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Kein Raser kann sich sicher sein – selbst dieser österreichische Motorradfahrer, der mit Tempo 127 statt erlaubter 60 durch Kaltenbrunn (Kreis Garmisch-Partenkirchen) donnerte, wurde ertappt. Denn manche Blitz-Apparate machen auch ein Foto der Rückseite, und zur Fahrer-Identifizierung reicht Gutachtern oft die Nase oder ein Ohrläppchen – oder einfach nur der Overall.

geblitzt und nicht bezahlt

Raser-Suche sogar per Internet

München – Für Polizei und private Verkehrsüberwacher ist es oft mühsam, geblitzten Rasern das Bußgeld abzuknöpfen. Deshalb wird mit raffinierten Tricks gearbeitet.

Manche Verkehrssünder bezahlen richtig gerne. Zum Beispiel die verheiratete Frau, die auf dem Heimweg vom Geliebten geblitzt wurde. „Die kam zitternd zu unserem Messauto und bat, die Verwarnung an eine Freundin zu schicken“, sagte Gunther Füßle vom Zweckverband Kommunale Verkehrssicherheit Oberland. Oder der Mann, der mit einem Firmenwagen in die Radarfalle getappt war. „Der wollte die Verwarnung an seine Privatadresse geschickt haben“, so Füßle – der Chef sollte nichts von seiner Raserei mitbekommen.

Allein der Zweckverband, der im Süden Münchens zwischen Ammer- und Chiemsee fast 60 Gemeinden betreut, hat 170 000 Raser-Verfahren im Jahr , das Polizeipräsidium Oberbayern-Nord kommt auf 150 000 Verkehrsteilnehmer. Die meisten sehen ihr Vergehen auch beim ersten Anschreiben ein. „Rund 80 Prozent der Bußgelder werden gleich bezahlt“, sagt Füßle. Doch beim Rest kann es kompliziert werden, vor allem, wenn das Beweisfoto nicht den Halter des Wagens zeigt.

Da ist Kreativität gefragt. Am einfachsten ist der Abgleich mit Einwohnermeldeämtern oder ähnlichen Dateien, in denen Passbilder ersichtlich sind. „Aber dem sind strenge Grenzen gesetzt“, sagt Hans-Peter Kammerer , Sprecher beim Polizeipräsidium Oberbayern-Nord. Denn aus Datenschutz-Gründen ist ein Routine-Abgleich nicht mehr erlaubt, bestätigt Bayerns Datenschutz-Beauftragter Thomas Petri. „Die Polizei muss sich erst bemühen, beim Halter nachzufragen und eine Stellungnahme einzuholen. Das darf nicht hinter dem Rücken der Person geschehen.“ Erst wenn das ohne Erfolg bleibt, können amtliche Daten angezapft werden.

Der Radler im Bild oben muss dagegen keine Strafe fürchten, obwohl er mit Tempo 63 in Bernau am Chiemsee erwischt wurde.

Für die Verkehrsüberwacher bedeutet das einen erheblichen Zeitdruck. Denn wenn jemand die Anschreiben regelmäßig ignoriert oder den Wohnort gewechselt hat, ist die Drei-Monats-Frist schnell überschritten – danach sind Raser-Fälle verjährt. Deshalb schauen Polizisten schon mal bei der Halter-Adresse vorbei und hoffen, dass sie beispielsweise Ehemann oder Sohn als Fahrer ertappen. Oder die Beamten fragen mit dem Blitzer-Bild bei Nachbarn nach, ob der Raser bekannt ist. Sogar Arbeitskollegen können kontaktiert werden. „Aber das muss dann schon ein besonderer Fall sein“, sagt Kammerer. „Eine dauerhafte Observation scheidet ohnehin aus.“ Das ist nicht verhältnismäßig, und auch die Kapazitäten reichen dafür nicht aus. Allein in Ingolstadt etwa müssen sich die Beamten pro Jahr um 1000 Fälle von Fahrerermittlungen kümmern.

Füßle von den Oberland-Blitzern betont, dass ihnen nur ganz wenige Fälle durch die Lappen gehen. Selbst bei nicht-angemeldeten Personen, die nicht einmal einen Namen auf ihrem Briefkasten haben, wird in seltenen Fällen die Post gegen Bezahlung beauftragt nachzusehen, ob der Verkehrssünder dort wohnt. „Wir wollen nicht wie die Stasi herumlaufen, aber wenn es um Fahrverbote geht, sind wir streng“, so Füßle.

Vergleichsweise einfach ist da die Methode, in Internet-Freunde-Netzwerken wie Facebook und Lokalisten nach Rasern zu suchen. „Es ist unglaublich, was die Leute da alles reinschreiben. Vor allem junge Menschen haben ein sehr offenes Verhältnis zu ihren Daten“, sagt Füßle. Schnell finden sich dort Vergleichsbilder, „wir haben damit gute Erfahrungen gemacht“.

Bei der Polizei dagegen ist die Internet-Suche nicht üblich, sagt Kammerer, und das ist laut Datenschützer Petri auch gut so: „Das ist eine unkonventionelle Form der Suche, und das ist nicht positiv gemeint.“

von Boris Forstner

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