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Muss ins Gefängnis: Rentnerin Ingrid M. hat mehrmals Waren aus Läden gestohlen.

Sie konnte sich Lebensmittel nicht leisten

Keine Gnade! Oma Ingrid muss wegen Ladendiebstählen ins Gefängnis

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  • Jacob Mell
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Der Fall hat bereits bundesweit für Aufsehen gesorgt. Rentnerin Ingrid M. ließ sich zu mehreren Ladendiebstählen hinreißen, weil ihre Rente nicht ausreichte. Nun muss sie hinter Gitter.

Bad Wörishofen - Sie hatte auf Gnade gehofft - doch Rentnerin Ingrid M. aus Bad Wörishofen bleibt sie versagt. Schon bald muss die 84-Jährige, die bundesweit als „Oma Ingrid, die aus Hunger klaute“ bekannt wurde, in den Knast. Für mindestens drei Monate! „Das ist ein Schlag für mich, mir geht es unendlich schlecht“, sagte die betagte Dame der tz. Ein Gnadengesuch, das M.s Anwältin an das bayerische Justizministerium gestellt hatte, war zuvor abgelehnt worden.

Es waren keine Luxusgüter, die Oma Ingrid im Supermarkt hatte mitgehen lassen. Lebensmittel, eine Creme „und nur Waren, die bereits reduziert waren“, sagt die 84-Jährige, die fast ein halbes Jahrhundert als Schneiderin gearbeitet hat. Fünfmal wurde sie beim Klauen in Supermärkten erwischt, der Warenwert betrug insgesamt 70,11 Euro. Es folgte eine Geldstrafe, die sie aber einfach nicht von ihrer schmalen Rente bezahlen konnte - sowie zwei Bewährungsstrafen.

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Auch während Bewährung erwischt

Während der Bewährung wurde sie erneut erwischt - mit fatalen Folgen. Das Landgericht Memmingen verurteilte die Witwe zu drei Monaten Haft - ohne Bewährung! „Weil weitere Straftaten zu befürchten sind“, so ein Sprecher der Staatsanwaltschaft Memmingen zur Mindelheimer Zeitung.

Das abgelehnte Gnadengesuch begründet Oberstaatsanwalt Joachim Ettenhofer von der Generalstaatsanwaltschaft München so: „Gnädigerweise haben Ausnahmecharakter. In diesem Fall lagen keine anderen Umstände vor, als zum Zeitpunkt des Urteils. Es gibt keinen Anspruch auf Gnade.“

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Oma Ingrid schämt sich „für meine Altersarmut“

Doch weshalb klaute Oma Ingrid nur, weshalb bezahlte sie die Geldstrafe nicht? Die Witwe lebte nach Abzug aller Fixkosten wie Miete, Strom, Geld für Medikamente von „höchstens 100 Euro im Monat“. Hilfen lehnt sie ab. „Ich schäme mich für meine Altersarmut.“ Vor ihrem ersten Diebstahl habe sie wochenlang von Knäckebrot und Leitungswasser gelebt, doch irgendwann sei das nicht mehr gegangen. „Ich habe aus Hunger gestohlen, aus reiner Not. Ich schäme mich so.“ Ihren Koffer fürs Gefängnis hat sie schon vor Wochen gepackt, doch sie hoffte, dass sie ihn nicht brauchen würde. Vergebens.

Ihre Pflichtverteidigerin Anja Mack betont zwar, dass das Urteil rechtmäßig ist, sagt aber auch: „Ich kann nicht verstehen, dass man eine Frau im Alter von Frau . für diese Taten einsperren muss.“ Die Haftstrafe könnte mindestens drei Monate lang dauern, falls die Bewährungen für die anderen Taten widerrufen werden, sogar neun. Ingrids Arzt hält sie für nicht haftfähig. Der zuständige Gefängnisarzt sowie der Landgerichtsarzt geben allerdings grünes Licht zum Haftantritt.

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Stichwort: Gnade vor Recht

... ist nur eine Redewendung. Einen Anspruch darauf gibt es nicht. In Bayern entscheidet das Justizministerium, ob man derlei Gnade walten lassen würde. So ließen sich etwa Gefängnisstrafen - wie im Fall von Ingrid M. - zur Bewährung aussetzen, sofern ein vorheriges Urteil ein Jahr Gefängnis nicht übersteigt. Entgegen des umgangssprachlichen „Gnade vor Recht“, das im Alltag zigmal angewendet wird, sind in der echten Rechtsprechung solche Fälle selten.

mc/jam

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