Siegfried Moser steht im Stall bei seinen Kühen und stützt sich auf eine Mistgabel
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Die Landwirtschaft ist sein Lebensglück: Der 82-jährige Siegfried Moser muss um seinen Hof fürchten

Rechtsstreit um Schwarzbauten

„Die Landwirtschaft ist meine große Liebe“: Der 82-jährige Siegfried Moser soll von seinem Hof vertrieben werden

  • Katrin Kleinschmidt
    VonKatrin Kleinschmidt
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Siegfried Moser ist trotz seiner 82 Jahre noch leidenschaftlicher Landwirt. Er lebt allein und sehr abgeschieden auf seinem Brucker Hof in Steingaden – für ihn das große Glück. Doch nun will ihn das Landratsamt von dort vertreiben. Die Gebäude seien teilweise Schwarzbauten. Entscheiden muss nun ein Richter.

Der 1. Juni. Siegfried Moser hat fast nicht mehr daran geglaubt, an diesem Morgen in seinem Schlafzimmer aufzuwachen. Er hat befürchtet, dass er heute das Zwitschern der Vögel und das Plätschern des Lechs nicht hört. Aber Moser wohnt noch auf seinem Brucker Hof, abgelegen im Außenbereich Steingadens. Er musste sein Zuhause noch nicht verlassen, hat eine Schonfrist bekommen. Wie lange die dauert, was danach kommt – der 82-Jährige weiß es nicht.

Denn das Landratsamt Weilheim-Schongau betrachtet Teile der Anlage als Schwarzbauten und fordert den Abriss. Zum 1. Juni wurde eine Nutzungsuntersagung für die Wohnung ausgesprochen, Moser soll ausziehen. Hinzu kommen Abrissverfügungen für zwei Gebäude. Der 82-Jährige hat mit seiner Anwältin Klagen eingereicht. Das Landratsamt will eine Entscheidung des Bayerischen Verwaltungsgerichtshofes abwarten, sieht deshalb vorläufig von Zwangsmaßnahmen ab. Moser lässt das Luft zum Atmen. Doch sein Hof bleibt in Gefahr.

Der Brucker Hof liegt sehr abgeschieden bei Steingaden.

Nie hatte er sich etwas sehnlicher gewünscht als eine eigene Landwirtschaft. Als Bub lebte der gebürtige Miesbacher bei den Großeltern, sollte Hofnachfolger werden – doch als der Opa nicht mehr konnte, war Siegfried noch zu klein, der Onkel übernahm den Hof. Moser machte stattdessen eine Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann, war später im Eisenwarenbereich erfolgreich. „Ich habe viel geschafft“, sagt er. „Aber das alles ist heute so unwichtig. Die Landwirtschaft ist meine Liebe.“ Nebenbei betrieb er ab 1973 verschiedene Höfe, hatte Rinder und Pferde. Gegen Ende des Berufslebens kaufte er das Grundstück am Lech und zog mit seiner Frau in ein Haus, rund sieben Kilometer entfernt. Der Brucker Hof bestand damals nur aus einem alten Gebäude von 1665. Früher ging dort eine Zollbrücke über den Lech, es gab eine Landwirtschaft. Beides war längst Geschichte, als Moser 2001 den Kaufvertrag unterschrieb. Er schaffte sich Rinder an – Grauvieh, eine Tiroler Rasse, wie sie einst auch sein Großvater gezüchtet hatte. Moser beantragte 2006 den Bau eines offenen Mutterkuhstalls. Nach der Genehmigung errichtete er ihn sofort. Rund 40 Tiere haben darin Platz. Ihr Futter erntet er selbst. 14 Hektar Land bearbeitet er rund um den Hof, die 250-Kilo-Ballen bugsiert er mit einem Aufzug auf den Dachstuhl. Weil er einige Arbeitsgeräte hatte, wollte er 2008 einen Maschinenstadl errichten. Gemeinderat und Landratsamt widersprachen, doch eine Bauamtsmitarbeiterin habe ihm gesagt, eine Halle mit 100 Quadratmetern könne er genehmigungsfrei errichten, berichtet er. Dass die Regierung den Hof damals schon als privilegiert ansah und den gewünschten Stadl für zulässig hielt, sagte dem Landwirt keiner. Er gab sich mit der Auskunft im Bauamt zufrieden, zog den Antrag zurück und errichte den Stadl, der nun als Schwarzbau gilt. Zu dieser Zeit pendelte Moser noch zum Hof, der nur schwer erreichbar ist. Eine buckelige Straße führt hinunter – Moser hatte sie selbst einst angelegt. Auf Dauer war die Pendelei nichts, zweimal ertranken Kälber im Lech, als er nicht da war. Nach dem Tod seiner Frau beschloss er, auf den Hof zu ziehen – und traf 2010 wieder auf Gegenwehr der Behörden. Er klagte gegen die Ablehnung. Bei einer Verhandlung 2012 auf dem Hof schlug ein Richter vor, den damaligen Zustand zu dulden. Moser hatte da schon angefangen, eine Betriebsleiterwohnung im Bestandsgebäude unterzubringen, sie war aber noch im Rohbau. Er dachte, sein Einzug ginge nun in Ordnung, baute weiter aus. Und lebt seither auf dem Hof.

Ich bin glücklich, weil ich mein Viecher und die Arbeit hier habe.

Siegfried Moser

Einmal in der Woche fährt der 82-Jährige in die benachbarten Orte. Er hat zwar eine offizielle Adresse, Müllabfuhr und Post fahren ihn aber nicht an. Briefe landen in einem Postfach, seinen Abfall schafft er selbst weg. Auch sonst lebt er autark. Strom gewinnt Moser auf dem Dach, das Wasser aus einer Quelle. Sparsam muss er sein. Macht ihm nichts aus. „Ich bin glücklich, weil ich meine Viecher und die Arbeit hier habe.“ Und er ist unglücklich, weil er nicht weiß, ob das so bleibt. Was bringt ihm der Mutterkuhstall noch, wenn Wohnung und Maschinenstadl abgerissen werden?

Das fragt sich auch die Grünen-Landtagsabgeordnete Anne Franke. Der Landwirt hat eine Petition beim Landtag eingereicht, Franke wurde vom zuständigen Ausschuss als Berichterstatterin eingesetzt, hat sich den Hof angesehen. „Es ist eine naturverträgliche Landwirtschaft, ich kann da einfach nichts Verwerfliches sehen.“ Wann das Thema im Ausschuss aufgegriffen wird, ist unklar. Es müsse erst eine Stellungnahme der Behörden eingeholt werden. Wie die aussehen wird, lässt sich erahnen.

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