Am Regensburger Dom ist eine sogenannte „Judensau“ zu sehen: Die Figur sollte Juden herabsetzen und demütigen. 
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Die „Judensau“-Skulptur am Regensburger Dom soll nicht einfach entfernt, sondern besser in den historischen Kontext eingeordnet werden.

Umgang mit antisemitischer Kunst

Historische „Judensau“-Relikte sollen bleiben - auch zur Mahnung gegen Antisemitismus

  • Claudia Schuri
    vonClaudia Schuri
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An vielen bayerischen Kirchen prangen antisemitische Darstellungen aus der Vergangenheit. Nun ist eine Entscheidung gefallen: Die „Judensau“-Relikte dürfen bleiben – allerdings unter Bedingungen.

  • Eine viele Jahrhunderte alte „Judensau“-Skulptur am Regensburger Dom sollte einst Juden diffamieren, demütigen und herabsetzen.
  • Jetzt hat sich ein Runder Tisch mit der Frage beschäftigt, wie mit derartiger Schmähkunst umgegangen wird.
  • Die Experten empfehlen, die Relikte nicht aus dem baulichen Kontext zu entfernen - stattdessen soll vor Ort über den geschichtlichen Hintergrund aufgeklärt werden.

München – Wie Ferkel liegen zwei Menschen unter einem Schwein, einer von ihnen saugt an den Zitzen. Ein dritter hält das Ohr des Tieres fest: Diese Skulptur ist am Regensburger Dom zu sehen. Es handelt sich um eine so genannte Judensau. Die Figuren sollten Juden darstellen, verhöhnen, demütigen und herabsetzen. Weil das Schwein im Judentum als unrein gilt, wurde es im Mittelalter häufig als Schmähbild verwendet.

Doch wie geht man heute mit den Relikten um? Um diese Frage zu klären, trafen sich jetzt der Antisemitismusbeauftragte der Staatsregierung, Ludwig Spaenle (CSU), der Vorsitzende des Landesverbands der Israelitischen Kultusgemeinde in Bayern, Josef Schuster, sowie Vertreter von Behörden und den christlichen Kirchen zu einem Runden Tisch.

Wichtig sind eine deutliche Bewertung und Einordnung

Antisemitismusbeauftragter Ludwig Spaenle

Die Teilnehmer einigten sich auf mehrere Empfehlungen. „Antijüdische Darstellungen sollen aus dem baulichen Kontext nicht entfernt werden“, erklärt Ludwig Spaenle. Dort könnten sie auch eine „mahnende Funktion“ gegen Antisemitismus erfüllen. Voraussetzung ist, dass gut sichtbare Informationen zu den Motiven angebracht sind. Beschrieben werden soll zum Beispiel die individuelle Geschichte des Objekts und das historische Phänomen. „Wichtig sind eine deutliche Bewertung und Einordnung“, betont Spaenle.

Am Regensburger Dom gibt es zwar eine Hinweistafel zur „Judensau“ – Kritiker beklagen aber, der Text sei zu schwach. Die Skulptur sei eine „Spottfigur“ und ein „steinernes Zeugnis einer vergangenen Epoche“, ist dort zu lesen. „Sie ist in ihrem antijüdischen Aussagegehalt für den heutigen Betrachter befremdlich“, heißt es weiterhin. „Stark verbesserungswürdig“ sei dieser Kommentar, findet auch Spaenle. Der Text in Regensburg wird deshalb überarbeitet, nach dem Jahreswechsel ist ein runder Tisch dazu geplant.

Künftig könnte es außerdem Textvorlagen geben, auf die auch bei anderen Fällen zurückgegriffen werden kann. Wichtig sei aber auf jeden Fall ein Dialog vor Ort, in dem der Eigentümer des Gebäudes, die Fachbehörde und die Israelitischen Kultusgemeinenden einbezogen werden, erklären die Experten.

Deutschlandweit rund 50 Darstellungen an historischen Gebäuden

Deutschlandweit gibt es rund 50 ähnliche Darstellungen an historischen Gebäuden wie in Regensburg. In Wittenberg gab es eine Klage gegen eine derartige Darstellung, die jedoch zurückgewiesen wurde. In Bayern sind circa ein Dutzend „Judensau“-Relikte bekannt. Das Motiv findet man unter anderem an der Fassade der Kirche St. Sebald in Nürnberg oder am Tor der Cadolzburg bei Fürth. Für Diskussionen sorgt außerdem zum Beispiel das Figurenpaar Ecclesia und Synagoge im Bamberger Dom. Ecclesia, die für das Christentum steht, trägt eine Krone, Synagoge, die das Judentum symbolisiert, dagegen eine Augenbinde. Auch bei derartigen Darstellungen brauche es „eine bewusstere Form des Umgangs“, so die Teilnehmer am Runden Tisch.

Sie fordern zudem, dass bei antisemitischer Kunst neben der Beschreibung vor Ort weitere Informationen im Internet bereitgestellt werden. „Sie könnten zum Beispiel über einen QR-Code abgerufen werden“, erklärt Spaenle. „Der Hinweis darf aber die analoge Darstellung nicht schmälern.“ Auch Tourismusstellen und Stadtführer sollen darüber informieren.

Künftig ist geplant, einen Facharbeitskreis einzurichten und und Spaenle will das Thema in die Bund-Länder-Kommission der Antisemitismusbeauftragten einbringen. „Ich bin froh, dass wir heute einen Grundkonsens im Umgang mit judenfeindlichen Darstellungen an profanen und kirchlichen historischen Bauwerken gefunden haben“, sagt er. „Diese Darstellungen des Judenhasses dürfen nicht unkommentiert stehen bleiben.“

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