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ARCHIV - Bagger arbeiten vor der eingestürzten Eissporthalle in Bad Reichenhall (Archivfoto vom 03.01.2006).

Schuldig oder nicht schuldig?

Reichenhall-Prozess vor dem Abschluss

Traunstein/Bad Reichenhall - Man kennt sich und man achtet sich - auch nach neun Monaten Dauer und 25 Verhandlungstagen gehen die Staatsanwälte und Verteidiger im Prozess um den verheerenden Einsturz der Eissporthalle von Bad Reichenhall respektvoll miteinander um.

Die anfangs schneidend scharfen Wortgefechte sind einem kollegialen Umgangston gewichen - manchmal wird sogar gelacht im Großen Sitzungssaal des Landgerichts Traunstein. Doch der Anlass ist todtraurig: Die Große Strafkammer muss die Schuldfrage jener Katastrophe klären, die 15 überwiegend junge Menschen am 2. Januar 2006 das Leben kostete.

Nun steht einer der spektakulärsten Strafprozesse der deutschen Nachkriegsgeschichte, bei dem eine tödliche Katastrophe juristisch aufgearbeitet wird, vor dem Abschluss. Zwei Ingenieure und ein Architekt im Alter zwischen 55 und 68 Jahren - alle drei angeklagt wegen fahrlässiger Tötung - erwarten ein faires Urteil der drei Berufsrichter und zwei Schöffen. Sie waren oder sind bei Baufirmen oder Architekturbüros beschäftigt, die mit der Errichtung bzw. Überprüfung der Eislaufhalle aus den 70er Jahren zu tun hatten. Von nächsten Donnerstag (6. November) an halten die Staatsanwälte, Nebenklägervertreter und Verteidiger ihre Plädoyers. Ende November dürfte das mit Spannung erwartete Urteil gesprochen werden.

Drei Themenkomplexe prägten die umfangreiche Beweisaufnahme: ein drei Jahre vor dem Unglück von der Stadt als Halleneigentümerin in Auftrag gegebenes Gutachten, das Fehlen der so wichtigen Prüfstatik und der schlampige Umgang im Rathaus mit dem maroden Gebäude. Der Verfasser des Gutachtens ist einer der Angeklagten. Er bescheinigte der Stadt 2003 in einer 3000-Euro-Expertise einen guten Zustand der Halle. Die Zeugenaussagen machten jedoch klar, dass das Gutachten einzig dem Zweck diente, die Kosten für eine anstehende Generalsanierung des Gebäudes zu ermitteln - dazu kam es nicht mehr.

Taucht die Prüfstatik der Halle im letzten Moment nicht doch noch auf, bleibt es für das Gericht bei einem Schwarzbau, denn ohne geprüfte Statik hätte mit dem Bau der Halle nicht begonnen werden dürfen. Dieses Versäumnis träfe vor allem die Rathausverwaltung. Klar wurde im Prozessverlauf auch, dass das städtische Bauamt seine Pflichten als Aufsichtsbehörde kaum wahrnahm. Regelmäßige Wassereinbrüche in der Halle waren den Verantwortlichen zwar bekannt, wurden aber nicht abgestellt. “Man hat immer wieder Flickwerk gemacht“, sagte der Eishallen-Betriebsleiter vor Gericht aus.

Für Kopfschütteln sorgten bei vielen Prozessbeobachtern die Zeugenvernehmungen der Verantwortlichen im Rathaus von Bad Reichenhall. Jeder verließ sich auf jeden, das Bauamt war in Personalunion Genehmigungs- und Aufsichtsbehörde. “Ich habe mich auf meine Mitarbeiter verlassen“, sagte nicht nur Ex-Oberbürgermeister Wolfgang Heitmeier als prominentester Zeuge im Prozess aus. Und seine Mitarbeiter machten es ihm nach. “Sind Sie frei von jeglicher Sachkenntnis?“, fragte der Vorsitzende Richter Karl Niedermeier den Chef des Hochbauamtes, als dieser im Zeugenstand meinte, er habe im Rathaus nichts zu sagen gehabt.

Und so argwöhnen nicht nur die Verteidiger, die beiden Staatsanwälte Günther Hammerdinger und Volker Ziegler hätten lieber freiberuflich tätige Architekten und Ingenieure auf die Anklagebank gebracht als Beamte des Freistaates Bayern. “Da schützt ein Beamter den andern“, hieß es denn auch im Kreise der Hinterbliebenen, die vor bald drei Jahren ihre Kinder oder Lebenspartner verloren. Sie können nicht verstehen, dass Heitmeier und Co. ungeschoren davonkommen sollen, während vor allem der heute 68 Jahre alte Bauingenieur, der vor fast 40 Jahren die überdimensionierten Dachträger konstruierte, nicht vor einer Verurteilung sicher ist.

Fünf Jahre Gefängnis sind die Höchststrafe bei fahrlässiger Tötung. “Wenn die Stadt Bad Reichenhall verantwortungsbewusster mit ihrem Gebäude umgegangen wäre, hätte dieses Unglück vermieden werden können“, ist sich Harald Baumgärtl, der Verteidiger des Ingenieurs, sicher. Und Robert Schromm, dessen Ehefrau in den Trümmern der Eissporthalle starb, bleibt auch am Ende des Prozesses bei seiner Überzeugung: “Eine Verurteilung der Angeklagten wäre eine neue Katastrophe, weil zu den Unglücksopfern nur neue Opfer hinzukämen“.

Von Paul Winterer, dpa

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