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Die Kleinrechenbergalm bei Unterwössen wird mit Hilfe der Staatsforsten wieder beweidet.

Chef der Bayerischen Staatsforsten

So kümmert sich Martin Neumeyer um die bayerischen Wälder

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München/Unterwossen - Ein Kettensägen-Drama im Wald hatten Gegner der Forstreform vor zehn Jahren befürchtet. Der drohende Kahlschlag im Wald ist aber ausgeblieben. Der neue Chef der Bayerischen Staatsforsten arbeitet am Image.

Der Steinschaf-Bock lässt sich von Neumeyer streicheln. Die Staatsforsten fördern ein Projekt zur Rettung dieser fast ausgestorbenen Art.

Noch liegen feuchte Nebelschwaden über den Wiesen im Voralpen-Land. Die Sonne kämpft sich aber langsam durch die Wolken. Es geht auf der Autobahn in Richtung Chiemgau, in den Forstbetrieb Ruhpolding. Grauer Trachtenjanker, weiß-blau kariertes Hemd, beige-farbene Jeans und Wanderstiefel: Martin Neumeyer ist für die Exkursion in den Landkreis Traunstein gerüstet. Der 55-Jährige, der seit dem 1. April an der Spitze der Bayerischen Staatsforsten steht, reist seit Wochen durch den Freistaat, um vor Ort die regionalen Naturschutzkonzepte des staatlichen Forst-Unternehmens vorzustellen. Heute geht’s zur Kleinrechenbergalm oberhalb von Unterwössen. Hier unterstützen die Staatsforsten ein Projekt zur Wiederbelebung einer Alm und zur Rettung der fast ausgestorbenen alpinen Steinschafe. Auch hier gehört der Forst zum Staatswald. Zu den insgesamt 755 000 Hektar bayerischen Waldes, den die Anstalt des Öffentlichen Rechts für den Freistaat bewirtschaftet.

„Ich möchte eine Veränderung des Images: weg von reiner Gewinn-Maximierung – hin zu mehr Ökologie“, umreißt Neumeyer seinen Plan, mit dem er den Staatsforsten zu mehr öffentlicher Anerkennung verhelfen will. Freilich nicht er allein. Sondern zusammen mit seinem Vorstandskollegen Reinhardt Neft – und den 2700 Mitarbeitern, den Förstern und Waldarbeitern.

Wer sich an die schwierige Geburt der Staatsforsten vor nunmehr zehn Jahren erinnert – mit wütenden Demonstrationen im Vorfeld gegen die Stoiber-Regierung und einem knapp gescheiterten Volksbegehren Ende 2004 – der weiß auch noch, welche Befürchtungen mit der Gründung des Unternehmens verbunden waren. Einen Kahlschlag werde es geben in den staatlichen Wäldern, das freie Betretungsrecht des Waldes werde beschnitten, wurde geunkt. Rudolf Freidhager, als Gründungschef der Staatsforsten die ersten zehn Jahre an der Spitze und auf wachsende Gewinne bedacht, stand oft in der Kritik der Naturschützer. 500 Millionen Euro hat das Unternehmen immerhin in zehn Jahren in die Kassen des Freistaats gespült. Eine Summe, die sich sehen lassen kann. Als aber im Januar 2006 bekannt wurde, dass die Staatsforsten von Wandervereinen Gebühren kassiert hatten, schienen sich die Befürchtungen der Reformgegner zu bewahrheiten. Und der damalige Forstminister Josef Miller zog die Notbremse.

Inzwischen ist Freidhager Geschichte. Der Österreicher kehrte zurück in die Heimat, leitet jetzt die dortigen Bundesforsten. Hinter vorgehaltener Hand flüstert auch mancher Landtagsabgeordnete, dass man diesen Abgang nicht bedauert. Denn Freidhager traf nicht immer den richtigen Ton, wenn es um die Ausrichtung der Staatsforsten ging.

Die Kleinrechenbergalm bei Unterwössen wird mit Hilfe der Staatsforsten wieder beweidet.

Hier kommt Martin Neumeyer ins Spiel. Er war Amtschef im bayerischen Landwirtschaftsministerium. Zu „seinem“ Minister Helmut Brunner, der als Aufsichtsratsvorsitzender der Staatsforsten Freidhager auch schon mal in die Schranken verwiesen hatte, hat er einen guten Draht. Beide sehen es als Notwendigkeit an, gesellschaftliche Zustimmung der Bürger für „die Form, wie wir Landwirtschaft betreiben, zu bekommen“. Das gleiche gilt für den Wald. Und so fragt Brunner seinen Amtschef, ob ihn der Vorstands-Posten interessieren würde. Neumeyers erste Reaktion: „Ich überlege es mir.“ Brunner: „Da haben Sie aber nicht viel Zeit zum Überlegen.“ Nach drei Tagen sagt Neumeyer zu. Wie das Leben so spielt: Zehn Jahre zuvor war der 55-jährige Jurist, der in Bad Reichenhall aufgewachsen ist, als Regierungssprecher noch einer der engsten Berater von Ministerpräsident Edmund Stoiber. Er hat also die Forstreform mit nach außen vertreten müssen und den Aufstand gegen die Pläne hautnah erlebt. Dass er zehn Jahre später an der Spitze dieses Forstunternehmens stehen würde, das hätte er sich damals niemals vorstellen können.

