+
Unter deutscher Flagge: Diese Woche startet die Sea-Eye 2 ins Einsatzgebiet nach Libyen.

Menschenrettung im Mittelmeer

Organisation Sea-Eye startet auf neue Mission mit deutscher Flagge

  • schließen

Die Regensburger Hilfsorganisation Sea-Eye kämpft seit Monaten dafür, wieder im Mittelmeer Menschen vor dem Ertrinken retten zu können. Nun startet sie mit einem neuen, größeren Schiff in Richtung Libyen. Es ist das erste Schiff einer Hilfsorganisation, das unter deutscher Flagge fährt. Von ihr verspricht sich Sea-Eye diplomatischen Rückenwind.

Update von 2. Januar 2019: Sea-Eye ist jetzt wieder mit einem Rettungsschiff vor der Küste Libyens unterwegs – und hat 17 Menschen gerettet. Und wieder darf das Schiff in keinem europäischen Hafen anlegen.

Regensburg – Jan Ribbeck weiß schon jetzt, dass er das Weihnachten 2018 nie vergessen wird. Er wird nicht zu Hause im Allgäu bei seiner Frau sein – sondern dort, wo seit Jahren Menschen sterben. Ribbeck gehört zur Crew der Sea-Eye 2, dem neuen Rettungsschiff der gleichnamigen Hilfsorganisation aus Regensburg. In dieser Woche startet das Schiff im Hafen von Algeciras in Spanien in Richtung Libyen.

Es ist das erste Mal seit vielen Monaten, dass ein Schiff von Sea-Eye wieder in das Einsatzgebiet starten kann. Dem Vorgänger-Schiff der Sea-Eye 2, der Seefuchs, wurde genau wie der Dresdner „Lifeline“ die niederländische Flagge entzogen. Auch die anderen Hilfsorganisationen wurden seit Juni am Auslaufen gehindert. „Europa hat den Vorhang zugezogen“, sagt Sea-Eye-Sprecher Gorden Isler. „Seit Monaten weiß niemand mehr genau, wie viele Menschen vor der libyschen Küste ertrinken.“ Nur vereinzelt gibt es Meldungen. Erst vergangene Woche wieder. 15 Menschen sind ertrunken, berichtet Isler. Vielleicht auch Kinder. Nirgendwo wurde darüber berichtet.

„Diese Stille ist gewollt“, sagt Jan Ribbeck. Er arbeitet als Chirurg, war schon zweimal bei einem Einsatz dabei. Er hat das Leid und die Angst der Menschen auf den klapprigen Booten gesehen. Der Gedanke, dass europäische Politiker diese Menschen ertrinken lassen, ist für ihn unerträglich. „Meine Motivation zu helfen war noch nie größer als jetzt“, sagt er. Deshalb hat er fast seinen ganzen Jahresurlaub für die Mission genommen. Eigentlich soll sie drei Wochen dauern. Doch noch nie war für die Retter so ungewiss, was sie im Einsatzgebiet erwarten wird – und wann sie wieder nach Hause kommen.

Schon im Sommer durften die Rettungsschiffe, die Flüchtlinge gerettet und an Bord genommen hatten, in keinem europäischen Hafen mehr anlegen. Teilweise mussten sie die Menschen über eine Woche lang an Bord ihrer Schiffe versorgen. Die Seefuchs war dafür – wie viele andere Rettungsschiffe – nicht geeignet. Mit dem neuen Schiff ist die Regensburger Organisation nun nicht nur besser auf solche Situationen vorbereitet. Außerdem sind nun nicht mehr nur elf Ehrenamtliche an Bord, sondern auch sieben Profi-Seeleute. Die Crew stammt aus allen Teilen Deutschlands, die Profis auch aus der Ukraine, Ghana oder Norwegen. Jan Ribbecks Aufgabe wird es sein, die Abläufe an Bord und während der Einsätze zu leiten. Er wird neben dem Kapitän auf der Brücke sein, und die Kommunikation mit den EU-Staaten übernehmen, wenn es zu einem Rettungseinsatz kommt.

An Bord ist der Arzt Jan Ribbeck. Es ist nicht sein erster Einsatz. Dieses Mädchen rettete er vor dem Ertrinken.

