Ein Rechtsmediziner klärt auf

Darum gibt es so viele unentdeckte Morde

  • schließen

München - Jedes Jahr werden Hunderte von Morden nicht als Morde erkannt. Schätzungen gehen von bis zu 2400 Fällen deutschlandweit aus. Wie das möglich ist, erklärt uns ein Rechtsmediziner.

Es klingt wie eine ziemlich grob geschnitzte Krimi-Szene, aber es ist passiert. Ein Arzt stellt den natürlichen Tod eines Mannes fest. Bevor der Leichnam verbrannt wird, soll ein Pathologe die Todesursache nochmals bestätigen. Er tut das Gegenteil: Denn als er die Leiche entkleidet, fällt ihm ein großes Pflaster am Rücken auf. Er zieht es ab, sieht eine Wunde. Der Mann wurde erstochen, unnatürlicher kann ein Tod nicht sein. Bloß hatte es der Arzt bei der ersten Leichenschau nicht bemerkt.

Unter Rechtsmedizinern ist die Anekdote in verschiedenen Variationen ein Klassiker, ähnlich wie jener Spruch, dem zufolge unsere Friedhöfe hell erleuchtet wären, wenn auf jedem Grab eines unentdeckt Ermordeten eine Kerze stünde. Deutschland – Land der unentdeckten Morde?

Man darf das nicht zu wörtlich nehmen, aber der Spruch hat einen wahren Kern. Denn hierzulande bleiben jedes Jahr Hunderte von Morden unerkannt – Schätzungen gehen von 1200 bis 2400 Fällen aus. Zum Vergleich: Das Bundeskriminalamt verzeichnet für das vergangene Jahr 249 bekannte Mordfälle.

Die unter Experten unumstrittene Zahl der unentdeckten Morde überragt also deutlich. „Das ist ein sehr ernstzunehmendes Problem“, sagt der Erlanger Strafrechtsprofessor Christoph Safferling. Er saß in jener Experten-Kommission, die über die Novellierung des Mordparagrafen beraten hat. In den Beratungen kamen auch die unerkannten Morde zur Sprache. Heute sagt Safferling: „Der tollste Paragraf nutzt nichts, wenn man die Fälle nicht aufdeckt.“

Einer, der seinen Beitrag zur Aufdeckung leistet, ist Matthias Graw. Er leitet das Institut für Rechtsmedizin an der Ludwig-Maximilians-Universität München und ist mit seinen Mitarbeitern für den gesamten südlichen Teil Bayerns zuständig. Sein Team obduziert pro Jahr 2000 Leichen aus München genauso wie aus Niederbayern – sofern die Todesursache ungeklärt oder nicht natürlich ist.

Für Graw ist das schon Teil des Problems. Denn die Fehler passieren oft, bevor er die Toten auf den Tisch bekommt.

Grundsätzlich gilt: Wird ein Toter entdeckt, muss ein Arzt – im Zweifel auch ein Zahnarzt – sein Ableben bestätigen und die Todesursache feststellen. Sie kann natürlich, nicht natürlich oder ungeklärt sein. Zwar ist diese erste Leichenschau in jedem Bundesland im Detail geregelt – das bayerische Bestattungsgesetz etwa fordert, besonders die Körperöffnungen, den Rücken und die behaarte Kopfhaut nach Wunden, Blutergüssen und sonstigem abzusuchen. Trotzdem bescheinigen Mediziner nicht selten fälschlich einen natürlichen Tod.

„Es hängt viel von der Qualität der Leichenschau ab“, sagt Markus Kraus, Leiter der fünf Münchner Mordkommissionen. Dass manche Diagnose allzu hastig gestellt werde, sei auch den mäßigen Bedingungen geschuldet. Schließlich würden Ärzte für die spontanen Einsätze schlecht bezahlt. „Im Schnitt bekommen sie vielleicht 70 Euro brutto“, sagt er. Ein Schlüsseldienst würde dafür nichtmal die Treppe hochkommen.

