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Ein Klassenzimmer an einer bayerischen Schule.

Raumnot an bayerischen Gymnasien: "Angefüllt bis zum Stehkragen"

München - Immer mehr bayerische Schüler wollen aufs Gymnasium - doch schon jetzt fehlt ihnen vielerorts der Platz. “Wir sind am Anschlag“, klagt etwa Schulleiter Herbert Schuhknecht.

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1343 Schüler besuchen sein Augsburger Holbein-Gymnasium; ausgelegt ist der Bau für 900. Deshalb quetschen sich dort in ein Klassenzimmer mehr als 30 Schüler. Für den Sportunterricht müssen sie mit Bussen zu angemieteten Turnhallen gekarrt werden. Mit ähnlichen Problemen haben Gymnasien in ganz Bayern zu kämpfen. Denn die Schulart wird immer beliebter: 2009 traten im Freistaat erstmals mehr als 40 Prozent der Grundschüler an das Gymnasium über. “Das Gymnasium ist die neue Hauptschule“, sagt Klaus Wenzel vom Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV). Er prophezeit langfristig gar eine Übertrittsquote von 50 Prozent. Der Grund dafür liege vor allem in den gestiegenen Erwartungen der Eltern.

“Viele bekommen nur ein Kind und wollen alles für den Nachwuchs tun“, meint er. Viele ABC-Schützen erhielten schon in der Grundschule Nachhilfe, um den Aufstieg in die angesehenste Schulart ja nicht zu gefährden. “Das ist keine gesunde Entwicklung“, kritisiert Wenzel.

Zu den steigenden Schülerzahlen kommen die Anforderungen durch das auf acht Jahre verkürzte Gymnasium, denen viele Schulen nicht gewachsen sind. Statt der geforderten Aufenthaltsräume stehen den Eleven im Holbein-Gymnasium “Sitzgruppen am Ende der Gänge“ zur Verfügung, die Mensa funktioniert nur im Schichtbetrieb. Die Oberstufe habe gar keine eigenen Klassenzimmer und sei ein einziger Wanderzirkus, beschreibt Schuhknecht.

“Ich warte darauf, dass ich meine Schüler zum Wandeln in den Kreuzgang schicken muss, weil ich keine Klassenzimmer mehr habe“, sagt Josef Maisch mit Galgenhumor. Als Vertretungsplaner fällt ihm die Aufgabe zu, den Schulbetrieb am Holbein-Gymnasium trotz Raumknappheit zu organisieren.

“Die Gymnasien wurden die letzten Jahre bis zum Stehkragen angefüllt“, sagt Schuhknecht. Ein Ende der Enge sei nicht abzusehen. Aus- oder Umbauten müssten als Sachaufwandsträger die Kommunen finanzieren. “Und die sind durch die Finanzkrise noch stärker in Bedrängnis geraten“.

Wie schwierig es ist, bauliche Maßnahmen durchzusetzen, weiß auch Schulleiterin Katharina Laubmeier. Schon als sie vor neun Jahren an das Gymnasium Miesbach gekommen sei, habe dort Raumnot geherrscht. Heute ist die Schule um 40 Prozent überbelegt. “Man hat immer das Gefühl, dass einem als Schulleiterin nicht geglaubt wird. Es musste erst der Druck der Eltern da sein, damit was passiert“, sagt Laubmeier. Diesen Sommer werde endlich mit den Ausbauarbeiten angefangen: “Ein Licht am Ende des Tunnels“.

Räumliche Enge verschärfe auch die pädagogischen Bedingungen, meint Laubmeier: “Wenn man etwas im Kessel hat, entsteht Druck“. Als Notventil dienten häufig Schul-Container. Die oft als Übergangslösung aufgestellten und meist erstaunlich langlebigen “Büffel-Boxen“ gehören vielerorts zum Schulbild. “Um Gottes willen, die Container sind furchtbar“, beschwert sich etwa Heike Hein vom Bayerischen Elternverband (BEV). “Der Lärmpegel darin ist unerträglich, die Schüler wollen sich dort nicht aufhalten“, sagt sie.

“Die Botschaft ist: “Die Schule ist kein spaßorientierter Raum, schau, dass du damit klarkommst““, meint auch BLLV-Präsident Wenzel. Er spricht vom Klassenraum als drittem Erzieher, der große Auswirkungen etwa auf das Lernverhalten habe.

Zum Problem der Überfüllung geselle sich der marode Zustand vieler Klassenräume. “Da gibt es runterhängende Waschbecken, dreckige Vorhänge und Wände, undichte Fenster - wenn meine Enkel in so ein Zimmer müssten, würden wir intervenieren“, beklagt er die Sparwut der Kommunen.

 “Doch es gibt auch Bürgermeister, die auf Jahre verschuldet sind, weil bei ihnen eine nagelneue Hauptschule leer steht“, macht Heike Hein vom BEV auf das Problem des Hauptschulsterbens aufmerksam. Kooperationen zwischen wenig ausgelasteten Hauptschulen und aus allen Nähten platzenden Gymnasien hält Wenzel jedoch für unwahrscheinlich.

Von Nicole Grün

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