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Hilfe für die Verzweifelten: Die Crewmitglieder der „Sea Eye“ verteilen Rettungswesten und Wasser und beruhigen die Flüchtlinge auf den überfüllten Booten, bis die Rettungsschiffe der Marine eintreffen.

Mission der Menschlichkeit

Regensburger Sea Eye rettet Flüchtlinge auf dem Mittelmeer

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Regensburg/München - 6500 Flüchtlinge sind seit Montag aus dem Mittelmeer gerettet worden. Die Rettungsschiffe sind täglich im Einsatz. Unter ihnen die Regensburger „Sea Eye“. Die Crewmitglieder: Taxifahrer, Ingenieure, Kommunalpolitiker.  Ihr Ziel: Menschenleben retten.

Das Meer ist ruhig an diesem Juli-Morgen. So ruhig wie es noch nie war, seit Angela Grimm vor einer Woche in Malta an Bord gegangen ist. Zu Hause in München verdient sie ihr Geld als Ingenieurin oder Bergführerin. Aber was sie weiß: Ein ruhiges Meer ist kein gutes Vorzeichen. Je ruhiger die See, desto mehr überfüllte Schlauchboote mit Flüchtlingen schicken die Schleuser an der libyschen Küste los. Das weiß nicht nur Angela Grimm, sondern jeder der neunköpfigen Crew. Und es dauert tatsächlich nicht lange, bis am Horizont vier Schlauchboote zu sehen sind. Es sind Boote, in die unter normalen Umständen kein Mensch freiwillig steigen würde – und trotzdem ist jedes hoffnungslos überfüllt. Weil die Menschen mehr Angst davor haben, an Land zu sterben als auf dem Mittelmeer.

Die Funkerin: Angela Grimm am Steuerrad.

Angela Grimm spricht perfekt Englisch. Deshalb ist sie für das Funken zuständig. Sie setzt einen Notruf ab, während sich die „Sea Eye“ langsam den Booten nähert. Der umgerüstete Fischkutter kann die Flüchtlinge nicht alle an Bord nehmen. Aufgabe der Crew ist es, SOS-Notrufe an die Seenotleitstelle Mittelmeer abzusetzen, die Menschen mit Rettungswesten zu versorgen, Boote, die zu kentern drohen, mit Rettungsinseln zu entlasten und sich um Verletzte oder Flüchtlinge in schlechter Verfassung zu kümmern, bis die Rettungsschiffe der Marine eintreffen.

Angela Grimm sitzt nicht auf dem kleinen Speed-Boot, das den Schlauchbooten entgegen fährt. Sie bleibt am Funkgerät. Und weiß schon in diesem Moment, dass sie die Szenen, die sie grade beobachtet, nie wieder vergessen wird. Babys, die sich an ihre Mütter klammern. Junge Männer, die dicht gedrängt auf dem Gummirand des Bootes sitzen und jeden Moment fallen könnten. So viele verängstigte Gesichter. So viel Verzweiflung. Die 47-Jährige ahnt in diesem Moment nicht, dass sich die Anzahl der Boote am nächsten Tag verfünffachen wird.

Die „Sea Eye“ ist seit fünf Monaten vor der libyschen Küste im Einsatz. Der Regensburger Unternehmer Michael Buschheuer hatte das Schiff gekauft und einsatztauglich gemacht. Jeder Einsatz dauert 14 Tage, gerade ist das Schiff von der zehnten Mission zurückgekehrt. Mehr als 70 Menschen aus ganz Deutschland haben bereits ihren Urlaub geopfert, um bei der Flüchtlingsrettung zu helfen. Für dieses Jahr hat die „Sea Eye“ ein Budget von 250 000 Euro – ausschließlich private Spenden.

Der Koch: Hans Reil hat die Crew bekocht.

Hans Reil ist Taxifahrer in München. Er hörte im Frühjahr im Radio einen Bericht über die „Sea Eye“. Ein paar Tage später schrieb er eine Bewerbung, Anfang Juni ging er an Bord. „Als früherer Tauchlehrer bin ich mit dem Wasser quasi verheiratet“, sagt er. Er war für das Essen an Bord zuständig. Er hat dieselben Szenen gesehen wie Angela Grimm. „Abends ist man so müde, dass man nicht viel zum Nachdenken kommt“, sagt er. „Die Bilder haben mich erst zu Hause eingeholt.“ Dem 68-Jährigen hat es geholfen, viel darüber zu reden. Er hat sich längst wieder für einen weiteren Einsatz gemeldet. Und er hat in München inzwischen einige Flüchtlinge kennengelernt. „So ein Einsatz verändert einen“, sagt er. „Ich gehe ganz anders auf Flüchtlinge zu, mich interessieren ihre Geschichten – und wie sie hierher gekommen sind.“

Der Rettungsassistent: Tobias Vorburg war auf dem Mittelmeer für Erste Hilfe zuständig

Tobias Vorburg war bereits im Helferkreis in Markt Schwaben (Kreis Ebersberg) aktiv, bevor er sich für einen Einsatz auf der „Sea Eye“ gemeldet hat. Der 27-Jährige ist Vater einer dreijährigen Tochter, Gemeinderat und Rettungsassistent. „Für mich stand sofort fest, dass ich auf das Rettungsschiff will“, sagt er. Vorburg hat die Flüchtlinge nicht nur von der „Sea Eye“ aus gesehen – er war auf dem Speedboot, mit dem sich einige Crew-Mitglieder den Schlauchbooten nähern, um Wasser und Schwimmwesten zu verteilen. Und um notfalls Erste Hilfe zu leisten. Bei einem Einsatz haben „Sea Eye“-Helfer eine hochschwangere Frau versorgen müssen, meistens sind die Menschen dehydriert. Oder unterkühlt. „Das läuft alles wie in Trance ab“, erzählt Vorburg. „Man funktioniert einfach. Erst jetzt zu Hause sind die Erinnerungen ganz intensiv.“ Als er nach seinem zweiwöchigen Einsatz nach Markt Schwaben zurückkam, wurde er am Flughafen bereits erwartet: Dort standen einige Asylbewerber mit einem Plakat. „Du bist ein Held, Tobias!“ stand darauf. Obwohl er an der Rettung von mehr als 1000 Menschen beteiligt war – wie ein Held fühlt sich Tobias Vorburg nicht. Aber das Schild hat ihn trotzdem sehr berührt. „Mir ist bewusst geworden, was der Einsatz für die Asylbewerber bedeutet“, sagt er. „Unter den Geretteten könnten ihre Verwandten sein.“

Katrin Woitsch

Mehr Infos zur „Sea Eye“

und den Rettungseinsätzen gibt es im Internet unter www.sea-eye.org. Die Nummer des Spendenkontos ist DE60 7509 0000 0000 0798 98. Auch Sachspenden werden benötigt.

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