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Kardinal Reinhard Marx galt einst als zu ungestüm. Nun ist der Erzbischof von München und Freising Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz.

Münchner Kardinal

Reinhard Marx: Die Kirche wählt den starken Mann

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München - Der Münchner Kardinal Reinhard Marx hat bereits sehr viele Ämter. Nun kommt noch der Vorsitz der Deutschen Bischofskonferenz dazu. Der starke Mann der Kirche im Porträt. 

Das Glockenspiel am Priesterseminar in Münster spielt die passende Melodie: „Gaudeamus igitur“, „Lasst uns also fröhlich sein“. Es ist kurz nach 11 Uhr, Dutzende von Journalisten und einige Kamerateams stehen vor dem Eingang und warten darauf, wer gleich durch die braune Eichentür kommt. Dann öffnet sich das Portal – und der Münchner Kardinal tritt mit einem Lächeln vor die Journalisten: Reinhard Marx, 60, hat es geschafft.

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Fast scheint es, als sei er ein wenig verlegen. Und erleichtert. Schnell fängt er sich und platziert seine barocke Statur vor ein Mikrofon. Der erste Moment gehört ihm, er genießt ihn wortlos, dann verkündet Sprecher Matthias Knopp: „Die Deutsche Bischofskonferenz hat einen neuen Vorsitzenden gewählt. Ich heiße herzlich willkommen: Kardinal Reinhard Marx, den Erzbischof von München und Freising.“

Reinhard Marx wichtiger Vertrauter von Papst Franziskus

Vorstellen muss man ihn eigentlich nicht mehr, den Westfalen, der seit 2008 Münchner Erzbischof ist, seit 2010 auch Kardinal. Er spielt als Präsident der Kommission der Bischofskonferenzen der Europäischen Gemeinschaft in Brüssel eine wichtige Rolle. Als Mitglied des achtköpfigen Kardinalsrats ist er einer der wichtigsten Vertrauten von Papst Franziskus. Und der hat ihn just zum Koordinator des neuen Wirtschaftsrats im Vatikan ernannt.

Marx hat eine steile Karriere hingelegt in der katholischen Kirche, doch vor sechs Jahren hatte er von seinen Amtsbrüdern erst einmal einen Dämpfer bekommen. Gerade zwei Wochen nach seinem Wechsel nach München war der damals 54-Jährige schon einmal als Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz gehandelt  worden. Damals, am 12. Februar 2008, hielten sie ihn noch für zu ungestüm. Marx sollte sich erst als Münchner Erzbischof beweisen. Der scheidende Vorsitzende, der Mainzer Kardinal Karl Lehmann, hatte den Freiburger  Erzbischof Robert Zollitsch gegen ihn positioniert. Damals hieß es: „Erzbischof Marx bleibt in Wartestellung.“

Im vierten Wahlgang hat es Reinhard Marx geschafft

Die Wartezeit ist vorbei: Im vierten Wahlgang haben die 62 wahlberechtigten Orts- und Weihbischöfe gestern Reinhard Marx zu ihrem Gesicht und zu ihrer Stimme gemacht. „Es war eine ehrliche Wahl“, sagt Marx und meint damit wohl, dass es auch ernsthafte Konkurrenten gab.

Wie wird die katholische Kirche in Deutschland künftig mit Krisen umgehen? Mit wie viel Transparenz, auch bei den Finanzen, werden die Probleme angegangen? Wie kann man die 27 Ortsbischöfe zu einer stärkeren Einheit zusammenführen und gleichzeitig die Position des Vorsitzenden ausbauen? Darüber hatten die Bischöfe in Münster ausführlich debattiert. Und was für einen Vositzenden brauchte man: Moderator oder Führungspersönlichkeit? Spiritueller Kopf oder Macher? Daran schieden sich die Geister. Ein klarer Favorit hatte sich nicht aufgedrängt. Selbst die Münchner Weihbischöfe Wolfgang Bischof und Bernhard Hasselberg wagten gestern Morgen keine Prognose.

Moderatoren-Rolle liegt Marx nicht

Der Erzbischof von München und Freising, Kardinal Reinhard Marx geht am im März 2013 im Vatikan über den Petersplatz.

Wobei eines allen klar war: Der Münchner Kardinal ist für eine reine Moderatoren-Rolle nicht zu haben. „Das kann er gar nicht“, sagen Insider. Marx ist ein Macher; einer der mit dem Betreten eines Raumes die Aufmerksamkeit auf sich zieht. Einer, der eloquent ist, der auf politischem Parkett ebenso wie auf dem Podium und vor den Medien eine „Bella Figura“ machen kann. Und der mit seiner leutseligen Art die Herzen der Menschen gewinnt. Der, seit er von Papst Franziskus in dessen innersten Führungszirkel berufen wurde, sich auch ein wenig in Zurückhaltung übt. Zumindest, soweit es sein Temperament zulässt. Dass er sich in seinem barocken Lebensstil, zu dem auch mal eine gepflegte Zigarre gehört, durchaus von dem einfachen Leben des Papstes unterscheidet, gereicht ihm bisher nicht zum Nachteil.