Das bemängelt auch Graw. Dass Fehlurteile durch eine schlechte Ausbildung der Ärzte entstehen, glaubt er nicht. Viele Todesursachen ließen sich bei der äußeren Leichenschau einfach nicht feststellen. Bei Fortbildungen, die er gibt, hört er auch immer wieder, dass Mediziner beeinflusst werden, gerade auf dem Land. „Es ist schon passiert, dass Polizisten die Ärzte drängen, den Tod im Zweifel als natürlichen Fall auszugeben“, sagt er. Nicht aus Bosheit, sondern aus Personalnot – um sich Arbeit zu ersparen.

Graw weiß, dass er sich mit solchen Sätzen keine Freunde macht. Er gesteht aber auch, dass selbst eine Obduktion nicht immer die letzte Lösung bringt. Es gibt Grenzfälle, die nur schwer zu bewerten sind, etwa im Krankenhaus. Wenn ein Pfleger die Morphiumdosis erhöht und der Patient daran stirbt – wer will dem Pfleger dann schon Absicht nachweisen? Auch Pflegeheime seien, salopp gesagt, heiße Pflaster. „Wenn man den Bewohner eines Heims auf dem Tisch hat, hat man immer ein ungutes Gefühl“, sagt Graw.

Beispiel: Der "Todespfleger von Sonthofen" im Allgäu

Ein jüngeres Beispiel ist der „Todespfleger von Sonthofen“ im Allgäu, der monatelang Patienten mit Medikamenten umbrachte. Der Fall kam nur ans Licht, weil die fehlenden Medikamente auffielen. Der damals 28-Jährige wurde 2006 wegen Mordes und Totschlags in 27 Fällen verurteilt.

Es geht darum, die Fehlerquellen zu minimieren, sagt Graw. Das bedeutet unterm Strich: mehr Obduktionen. Der Trend geht aber in die entgegen gesetzte Richtung. Im vergangenen Jahr sei die Obduktionsquote an seinem Institut um zehn Prozent gesunken, sagt er. Und das sei deutschlandweit noch wenig.

Ein wichtiger Schritt, sagt Graw, wäre, Verstorbene vor einer Kremation nochmals zu untersuchen, um Widersprüche bei der festgestellten Todesursache auszuschließen. Damit wäre eine breite Personengruppe abgedeckt, denn schon jetzt lässt sich jeder zweite Tote einäschern. In 15 Bundesländern ist das schon gesetzlich geregelt. „Nur Bayern leistet sich den Luxus, bei der Kremation keine zweite Leichenschau zu machen.“

Marcus Mäckler

Rubriklistenbild: © dpa

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Unwetterwarnungen: Höchste Stufe gilt bis 24 Uhr
Der Deutsche Wetterdienst (DWD) hat für Montag vor Unwettern mit extremen Orkanböen in den bayerischen Regierungsbezirken Schwaben und Oberbayern gewarnt.
Unwetterwarnungen: Höchste Stufe gilt bis 24 Uhr
Unheimliche Entdeckung: 13-Jährige findet Grabstein ihres Opas im Freizeitpark
Der Horror wurde real, aus dem Spaß eine Anzeige: Der Betreiber des Freizeitparks Geiselwind hat nun die Staatsanwaltschaft am Hals. 
Unheimliche Entdeckung: 13-Jährige findet Grabstein ihres Opas im Freizeitpark
Muslimische Bestattungen in Bayern: Der Ärger um die letzte Ruhe
Die Debatte um eine Lockerung der Sargpflicht ist nicht neu – aber sie kocht immer wieder hoch. Zuletzt vor wenigen Tagen, als die SPD mit einem entsprechenden Antrag …
Muslimische Bestattungen in Bayern: Der Ärger um die letzte Ruhe
Winter sorgt für viele Unfälle in Bayern
Wegen Glätte und frostigem Wind ist es am Wochenende in Bayern zu zahlreichen Unfällen gekommen. Auf der Zugspitze gab es einen eisigen Rekord.
Winter sorgt für viele Unfälle in Bayern

Kommentare