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Endlich zurück auf der Straße: Nach einem Jahr Bürodienst suchen Franz Bauer und Claudia Franke als Zivilfahnder wieder nach Schleusern, Drogentransporten oder Diebesgut.

Auf Streife - eine Reportage

Flüchtlinge und Autodiebe: Das erlebt die Grenzpolizei täglich

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Passau - Vor einem Jahr kamen in Passau bis zu 8000 Flüchtlinge über die Grenze. Pro Tag. Heute sind es um die 20. Was für die Bundespolizei bedeutet.

Ein kurzer Blick und der Jagdinstinkt ist geweckt. Mitten im Satz hält Franz Bauer, 46, Dreitagebart, bohrender Blick, die Luft an und drückt aufs Gas. „Den schauen wir uns mal an“, sagt er und zieht mit dem 205-PS-Mercedes auf die linke Fahrspur der A 3. Den Kühllaster mit ungarischem Kennzeichen, der gerade über den Grenzübergang Suben aus Österreich nach Deutschland gekommen ist, lässt er nicht mehr aus den Augen. „Der hat uns gescannt“, sagt Bauer und meint damit, dass der Fahrer den Blickkontakt zu der am Autobahnrand abgestellten Zivilstreife der Bundespolizei gesucht hat.

Claudia Franke, 31, zierlich, blond gefärbte Haare, zieht ihre Schutzweste zurecht, bevor ihr Kollege hinter dem Kühllaster einschert. Der Verfolgte wird langsamer. „Verdächtig“, sagt Bauer. In einem Kühllaster wie diesem fand die österreichische Polizei im vergangenen Jahr 71 tote Flüchtlinge. „Da drin kann alles sein.“ Bauer zieht vorbei, setzt sich vor den Transporter und in der Rückscheibe des silbernen Mercedes leuchtet der rote Schriftzug auf: „Bitte folgen“.

Über 70 tote Flüchtlinge in Lkw entdeckt

Schleierfahndung bei der Bundespolizei

Franz Bauer und Claudia Franke bilden eine der mobilen Fahndungsstreifen der Bundespolizei. Während ihre Kollegen an der Grenze stehen und bald 24 Stunden am Tag stichprobenartige Kontrollen durchführen, tun sie, was bei der Landespolizei als Schleierfahndung bekannt ist. Sie suchen in zivil nach Schleusern, Diebesgut, gestohlenen Autos, Drogen. Bis zu 8000 Flüchtlinge kamen im Herbst 2015 täglich aus Österreich in den Zuständigkeitsbereich der Bundespolizei Passau. „Fast ein Jahr lang waren wir kaum auf der Straße“, sagt Bauer. Franke und er wurden Sachbearbeiter. Sie nahmen Fingerabdrücke, machten Fotos. Erst als die Balkanroute dicht war, wurde es ruhiger. Heute kommen zwischen zehn und 20 Flüchtlinge pro Tag, nur noch wenige von ihnen über die Autobahn.

Franz Bauer reißt die Türe des Kühltransporters auf, seine Kollegin behält den jungen Fahrer im Auge, ihre Hand an der Waffe. Bauer steigt in den Frachtraum, nach wenigen Sekunden kommt er wieder. „Alles klar“, ruft er und Franke nimmt die Hand vom Gürtel. Gemüse. Kartonweise. Der wortkarge Ungar mit der grauen Jogginghose darf weiterfahren. „Mein Ausbilder hat immer gesagt: Man muss viele Frösche küssen, bis ein Prinz rauskommt“, sagt Bauer, während der Transporter davonrauscht.

Schleuser ändern ihre Taktik

Als nach dem Chaos im vergangenen Herbst die Kontrollen wieder zunahmen, änderten die Schleuser ihre Taktik. Viele setzen die Flüchtlinge in Züge oder Fernbusse. Andere bringen sie bis kurz vor die Grenze und lassen sie den Rest zu Fuß laufen. Oder sie schicken Aufklärer voraus, die per Handy Bescheid geben, wenn die Luft rein ist. „Da muss man pokern, um noch jemanden zu erwischen“, sagt Franke.

So wie im Sommer, bei ihrem letzten großen Fang. Sie warteten bei einem kleinen Grenzübergang nicht weit von Wegscheid, an dem zuvor immer wieder Schleuser unterwegs waren. Zwei Fahrzeuge, die sie für Aufklärer hielten, ließen sie passieren. Risiko. Beim dritten Wagen schlugen sie zu. Darin saß eine afghanische Familie. Die Schleuser nahmen sie fest, Kollegen fassten außerdem die Aufklärer sowie ein Abholfahrzeug aus Frankreich. „So stellt man sich Erfolg vor“, sagt Bauer. „Seitdem ist da unten Ruhe.“

Zurück an der A 3. Warten. Als Fahnder an der Autobahn braucht es Geduld. Die meiste Zeit sitzen Bauer und Franke in ihrem Wagen am Fahrbahnrand und halten Ausschau nach verdächtigen Fahrzeugen. Fahrzeugtyp, Nummernschild und der Blick auf den Fahrer geben den Ausschlag. „Wir müssen innerhalb von Sekunden entscheiden“, sagt Bauer. Aber davor passiert oft erst mal sehr lange nichts. Im Radio trällert Freddy Mercury. Und plötzlich gibt Franz Bauer wieder Gas.

