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Schwere Stunden: Iris F. (vorne) im Frühjahr 2010 im Prozess vor dem Landgericht Traunstein.

"Rentnergang vom Chiemsee": Ärztin verklagt Bayern

München - Die Geschichte der Rentner vom Chiemsee, die ihren Anlageberater entführten, machte vor zwei Jahren Schlagzeilen. Nun klagt eine angeklagte Ärztin von einst gegen den Freistaat.

Iris F. (66) ist gezeichnet von der Geschichte. „Mein Leben“, sagt sie, „ist bereits zerstört.“ Aber wolle ihr denn das Gericht auch noch die Ehre nehmen? Vor ihr auf dem Tisch im Saal 1 des Verwaltungsgerichts München liegt ein 500-Seiten-Wälzer. „Die Rentnergang von Chieming“ steht darauf. Iris F. hat das noch unveröffentlichte Buch zusammen mit ihrem Mann Gerhard geschrieben. Sie kennt sich bestens aus, sie war ja selbst Teil der „Rentnergang“. Die filmreife Geschichte geht kurz gesagt so: An einem Juniabend im Jahr 2009 entführen der Bauunternehmer Roland K. und sein Komplize Willi D. den dubiosen Anlageberater James Amburn. Sie verschleppen den US-Amerikaner von Speyer bis in K.’s stattliches Anwesen in Chieming am Chiemsee. Dort wird Amburn tagelang festgehalten, er hat allein K. durch Anlagegeschäfte um über eine Million Dollar betrogen und soll das Geld jetzt schnell beschaffen – was natürlich nicht geht. Zeitweilig stößt das Ärzte-Ehepaar Gerhard und Iris F. aus Schliersee (Kreis Miesbach) dazu – auch sie Betrogene.

Nur mit einem Trick kann Amburn auf seine missliche Lage aufmerksam machen – nach drei Tagen befreit ihn ein Sondereinsatzkommando der Polizei. K. wird im März 2010 zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt. Das Verfahren gegen Gerhard F. wurde wegen seines Herzleidens vertagt und erst im August dieses Jahres eingestellt. Seine Ehefrau musste jedoch mit einem Jahr und neun Monaten Bewährungsstrafe für eine Verwicklung in den Entführungsfall büßen.

Knapp zwei Jahre sind seit diesem Urteil ins Land gegangen, an dem Iris F. erkennbar schwer nagt. Wie sie als „unbescholtene Bürgerin“ da reingeraten ist, will ihr nicht in den Sinn. „Unfassbar, unfassbar“, das sagt sie öfter. Ob die Gerechtigkeit in diesem Fall wirklich ihren Lauf genommen hat, lässt sich zumindest hinterfragen. Millionenjongleur, manche sagen -betrüger, Amburn ist immer noch auf freiem Fuß, angeblich in Bad Dürkheim, wenn er sich auch diverser Verfahren erwehren muss. Der betagte Hauptangeklagte Roland K. schmort weiter im Gefängnis. Sein Mittäter Willi D. hatte vier Jahre Haft bekommen. Doch, wie die Dinge so spielen: D. ist US-Amerikaner, und gut ein Jahr nach dem Urteil hat ihn Deutschland in die USA abgeschoben. „Jetzt sitzt er in seiner Luxusvilla in Florida“, behauptet Iris F., der die Regierung von Oberbayern mit Bescheid vom 12. Juli 2011 die Approbation entzogen hat.

Iris F. klagt nun auf Widerruf dieses Bescheids. Welches Interesse habe sie noch am Erhalt der Approbation, also der Zulassung zum Heilberuf, fragt die Richterin. Die ehemalige Anästhesistin am Krankenhaus Hausham praktiziert ja schon seit 2002 nicht mehr. „Es geht um meine persönliche Ehre“, antwortet die Klägerin. „Ehrlich und anständig“ habe sie ihren Doktor-Titel erworben. Es gebe ja die Möglichkeit, die Approbation von sich aus zurückzugeben, meint die Richterin mit sanfter Stimme. „Darum geht es mir nicht“, sagt die Ärztin. Ihre Stimme klingt jetzt brüchig, sie kämpft mit den Tränen.

Das Gericht muss nun urteilen, ob die „geringe Tatbeteiligung“, von der Iris F.’s Anwältin Füsun Yavuz spricht, für den Entzug der Approbation ausreicht. Das Fehlverhalten war durchaus berufsbezogen, stellt der Vertreter der Regierung von Oberbayern fest. Iris F. habe in der kurzen Zeit, da sie Amburn in Chieming traf, durchaus einschreiten können. „Sie hat nicht nur menschlich gefehlt, sondern als Ärztin obendrein.“ Iris F. schluckt. Amburn habe sich ihr ja gar nicht offenbart.

Ein Urteil soll heute fallen. Ein „Lebenswerk“ stehe auf dem Spiel, sagt ihre Anwältin.

Dirk Walter

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