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Reichenhall: Zeitplan für neuen Prozess offen

Traunstein - Wie geht es jetzt weiter? Diese Frage stand am Mittwoch vielen am Landgericht Traunstein ins Gesicht geschrieben.

Denn einen Tag nach der Aufhebung eines Freispruchs im Prozess um den verheerenden Einsturz der Eissporthalle von Bad Reichenhall ist der weitere Fahrplan in dem Mammutverfahren völlig offen. Erst muss den Traunsteiner Richtern die Entscheidung des Bundesgerichtshofes (BGH) über die zweite noch ausstehende Revision - die Verurteilung des Dachkonstrukteurs zu einer Bewährungsstrafe - vorliegen. Erst dann kann ein neuer Prozess angesetzt werden.

Am 2. Januar 2006 waren beim Einsturz der Halle 15 überwiegend junge Menschen ums Leben gekommen. Im November 2008 verurteilte die Große Strafkammer den Konstrukteur zu eineinhalb Jahren Haft auf Bewährung, den Gutachter und einen Architekten sprach sie frei.

Doch am Dienstag kassierte der BGH den Freispruch der Traunsteiner Richter für den Gutachter. Der Statiker habe das Dach nicht sorgfältig genug untersucht, entschied das Karlsruher Gericht. Der 56-Jährige muss sich nun erneut verantworten. Über die Revision im Fall des Hallendach-Konstrukteurs soll demnächst ohne mündliche Verhandlung entschieden werden. Prozessbeobachter rechnen damit, dass der BGH das Urteil der ersten Instanz bestätigen wird.

Der Traunsteiner Gerichtssprecher Tobias Dallmayer konnte am Mittwoch lediglich sagen, dass für die Neuauflage des Verfahrens die 6. Strafkammer zuständig ist. Ehe sie tätig werden kann, müssen erst die Begründungen zu beiden Revisionsentscheidungen vorliegen. Wie es hieß, wollen sich die Karlsruher Richter vor allem zur Aufhebung des Freispruchs umfangreich äußern. Von bis zu 80 Seiten ist die Rede. Diese Urteilsbegründung dürfte nicht vor diesem Frühjahr vorliegen.

Dann braucht die 6. Strafkammer ausreichend Zeit zum Studium der umfangreichen Akten in dem Verfahren. Der neue Prozess - wahrscheinlich nur gegen den zunächst freigesprochenen Hallen-Gutachter - dürfte daher nicht vor Herbst beginnen. Anders als im fast ein Jahr dauernden ersten Prozess wird bei der Neuauflage allerdings mit einem weitaus kürzeren Verfahren gerechnet, so dass ein Urteil noch in diesem Jahr durchaus möglich ist.

Bei den meisten Hinterbliebenen herrscht Zufriedenheit über die Entscheidung aus Karlsruhe. “Wir sind erleichtert, dass der Freispruch nicht bestätigt wurde“, sagte Robert Schmidbauer. Er und seine Frau hatten bei dem Unglück beide Töchter Christina und Marina verloren. “Nach unserer Überzeugung hat der Gutachter grobe Fehler gemacht. Bei einem gründlichen Gutachten wäre die Katastrophe zu vermeiden gewesen.“

Die Eheleute Schmidbauer sind zwei der zahlreichen Nebenkläger in dem Verfahren. Sie saßen beinahe jeden Tag im Gerichtssaal. Nicht nur sie hoffen jetzt, dass doch noch Verantwortliche der Stadtverwaltung von Bad Reichenhall als Eigentümer der maroden Halle zur Rechenschaft gezogen werden. Schließlich rügten die BGH-Richter, im Rathaus des oberbayerischen Kurstädtchens hätte man sich nicht auf das Billiggutachten des Statikers einlassen dürfen. “Wir werden jedenfalls bis zum Schluss kämpfen“, sagte Schmidbauer am Tag nach der Karlsruher Entscheidung. “Das haben wir unseren toten Kindern versprochen.“

dpa

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