Glück um einen Treffer zu landen

Er heftet sich an einen Audi mit hessischem Kennzeichen, Typ SQ 5. 300 PS unter der Haube. Mindestens. Bauer ist Experte für gestohlene Luxusautos, die im Ausland umfrisiert werden und dann wieder auf dem Markt landen. „Die neuen Besitzer wissen oft gar nicht, womit sie da unterwegs sind.“ Claudia Franke überprüft mit einem Anruf das Kennzeichen der schwarzen PS-Schleuder. Der Halter ist Jahrgang 1964. Am Steuer sitzt aber ein junger Bursche.

„Das Auto gehört einem Bekannten“, sagt der elegant gekleidete Mann an der nächsten Ausfahrt. Er studiere in Wien und habe sich den Wagen ausgeliehen. Bauer schaut in den Motorraum, überprüft Serien- und Identifizierungsnummern – alles sauber.

Es braucht schon eine Menge Glück, um einen wirklich großen Fisch aus dem Autobahnbecken zu ziehen. Vor einigen Jahren hatte Bauer dieses Glück. Um halb vier Uhr morgens stieß er – mit einem Praktikanten auf dem Beifahrersitz – nahe Phillipsreut auf einen Wagen mit Landsberger Kennzeichen. „Der war bis oben hin voll mit Werkzeug.“ Die Insassen flüchteten zu Fuß, aber Bauer und die gerufene Verstärkung konnten sie nach langer Verfolgung stoppen. Später stellte sich heraus: Die Polizisten hatten den Kopf einer Bande erwischt, die gerade eine Schreinerei ausgeräumt hatte. „Danach habe ich mich in die Badewanne gelegt und mir ein Pils aufgemacht.“

Während das Fahnder-Duo nach Schleusern, Dieben und Schmugglern Ausschau hält, ist es auf dem Gelände der Bundespolizei-Inspektion in Passau ruhig. Auf dem geteerten Vorplatz drängten sich im vergangenen Herbst Tausende Flüchtlinge. Jetzt pfeift der Wind um die parkenden Polizeibusse. Die große Halle haben die Beamten in Eigenarbeit mit Rigipswänden in mehrere Bearbeitungslinien geteilt. Dort werden die Flüchtlinge registriert. „Derzeit ist kein Ansturm zu erwarten“, sagt Polizeisprecher Frank Koller, „aber wir wären bereit.“ Jetzt steht die Infrastruktur, die die Bundespolizei im vergangenen Herbst gebraucht hätte.

Irakische Familie, drei Syrer - das war es

Gerade warten die Polizisten auf eine irakische Familie, die wohl zu Fuß über die grüne Grenze gekommen ist. Die Beamten werden das Ehepaar und ihre vier Kinder später an das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge weiterleiten. Am Abend kommen noch drei Syrer, die die Polizei am Passauer Bahnhof aufgegriffen hat. Ihnen wird die Einreise verweigert, die Polizei übergibt sie an die Kollegen in Österreich. Die Tagesbilanz: Neun mal unerlaubte Einreise. Keine davon über die Autobahn.

Auf dem Weg zurück zur Inspektion schnappen sich Franz Bauer und Claudia Franke noch einen BMW X6 mit serbischem Kennzeichen und schwarzen Alufelgen. Am Steuer sitzt ein älterer Herr, auf dem Beifahrersitz sein Sohn, mit Designerlederjacke und Rolex am Arm. Der Jüngere plaudert drauf los, weiß alles über Alarmanlagen, zeigt stolz eine Spezialanfertigung, eine Art mechanische Wegfahrsperre am Lenkrad und spöttelt über die deutsche „Gestapo“-Polizei, die ihn ständig aufhalte. Bauer spielt das Spiel mit, er nutzt die Vorführstunde des Mannes, um sich den Wagen ganz genau anzusehen. Aber er findet nichts.

Zurück im Polizeiwagen sagt Bauer: „Der kannte sich zu gut aus. Mein Gefühl sagt, der hat Dreck am Stecken.“ Aber heute muss er ihn ziehen lassen. Heute kein Prinz. Heute nur Frösche.

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