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Nur noch auf zwei Autobahnen galten gestern Tempolimits wegen der Blow-Up-Gefahr: auf der A 3 zwischen Rosenhof und Garham/Vilshofen sowie auf der A 93 zwischen Inntal und Kiefersfelden. Heute könnten auch dort die Geschwindigkeitsbegrenzungen aufgehoben werden. Sobald es wärmer wird, besteht wieder das Risiko, dass der Asphalt aufplatzt.

Fahrbahn-Schäden durch "Blow ups"

Blitzer auf der A92: 430 Raser trotz Tempo 80

Freising - Es ist eine Bilanz, mit der niemand gerechnet hatte: 430 Autofahrer sind innerhalb von acht Stunden auf der A 92 geblitzt worden. Wegen hitzebedingter Fahrbahnschäden galt dort seit einigen Wochen Tempo 80.

Doch viele Autofahrer unterschätzen, wie groß die Gefahr durch sogenannte Blow Ups ist.

Michael Schmidt hat viele Ausreden gehört die vergangenen Tage. Von vielen verärgerten Autofahrern. Zwei Tage lang hat die Verkehrspolizei Freising Geschwindigkeitskontrollen durchgeführt – in dem Bereich der A 92 München-Deggendorf, in dem akute Gefahr bestand, dass der Asphalt durch die Hitze plötzlich aufplatzt.

„Blow Ups“ nennen Experten diese Fahrbahnschäden, die diesen Sommer auf den bayerischen Autobahnen häufiger auftreten als die Jahre zuvor. Ein Motorradfahrer ist im Juni deswegen auf der A 93 Richtung Regensburg tödlich verunglückt. Und doch unterschätzen die meisten Autofahrer die Gefahr. „Innerhalb von acht Stunden haben wir 430 Autos geblitzt“, sagt Schmidt, der Leiter der Freisinger Verkehrspolizei. Und das waren ausschließlich Autofahrer, die deutlich zu schnell waren. Denn die Polizei war kulanter als sonst, sie hat erst ab 120 km/h geblitzt. Ein Autofahrer war sogar mit Tempo 170 unterwegs. Er hatte einen dringenden Termin, sagte er der Polizei. Und absolut kein Verständnis für die Geschwindigkeitsbegrenzung.

„Das Risiko ist nicht ohne“, betont Schmidt immer wieder. Anfangs sind die Geschwindkeitsbegrenzungsschilder je nach Warnstufe ständig auf- und abgebaut worden. Die vergangenen Wochen war es aber durchgehend so warm, dass es nicht mal nachts Entwarnung gab. „Die Platten heizen sich tagsüber auf und bleiben unter Spannung“, erklärt Josef Seebacher, Pressesprecher der Autobahndirektion Süd. „Deshalb platzt die Fahrbahn überwiegend in den Abendstunden auf.“ Die Autobahndirektion misst die Temperatur entlang der Fahrbahnen. Neben dem Alter der Betonplatten ist das der einzige Anhaltspunkt, um beurteilen zu können, wo sich der Asphalt in lebensgefährliche Rampen verwandeln könnte. Blow-Up-Alarm wird ab 28 Grad gemeldet – auf den Fahrbahnabschnitten, die 30 bis 40 Jahre alt sind. Denn damals sind noch einzelne, nur 22 Zentimeter dicke Betonplatten verlegt worden – heute wird der Beton zu durchgehenden dickeren Platten gegossen. Die Mitarbeiter der Autobahndirektion fahren die gefährdeten Strecken im Schritttempo auf dem Standstreifen ab – und ordnen Geschwindigkeitsbegrenzungen an, wenn sie Schäden entdecken. „Man kann nicht vorsichtig genug sein“, sagt Seebacher. „Die Blow Ups können auch dort auftauchen, wo wir sie überhaupt nicht erwarten.“

30 Fälle gab es diesen Sommer bereits – deutlich mehr als die Jahre zuvor. Woran das liegt, soll eine Forschungsstudie klären, die die Autobahndirektion bereits in Auftrag gegeben hat. Bis dahin bleibt Josef Seebacher und seinen Kollegen nichts anderes übrig, als immer wieder zu warnen und Tempolimit-Schilder aufzustellen – und wieder abzustellen, sobald die Temperatur mindestens zwei Tage unter 28 Grad sinkt. Momentan sind wieder alle Geschwindigkeitsbegrenzungen aufgehoben – nur auf der A 3 Regensburg-Passau und der A 93 Inntal-Kiefersfelden waren gestern noch Streckenabschnitte betroffen. Aber Seebacher betont: „Sobald es wieder wärmer wird, steigt auch die Gefahr.“

Aber nicht nur die Hitze macht den Autobahnen zu schaffen – sondern auch der Verkehr. „Die meisten Fahrbahnen sind in den 70er-Jahren gebaut und für 20 Jahre ausgelegt worden. Sie sind nicht für unser heutiges Verkehrsaufkommen gemacht.“ Um alle Hitzeschäden auf den Fahrbahnen auszubessern, reiche eine Summe im einstelligen Millionenbereich – um alle Gefahrenstellen zu erneuern, warten die Autobahndirektionen seit Jahren auf Geld. Erst dieses Jahr hat das Bundesverkehrsministerium 100 Millionen Euro für Erhaltungsmaßnahmen zur Verfügung gestellt, die seit den 90er-Jahren nötig sind. „In Bayern sind 200 Kilometer Autobahn Blow-Up-gefährdet“, sagt Seebacher. Die betroffenen Autobahnen müssen beidseitig Stück für Stück erneuert werden. Bedeutet: Viele Baustellen, Fahrstreifensperrungen und Tempolimits in den nächsten Jahren. Und Seebacher ahnt: „Auch dafür werden die Autofahrer wohl wenig Verständnis haben.“

KATRIN WOITSCH

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