In Fragen der Katholischen Soziallehre und der Wirtschaft hat sich Marx einen Namen gemacht, nicht erst seit er in seinem Buch „Das Kapital“ – in Anlehnung an seinen Namensvetter Karl Marx – die Zügellosigkeit der Märkte angeprangert hatte. Es gab Kirchenexperten, die schon vor dem Start der Vollversammlung über Marx sagten: Er ist der Einzige, der es im Kreuz hat, die Kirche in diesen schweren Zeiten vor allem nach außen überzeugend zu vertreten.

Reinhard Marx verweist auf Papst Franziskus

Den Beweis erbrachte er noch gestern in aller Frühe beim Gottesdienst im St. Paulus-Dom. Dort hielt er eine Predigt – wie gewöhnlich frei – in der er kraftvolle, mahnende und ermutigende Worte für seine Amtsbrüder fand. „Wenn die Kirche die Zeitstunde, in die sie hineingestellt ist, nicht annimmt, sondern sich auf die Flucht begibt, weil es zu schwierig ist und scheinbar unsere Kraft übersteigt, dann landen wir auf einem Nullpunkt, in der Finsternis.“ Gott befähige, wieder neu zu beginnen. Nach einer Erfahrung von Erfolglosigkeit gebe es von Gott immer wieder die Chance, das zu verkünden, was der Kirche, den Bischöfen aufgetragen sei. Also: Nicht ob der schwierigen Lage der Kirche verzweifeln. Immer wieder neu beginnen.

Papst Franziskus: Gemeinsamer Auftritt mit Benedikt XVI.

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Mit Hinweis auf Papst Franziskus rief er dazu auf, sich auf die Mitte des Glaubens zu konzentrieren, sich nicht zu verzetteln im Oberflächlichen, „nicht um uns selber zu kreisen“. Gleichzeitig betonte er die Barmherzigkeit und Liebe Gottes, die größer sei als die Kirche. „Wenn wir uns als Kirche immer wieder auf diesen Weg begeben, können wir auch lernen, unsere Angst zu überwinden, nicht auszuweichen, die Zeitstunde anzunehmen, Mut zu Entschiedenheit zu haben.“

Zuvor, auf dem Weg zum St. Paulus-Dom, hatte Marx allerdings noch leise gezweifelt. „Ich glaube nicht, dass ich gewählt werde.“ Denn der 60-Jährige hat einflussreiche Kritiker. So versuchten während der Tagung in Münster zwei altgediente Kardinäle, Marx erneut zu verhindern. Kardinal Lehmann, 77, brachte den Osnabrücker Bischof Franz-Josef Bode ins Spiel. Der frühere Jugendbischof Bode aber war den konservativeren Mitgliedern der Bischofskonferenz nicht zu vermitteln.

Bischof Felix Genn soll gegen Marx verloren haben

Für den konservativen Flügel griff der emeritierte Kölner Kardinal Joachim Meisner, der gar nicht an der Vollversammlung teilnahm, ein. Er telefonierte, wie man hörte, zugunsten des spirituellen Bischofs von Münster, Felix Genn. Der 63-jährige Gastgeber der diesjährigen Vollversammlung gilt nicht als Freund der Medien und der politischen Akzentuierung. Wie es hieß, war es eben jener Genn, der im vierten Wahlgang Marx unterlag.

Marx indes verkörpert den Macher, den Reformer. Und zwar auch im organisatorischen Sinne. Der frühere Professor für christliche Gesellschaftslehre pocht auf Effizienz und schlanke Strukturen. Als Bischof von Trier und jetzt in München hat er seinen Diözesen schmerzhafte Strukturreformen verordnet, auch gegen zum Teil heftigen Widerstand von Gläubigen und Pfarrern. Wenn er es für nötig hält, dann haut er schon mal mit der Faust auf den Tisch.

Gibt Reinhard Marx nun Aufgaben ab?

Zunächst aber scheint er sich im neuen Amt selbst etwas Zurückhaltung aufzuerlegen. „Ich habe keine Regierungserklärung vorbereitet“, sagt er nach seiner Wahl. Für ihn sei das noch einmal eine große Herausforderung, formuliert er und fügt mit einem kleinen Seitenhieb an seine Kritiker hinzu: „Auch wenn manche meinten: Wann soll er das denn alles noch machen...?“ Er erwidert, dass er ja auch Aufgaben abgeben könne. So wurde gemunkelt, Marx könnte die europäische Aufgabe meinen. Er selber sagt: „Ich muss mich zurückziehen und mir Gedanken machen.“ Hilfreich sei für seine neue Aufgabe, dass er in „enger Verbindung steht zu dem, was in Rom passiert“.

Freude und Stolz herrschten derweil in München. „Das Erzbistum wird den Kardinal bei dieser großen Herausforderung nach allen Kräften unterstützen“, sagte Pressesprecher Bernhard Kellner. Marx versichert von Münster aus, dass er stolz ist auf die Heimat, die er in Bayern gefunden habe. Damit nur ja keiner auf die Idee kommt, er würde sein Erzbistum vernachlässigen. Denn: „Bayerisch-patriotisch bin ich nach sechs Jahren geworden.“

Von Claudia Möllers

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