jahr war die Hölle“, sagt die Mutter. Die Heers durchleben eine Odyssee von Arzt zu Arzt und von Therapie zu Therapie. Trotz kleiner Fortschritte: Auch an seinem zweiten Geburtstag kann Raphael nicht sitzen und spricht nicht.

Raphael bei seinem letzten Therapieaufenthalt in Piestany

Ein Durchbruch gelingt erst im Herbst 2015: Über das Internet stößt Benjamin Heer auf das ADELI-Zentrum im slowakischen Piestany. „Für unser Kind tun wir alles“, sagt er. Auf eigene Kosten finanziert die Familie einen zweiwöchigen Therapieaufenthalt. An dessen Ende kann Raphael alleine sitzen. Es folgen zwei weitere Therapien. Gut 16 000 Euro investieren die Heers, die Nachbarn sammeln Spenden, denn die Kasse zahlt nicht. Dagegen klagt das Paar, eine Entscheidung steht noch aus. So oder so, das Geld ist gut angelegt, findet der Vater. „Jedes Mal ging es Raphael danach um Welten besser.“ Heute kann er am Rollator laufen, fährt mit angeschnallten Füßen Dreirad, besucht den Kindergarten und lernt langsam das Sprechen.

Seine Mutter steht auf dem Gehsteig und schaut lächelnd ihrem Buben zu, der mit dem Laufrad hin und her flitzt. „Für uns war es anfangs unvorstellbar, dass Raphael ein halbwegs normales Leben führen kann“, sagt sie. Jetzt sieht es danach aus, auch wenn er dauerhaft auf einen Gehstock angewiesen sein könnte. Egal, findet Daniela Heer. „Wir sind so froh, dass er da ist.“

Raphael liebt es, mit seinem Laufrad durch die Gegend zu flitzen.

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