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Susanne Breit-Kessler sieht Weihnachtsmärkte als Ausdruck der kulturellen und religiösen Herkunft.

Susanne Breit-Kessler im Interview

Regionalbischöfin: Winterfest – nein, danke!

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München - Winterfest statt Christkindl- oder Weihnachtsmarkt? In Berlin Realität, in Bayern schwer vorzustellen. Trotzdem gibt es Tendenzen christliche Begriffe zu neutralisieren. Susanne Breit-Kessler äußert sich dazu im Interview. 

Einen Christkindl- oder Weihnachtsmarkt in „Winterfest“ umzutaufen wie in Berlin, ist in Bayern unvorstellbar. Trotzdem gibt es auch hier Tendenzen, christliche Begriffe durch neutrale Formulierungen zu ersetzen. Wir sprachen darüber mit Susanne Breit-Keßler, evangelische Regionalbischöfin für München und Oberbayern.

Sie sind ein Weihnachtsmarkt-Fan. Würden Sie auch auf ein Winterfest gehen?

Nein, ich würde garantiert auf kein Winterfest gehen. Ich finde, den Zusammenhang mit dem Sinn unseres Weihnachtsfest muss man schon noch erkennen können. Da darf es keine Beliebigkeit geben.

Manche Weihnachtsfeiern werden – hier in Bayern Gott sei Dank wohl noch nicht – aus falsch verstandener Rücksicht in Jahresabschlussfeiern umbenannt. Wie finden Sie das?

Susanne Breit-Kessler

Schauerlich. Es ist wichtig, dass man Profil zeigt mit seinem eigenen Glauben, mit seiner kulturellen Herkunft. Mit diesen schwammigen Begriffen lockt man keinen Hund hinterm Ofen hervor. Das ist dann auch gar kein attraktives Fest. Ich nenne ein Beispiel: In unseren evangelischen Kindergärten sind viele muslimische Kinder, über die wir uns sehr freuen. Die feiern unsere Feste mit und erzählen dann auch von ihren Festen. Gerade deren Eltern achten darauf, dass die Kinder wertorientiert aufwachsen. Also: Wenn man selber verschwiemelt ist, kann man keine Werte vermitteln. Und Werte brauchen wir dringend in unserer Gesellschaft.

Wir hatten ja erst kürzlich die Diskussion über das St.-Martins-Fest, das in manchen Kindergärten zum Lichterfest wurde. Dient so etwas überhaupt dem Umgang der Religionsgemeinschaften untereinander?

Überhaupt nicht. Da beziehe ich mich noch mal gerne auf die Muslime, die sagen: Warum wisst Ihr so wenig über Euren Glauben? Warum könnt Ihr nichts erzählen? Es braucht die Beziehung auf den eigenen geistigen Ursprung. Es ist eben kein Lichterfest. Wir erinnern an den Heiligen Martin, der ein guter Mensch war, der herzlich gern geteilt hat. Und das geht unter, wenn man nur noch ein wischiwaschi Lichterfest feiert.

Auf den Schreibtisch flattern die ersten Advents- und Weihnachtsgrüße. Darunter auch sogenannte „Seasons’s Greetings“. Landen die auch auf Ihrem Tisch?

Ganz, ganz wenige. Ich lese sie natürlich trotzdem, weil mir an jedem Menschen gelegen ist. Aber ich schicke unverdrossen Weihnachtskarten mit christlicher Botschaft und Motiv. Was soll „Seasons’s Greetings“ sein? Die kann man auch zum Sommer oder zum Oktoberfest verschicken.

Ist es eine Zumutung für einen Muslim, auf einen Weihnachtsmarkt zu gehen? Kann er sich nicht an den christlichen Bräuchen erfreuen?

Natürlich kann er das, so wie unsere jüdischen Freunde auch. Und wir dürfen umgekehrt zum muslimischen Zuckerfest kommen oder zum jüdischen Rosch ha-Schana – also dem Neujahrsfest. Wir wollen doch wissen, wie die anderen leben und feiern! Ich will meine Mitmenschen kennenlernen mit seinen religiösen Gepflogenheiten. Das ist wie in einer Ehe: die wird tödlich langweilig, wenn ich den anderen nicht als profilierten anderen Menschen erleben, sondern als einen, der sich ständig anpasst. Da entsteht keine Leidenschaft, keine Liebe, kein echtes Miteinander – so ist es auch bei den Religionen. Wir können wunderbar miteinander leben, wenn wir voneinander wissen.

Gibt es Situationen, in denen Rücksichtnahme erforderlich ist?

Im Umgang mit anderen Religionen erlebe ich nicht, dass sie eine solche Rücksichtnahme fordern. Früher hat man das Kreuz versteckt, wenn man eine Synagoge betreten hat. Das wird gar nicht erwartet. Unsere jüdischen Freunde und Freundinnen wollen wissen: Kommt hier zum Beispiel die Regionalbischöfin? Und sie erkennen sie an ihrem Kreuz. Bei den Muslimen in der Moschee erlebe ich das auch so. Ich sehe vielmehr den Wunsch: Zeig Dich so, wie Du bist, woran Du glaubst. Sag uns, was Du denkst und was Du meinst – nur so kommen wir ins Gespräch.

Wenn vom Kreuz die Rede ist, fällt einem der spanische Fußballclub Real Madrid ein, der gerade das Kreuz aus dem Vereinslogo entfernt hat wegen der Geschäfte in der arabischen Welt. Was halten Sie von solchen Zugeständnissen?

Ich finde das ehrlich gesagt jämmerlich, weil man seinen Glauben um des schnöden Mammons Willen verrät.

Das Interview führte: Claudia Möllers

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