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Eine Frau befestigt kurz nach dem Volksentscheid einen „Rauchen-Verboten“-Aufkleber an der Scheibe eines Cafes (o.). Das war 2010. An diesem Samstag jährt sich das verschärfte Gesundheitsschutzgesetz zum fünften Mal.

Gäste und Wirte haben Luft geholt

Fünf Jahre Rauchverbot: Die Rebellen verstummen

München - Seit fünf Jahren sind Bayerns Kneipen rauchfrei. Gäste und Wirte haben tief Luft geholt – und sich größtenteils darauf eingestellt. Nur wenige schimpfen noch immer. Eine Bilanz.

Es gibt sie noch, die echten Rebellen. Zuletzt gesichtet in einer leicht versifften Bar in München. 1 Uhr nachts, der Zapfhahn hat schon eine beträchtliche Anzahl an Gläsern gefüllt. Dartpfeile fliegen durch die Luft und die Spielautomaten blenden mit buntem Neonlicht. Auf einmal stehen wie aus dem nichts die Aschenbecher auf dem Tisch. Feuer Frei für die Gesetzlosen. Oder besser: die Ordnungswidrigen.

Denn rauchen in der Kneipe ist eigentlich tabu. An diesem Samstag vor fünf Jahren trat in Bayern ein verschärftes Gesundheitsschutzgesetz in Kraft. Die Kernänderung: ein umfassendes Rauchverbot in Bayerns Gastronomie. Und das im Namen des Volkes.

Frankenberger galt als Persona non grata

Das Volksbegehren und der anschließende Volksentscheid haben mächtig Staub aufgewirbelt an bayerischen Stammtischen, aber auch in der Politik. Initiator Sebastian Frankenberger galt zeitweise als Persona non grata an manch bayerischem Tresen. Monatelang feuerten sich Gegner und Beführworter eines schärferen Nichtraucherschutzes die Argumente um die Ohren. SPD und Grüne schlugen sich auf die Seite der ÖDP-Initiative. Die FDP pochte auf das bestehende Gesetz. Und die CSU schlingerte still und heimlich zwischen den Fronten hindurch, bis die Geschütze verstummten und das Volk entschied.

Und jetzt? Im Jahr Fünf nach dem Qualm haben sich die Wogen geglättet. „Läuft doch alles super“, sagt Frankenberger, der sich mittlerweile aus der Politik zurückgezogen hat. „Es taugt den Rauchern wie den Nichtrauchern.“ Er fühlt sich bestätigt. Nicht nur wegen der gesundheitlichen Aspekte. „Die Bürger haben gelernt: Mir san mir. Und mir traun uns, was zu sagen.“ Seine Initiative war der erste Volksentscheid mit einem Gesetzesentwurf aus einem Volksbegehren seit der Abschaffung des Bayerischen Senats 1998.

Die Raucherzahlen gehen seit Jahren leicht zurück

Aber hat sich das neue, umfassende Verbot auf den Tabakkonsum ausgewirkt? Die Raucherzahlen gehen seit Jahren leicht, aber konstant zurück. Im Mikrozensus 2013 gab knapp ein Viertel (22,2 Prozent) der über 15-Jährigen in Bayern an, zu rauchen, 18,8 Prozent davon regelmäßig. Das sind zwei Prozent weniger als vor zehn Jahren. Ein besonders deutlicher Rückgang seit Einführung des umfassenden Nichtraucherschutzes ist aber nicht erkennbar – außer bei jungen Rauchern. Hier sinkt die Zahl stark, allerdings schon seit dem Jahr 2001. Damals lag der Raucheranteil unter den 12- bis 17-Jährigen noch bei 27,5 Prozent. 2014 rauchte nur noch jeder zehnte Jugendliche. Deutschlandweit ist Bayern das Bundesland mit dem statistisch niedrigsten Raucheranteil.

Dieser Rückgang ist kein Verdienst der Nichtraucherschutz-Initiative, findet Franz Bergmüller. „Die Jugend unter 18 dürfte in der Gaststätte ja sowieso nicht rauchen – ansonsten ist der Konsum mehr oder weniger gleich geblieben.“ Bergmüller, Wirt und bekennender Nichtraucher, war vor fünf Jahren Frankenbergers hartnäckigster Gegenspieler. Er stand an der Spitze des Raucher-Aktionsbündnisses „Bayern sagt Nein“, das, unterstützt mit Geld aus der Tabakbranche, gegen ein Verbot kämpfte – und verlor. Er empört sich noch immer über das Thema. „Wir müssen endlich aufhören, alles in diesem Land zu regeln.“ Er will Prävention, aber keine Bevormundung. Und fordert die Möglichkeit zu lizenzierten Raucherräumen in der Gastronomie. „Das Verbot hat zu massiven Verlusten vor allem bei verpachteten Gaststätten geführt.“ Einige Wirte hätten deshalb schließen müssen.

Dieses Gefühl teilen viele Wirte. Es lässt sich aber schwer belegen. „Es gibt keine konkreten Zahlen, weil nie vermerkt wird, warum ein Betrieb geschlossen wird und ob es eine Raucher- oder Nichtraucherkneipe war“, sagt Frank-Ulrich John, Sprecher des Hotel- und Gaststättenverbands. Grundsätzlich gelte aber: Je kleiner und getränkelastiger ein Lokal, desto stärker die Probleme bei der Umsetzung des Verbots. Die traditionellen Eckkneipen – die Bierbrunnen, Pils-Stüberl und Bier-Boazn des Freistaates – hätten mit der Umstellung am meisten zu kämpfen gehabt, sagt John. Häufig waren die fernbleibenden Raucher aber nur ein Negativ-Faktor von vielen, da sind sich John und auch Bergmüller einig.

„Es hat sich gut eingespielt“

Wer die Umstellung überlebt hat – und das sind die meisten – hat sich angepasst. „Es hat sich gut eingespielt“, sagt Traudl Schmidramsl, Wirtin des Gasthofs Neuwirt in Ismaning (Kreis München). Auch sie hatte die Umstellung anfangs scharf kritisiert. „Im ersten Jahr hatten wir dann auch Umsatzeinbußen. Die Leute sind einfach früher nach Hause gegangen und haben ihren Absacker zur Zigarette da getrunken.“ Mittlerweile haben sich aber auch die Gäste daran gewöhnt. Der Umsatz von Schmidramsls Gasthof hat sich erholt.

Bergmüller hatte unmittelbar nach dem Volksentscheid zivilen Ungehorsam der Wirte vorausgesagt. Aber offenbar hält sich der bewusste Protest in Grenzen. Das Kreisverwaltungsreferat München (KVR) verzeichnet seit 2010 immer weniger Verstöße gegen das Gesundheitsschutzgesetz. Von August 2010 bis Juli 2011 wurden noch 195 Bußgelder erlassen, im gleichen Zeitraum 2014/15 nur noch 67. Derzeit sind es laut KVR-Sprecher Florian Schmelmer etwa zwei Fälle im Monat – bei rund 8000 registrierten Gaststätten in München ein extrem niedriger Wert.

Rebellen wie die in München scheinen die Ausnahme geworden zu sein. Bayerns Raucher haben sich abgefunden mit dem Gang vor die Tür.

Dominik Göttler

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