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Psychisch kranker Mann ersticht Mitbewohner – und geht wieder ins Bett

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Von: Michael Bothner

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Totschlag-Prozess am Landgericht Regensburg.
Im Sicherungsverfahren gegen einen 53-Jährigen (hier mit seinem Rechtsanwalt Shervin Ameri) muss das Landgericht prüfen, ob der Mann dauerhaft untergebracht werden muss. © Michael Bothner

Weil er seinen Mitbewohner mit zahlreichen Stichen umgebracht haben soll, muss sich ein 53-Jähriger vor dem Landgericht Regensburg verantworten.

Regensburg – „Tot“ war das Wort, das eine Regensburger Sozialarbeiterin gerade noch am Telefon verstehen konnte, als sie einen ihrer Schützlinge vergangenen Oktober in einer betreuten Wohngemeinschaft in der Brahmsstraße anrief. Was die daraufhin verständigte Polizei wenig später in der Wohnung vorfand, beschäftigt seit dieser Woche die Schwurkammer am Landgericht Regensburg.

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Totschlagsprozess am Landgericht Regensburg: 53-Jähriger tötet Mitbewohner mit zahlreichen Stichen

Der 53-jährige Jakob T. (Name geändert) ist angeklagt, weil er seinen Mitbewohner mit zahlreichen Stichen, entweder mit einem Messer oder einer Schere, umgebracht haben soll. Der Mann leidet unter Schizophrenie. Er kann sich an den Tathergang nicht erinnern. Als die Beamten in die Wohnung kamen und im Gang den leblosen Körper fanden, lag Jakob T. schlafend in seinem Bett und musste erst geweckt werden.

Auf die Fragen der Polizisten habe er kaum reagiert, als wenn er „nicht wirklich“ begriffen habe, „was wir von ihm wollen“, so einer der Beamten vor Gericht. Zusammenhangslos soll er dann gesagt haben: „Ich bin ein Schwein.“ Auch auf der Wache sei er kaum ansprechbar gewesen, habe aber irgendwann behauptet, er habe Stimmen gehört.

Totschlag: Landgericht Regensburg will Schuldfähigkeit klären

Die Kammer unter Vorsitz von Richter Dr. Michael Hammer beschäftigt nun vor allem die Frage von T.s Schuldfähigkeit. Die Staatsanwaltschaft geht in dem Sicherungsverfahren bisher davon aus, dass Jakob T. aufgrund seiner Erkrankung schuldunfähig ist und dauerhaft in einer psychiatrischen Klinik nach § 63 StGB untergebracht werden muss.

Am Dienstag, 17. Mai, beschäftigte sich das Gericht viel mit der Vorgeschichte der Wohngemeinschaft und dem Verhältnis, das T. zu seinem Mitbewohner hatte. 2019 zog der heute 53-Jährige zu Tim K. (Name geändert). Wie Jakob T.s Bruder vor Gericht erklärt, habe der Beschuldigte in der Jugend eine Ausbildung bei Siemens durchlaufen und hätte damals im Betrieb durchaus Karriere machen können. Irgendwann aber sei er mit Anfang 20 erstmals auffällig geworden. „Er hat sich von einem Kollegen verfolgt gefühlt und von heute auf morgen gekündigt“, so der Zeuge. Ab da sei es immer wieder zu Schüben einer chronischen Schizophrenie gekommen.

Mitbewohner in Wohngemeinschaft Regensburg erstochen: Angeklagter kann sich an nichts erinnern

Der Zeuge spricht von Handgreiflichkeiten und einem Messer, das einmal eine Rolle gespielt haben soll. Seine eigene Familie habe dieses kaum kalkulierbare Verhalten immer mehr belastet. Er habe einfach nicht mehr gekonnt, erklärt der Bruder irgendwann und scheint sich dafür rechtfertigen zu wollen, dass er ab 2004 dann den Kontakt zu Jakob T. abbrach.

Im Gerichtssaal sehen sich die beiden Brüder nun nach vielen Jahren zum ersten Mal wieder. Mehrere Sekunden blicken die beiden sich zunächst einfach nur an, ohne ein Wort zu verlieren. Später wird der Bruder wortlos den Saal verlassen. „Man wird das, was geschehen ist, nicht näher verstehen können“, sagt der Vorsitzende Richter Dr. Michael Hammer. Die Kammer habe den Eindruck, dass auch Jakob T. das nicht verstehe.

Schwester des Opfers: Wohngemeinschaft in Regensburg entwickelte sich in Richtung Freundschaft

Ob Jakob T.s Krankheit vererbt ist oder Folge eines schweren Unfalls in der Kindheit, wo er von einem Auto erfasst und mehrere Meter mitgeschleift wurde, vermag auch sein Bruder nicht zu beantworten. Ein psychiatrisches Gutachten soll hier Klarheit bringen.
Am Dienstag wird derweil auch die Schwester des Opfers vernommen. Die Kammer wolle verhindern, dass der Getötete zu sehr aus dem Blickfeld gerate, begründet Richter Hammer dieses Vorgehen. Die Schwester spricht von einer Wohngemeinschaft, die sich nach und nach zu einer Freundschaft entwickelt habe. Ihr sei auch nichts Ungewöhnliches aufgefallen und sie habe jeden Abend mit ihrem Bruder telefoniert.

Auch eine Sozialarbeiterin und die rechtliche Betreuerin des Beschuldigten können sich die Bluttat nicht erklären. Beide Männer hätten ihre je eigene Art gehabt und generell für sich gelebt, auch die typischen WG-Probleme habe es gegeben. Ansonsten seien sie aber gut miteinander ausgekommen. Beim Beschuldigten seien im Vorfeld der Tat auch keine psychischen Auffälligkeiten festzustellen gewesen.

Totschlagsprozess in Regensburg: Die Frage nach dem Warum lässt sich nicht klären

„Ich verstehe nur nicht warum“, sagt die Schwester des Opfers, als sich Jakob T. schließlich bei ihr entschuldigt. Auch er leidet laut seinem Rechtsanwalt Shervin Ameri bis heute unter der Tat. Er habe dadurch seinen besten Freund verloren. Doch die Frage nach dem Warum wird der Prozess, der am Donnerstag fortgesetzt wird, nicht klären können. (Michael Bothner)

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