Allerdings rechnet Ribbeck damit, dass das deutlich komplizierter werden könnte, als bei den Einsätzen zuvor. „Wir wissen nicht ob das MRCC, die italienische Seenotrettungsleitstelle, uns noch unterstützt oder an Libyen verweisen wird“, sagt er. Er vermutet, dass es von italienischer Seite keine Unterstützung mehr geben wird. Auch deshalb ist es für die Organisation so wichtig, nun unter deutscher Flagge arbeiten zu können – sie hofft auf Unterstützung auf Deutschland, sollten EU-Staaten am Mittelmeer die Hilfe verweigern. „Es ist keine Option für uns, gerettete Menschen wieder nach Libyen zu bringen, wo sie wieder zurück in die Lager müssten“, betont Ribbeck. Wie jeder andere an Bord weiß er, dass die Mission länger als drei Wochen dauern könnte, sollte die Sea-Eye 2 von keinem europäischen Land Unterstützung bekommen.

Dennoch will sich die Regensburger Organisation von dem politischen Gegenwind auf keinen Fall ausbremsen lassen. Das hatte sie schon im Sommer angekündigt, als ihr Schiff genau wie das der Lifeline festgesetzt wurde und der Kapitän Claus Peter Reisch sich auf Malta vor Gericht verantworten musste. Damals war die Spenden-Unterstützung aus der Bevölkerung riesengroß. Nur deshalb sei es gelungen, nun mit einem großen Schiff und professioneller Crew wieder zu starten, erklärt Sprecher Gorden Isler. Damals seien pro Monat im Schnitt 50 000 Euro gespendet worden. Doch seit kaum noch über die Situation im Mittelmeer berichtet werde, haben die Spenden dramatisch nachgelassen, berichtet er. „Viele Menschen haben den Eindruck, es ertrinkt niemand mehr im Mittelmeer – weil es niemand mehr sieht“, sagt Jan Ribbeck. Auch deshalb will er das Weihnachtsfest dieses Jahr vor der libyschen Küste verbringen. Er sagt: „Uns geht es in Deutschland so gut.“ Er hofft, dass diese Mission vielen Menschen bewusst macht, dass das nicht selbstverständlich ist.

Video: Jan Ribbeck zur Mission der Sea-Eye 2 im Mittelmeer 

Meistgelesene Artikel

Dorf in Bayern terrorisiert: Teenager-Mädchen gestehen Taten - Motiv schockt
Seit dem Sommer terrorisiert ein Unbekannter ein Dorf in Bayern. Die Einwohner lebten in Angst. Jetzt ist klar, wer hinter den Taten steckt.
Dorf in Bayern terrorisiert: Teenager-Mädchen gestehen Taten - Motiv schockt
„Lage noch mal schärfer“: Ort im Landkreis Traunstein evakuiert - Kaltfront bringt Dauerfrost
Nach den heftigen Schneefällen beruhigt sich die Lage vorerst etwas. In den nächsten Tagen könnte es aber neue Probleme geben. Nun muss ein Ort im Landkreis Traunstein …
„Lage noch mal schärfer“: Ort im Landkreis Traunstein evakuiert - Kaltfront bringt Dauerfrost
Schock-Moment für Taxifahrer: Mann bedroht ihn mit Waffe - Polizei warnt Bevölkerung
Ein Taxifahrer überstand einen Raubüberfall am Mittwoch zwar unverletzt, doch die Gefahr in Passau ist noch nicht vorüber. Der Täter läuft immer noch frei herum. 
Schock-Moment für Taxifahrer: Mann bedroht ihn mit Waffe - Polizei warnt Bevölkerung
Sie übersetzte die Tagebücher der Anne Frank: Autorin Mirjam Pressler ist tot
Sie übersetzte die Tagebücher der Anne Frank und erhielt das Bundesverdienstkreuz für ihren Einsatz zur Erinnerung an den Holocaust. Jetzt ist Autorin Mirjam Pressler im …
Sie übersetzte die Tagebücher der Anne Frank: Autorin Mirjam Pressler ist tot

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion