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Nach außen brave Buben im Messgewand: Die Domspatzen litten jahrelang unter Gewalt, Missbrauch und Hunger.

Abschlussbericht zum Missbrauchsskandal

Regensburger Domspatzen: System von Sadismus und Gewalt

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Der schöne Schein der Regensburger Domspatzen war teuer erkauft: mit einem System aus Angst und Gewalt. Für die Opfer war am Dienstag ein wichtiger Tag – das Ende einer langen Leidenszeit.

Regensburg/Schliersee – Konrad Esterl hat lange auf diesen Tag gewartet. Viele Nächte lang, in denen er schweißgebadet aufwachte, weil er im Traum wieder zehn Jahre alt war – und einer der Regensburger Domspatzen. Heute ist Esterl ein 80-jähriger Mann. Aber das düsterste Kapitel in seinem Leben hat er nicht vergessen. „Die drei Jahre bei den Domspatzen haben mich durch mein ganzes Leben verfolgt“, sagt er.

Am Dienstag hat der Schlierseer (Kreis Miesbach) über die Nachrichten verfolgt, wie der mit der Aufarbeitung beauftragte Rechtsanwalt Ulrich Weber in Regensburg den Abschlussbericht zum Missbrauchsskandal vorstellte. Esterl ist einer von hunderten Opfern, die sich bei Weber gemeldet hatten. Der Bericht, den das Bistum Regensburg in Auftrag gegeben hatte, listet 547 Fälle auf. Das sind deutlich mehr Opfer als bisher angenommen. Die Dunkelziffer liege wohl deutlich höher, betonte Weber. „Es kostet mich noch heute Überwindung, mich zu den damaligen Misshandlungen und brutalen Schikanen zu äußern“, sagt auch Esterl. Aber das Vergessen fällt ihm noch schwerer.

Er hat bis heute Albträume: Konrad Esterl aus Schliersee.

„Einmal war ich mir ganz sicher, jetzt schlagen sie mich tot“

Er berichtet von Prügeln mit dem Rohstock, von Demütigungen und unglaublichem Hunger. „Einmal war ich mir ganz sicher, jetzt schlagen sie mich tot“, erzählt er. Die Gründe für die Gewalt waren meist nichtig: Patzer beim Ausfragen, ungewaschene Hände, kleine Verspätungen, weil der Geigenunterricht länger gedauert hatte. Der Abschlussbericht beschreibt ein System, das von Sadismus und Gewalt geprägt war. Dazu kamen fehlende Kontrolle, übermächtiges Vertrauen in die Kirche – und eine Kultur des Verschweigens und Wegschauens.

Besonders schlimm war die Situation wohl für die Grundschüler der Vorschule in den 60er und 70er Jahren. Das Schlimmste sei die Hilflosigkeit gewesen, berichten die Opfer. Besonders grausam sei der damalige Direktor gewesen. Er drangsalierte die Buben, stellte beispielsweise beim Duschen das Wasser auf eiskalt oder brühend heiß. „Der Dreiklang aus Gewalt, Angst und Hilflosigkeit sollte dazu dienen, den Willen der Schüler zu brechen und ihnen Persönlichkeit und Individualität zu nehmen“, resümiert Weber. Das Ziel: maximale Disziplin und Leistungsfähigkeit, alles für den größtmöglichen Erfolg des Chors.

Am Gymnasium wurde es dem Bericht zufolge besser. Doch auch dort setzten sich Gewalt und Missbrauch fort, vor allem durch einen Internatsleiter. Ein ehemaliger Schüler beschrieb, wie sich der Mann zu ihm ins Bett legte und zudringlich wurde. Am nächsten Morgen standen sie in der Frühmesse als Priester und Ministrant nebeneinander.

Wer etwas sagte, musste mit Konsequenzen rechnen

Warum bekam niemand etwas mit? Weber erklärt das mit einem ausgereiften System der Isolation und Kommunikationsverhinderung. Wer etwas sagte, musste mit harten Konsequenzen rechnen. Außerdem wollten viele Eltern nicht so recht glauben, was ihre Söhne ihnen anvertrauten. Ihr Glaube an die Integrität der Kirche war offenbar stärker.

Mit der Aufarbeitung beauftragt: Jurist Ulrich Weber.

Die Verantwortung tragen in Webers Augen nicht nur die Täter. Alle Verantwortungsträger hätten ein Halbwissen über Gewaltvorfälle gehabt, aber wenig Interesse daran gezeigt. Das galt auch für den ehemaligen Chorleiter Georg Ratzinger. Der Bericht wirft ihm Wegschauen und fehlendes Einschreiten trotz Kenntnis vor. Der Bruder des späteren Papstes Benedixt XVI. bereute seine Passivität und entschuldigte sich. Ratzinger nehme großen Anteil an der Aufarbeitung, sagte der Regensburger Generalvikar Michael Fuchs. Der Bruder des emeritierten Papstes sei ein emotionaler Mensch und habe früher auch Ohrfeigen ausgeteilt, was er mittlerweile bedauere.

Der jetzige Domkapellmeister sei ein Pfundskerl

Für die Opfer, die sich 2010 formierten, ist die Entschuldigung und vor allem die Aufarbeitung sehr wichtig. „Es ist wichtig, dass alles aufgedeckt wird“, sagt Konrad Esterl. Genauso wichtig sei es nun, dass endlich ein Schlussstrich gezogen wird, betont der 80-Jährige. „Ich möchte nicht, dass der Chor heute mit den Taten von damals in Verbindung gebracht wird.“ Der jetzige Domkapellmeister sei ein „Pfundskerl“, sagt er.

Fast sieben Jahrzehnte liegen zwischen Esterls Zeit als Domspatz und der Gegenwart. Der Abschlussbericht war für ihn der letzte Abschnitt dieses düsteren Kapitels. Aber er ist sich sicher: Die Albträume werden ihm bleiben.

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