Bis zum Amtsantritt bei den Staatsforsten ist aber viel passiert. Am 30. September 2007 hatte Edmund Stoiber sein Amt als Ministerpräsident abgegeben. Neumeyer, inzwischen Amtschef für Bundes- und Europaangelegenheit in der Staatskanzlei, wechselte 2010 zum Agrar- und Forstministerium. Weg von der Staatskanzlei, dem Zentrum der Macht – in ein völlig neues Umfeld. Nach 14 Jahren Durchpowern im engsten Zirkel der politischen Macht, mit Terminhetze, Druck und Stress – da kann man in der Natur schon mal richtig tief durchatmen. Da gewinnen so langsam andere Themen wieder an Bedeutung. Neumeyer versteht sich vor allem mit den Förstern auf Anhieb gut. „Das sind ganz spezielle Persönlichkeiten, ganzheitlich denkende Menschen“, stellt er früh fest. Die Waldtermine, die sind die schönsten für den Amtschef.

Dass er den Wald auch wirklich liebt, zeigt sich sofort, wenn man mit Martin Neumeyer wandert. Schon als Bub hatte er viel Zeit an der frischen Luft verbracht. „Der Wald grenzte an unser Haus, der war sozusagen um die Ecke.“ Locker steigt er jetzt den schmalen Waldweg von der Jochbergalm zur Kleinrechenbergalm hoch, die Hände in den Jackentaschen, der aufmerksame Blick taxiert die Tannen, Fichten und Buchen. Er macht auf die morschen Äste und entrindeten Baumstämme aufmerksam, die zwischen den stattlichen Bäumen liegen. Manche Waldbesucher fragen sich, ob denn nicht richtig aufgeräumt werde im bayerischen Staatswald. Ob man denn nicht genügend Personal habe. Neumeyer lacht. Er kennt solche Fragen. „Das ist keine Schlamperei, sondern pure Absicht. Das Biotopholz, das hier liegt, ist die Quelle neuen Lebens.“ Hier siedeln sich Pilze, Schwämme und Insekten an , die das Holz zersetzen, mit den Nährstoffen den Boden anreichern: „Das ist die Lebensgrundlage für den Zukunftswald. Etwas Besseres kann man gar nicht machen, als möglichst viel Biotopholz liegen zu lassen.“

Und wie vorbildlich die Staatsforsten hier agieren, das will Neumeyer den Bürgern erklären. Ganz nach der Stoiberschen Schule, alle Daten schnell zu checken, hat der neue Staatsforsten-Chef sofort die Bundeswaldinventur durchforstet und festgestellt: „Beim Biotopholzanteil ist unser Unternehmen bundesweit absolut top! Es gibt keinen anderen Waldbesitzer, auch nicht in rot-grün-regierten Ländern, der annähernd einen so hohen Anteil hat. Und wir bauen ihn weiter aus.“

Solche Erkenntnisse sollen auch die Förster im „Walddialog“ mit den Bürgern diskutieren. „Wir dürfen uns nicht verstecken hinter unserer Arbeit“, verlangt der neue Vorstandschef. Neumeyer weiß, die Staatsforsten arbeiten in der Öffentlichkeit. „Jeder kann die Arbeit sehen, jeder kann zuschauen. Deswegen müssen wir unser Tun erklären, die nachhaltige Waldbewirtschaftung der Bevölkerung erklären.“ Deswegen reist Neumeyer durch Bayern. Deswegen will er die Förster für einen „Walddialog“ gewinnen. „Sie sind unsere besten Öffentlichkeitsarbeiter, sie sollen Botschafter draußen vor Ort sein. Wir sollten Waldführungen machen, der Bevölkerung unser Handeln erklären, mit ihr diskutieren...“ Ganz der alte PR-Profi wie schon in seiner Zeit als Stoiber-Vertrauter.

„Alles Staatsforst“, schwärmt er, als sich oben auf der Alm der Blick weitet bis zum Horizont. Von Lindau bis Berchtesgaden gehören 50 Prozent der Waldfläche im Alpenraum dem Freistaat. Ganze 200 000 Hektar. „Davon sind 80 000 Hektar in Hiebsruhe, hier wird kein Holz geerntet“, berichtet er. Auch das gehört zu den Staatsforsten: Naturschutz- oder Naturwaldreservate, Altbaumbestände, die nicht angetastet werden.

Selbst mit den schärfsten Kritikern sucht Neumeyer den Dialog. Er plant Projekte mit dem Bund Naturschutz oder dem Landesbund für Vogelschutz. Und so marschieren auch Vertreter dieser Gruppen mit auf die Alm in 1400 Meter Höhe, wo die halbstarken Steinschaf-Böcke ihre Sommerfrische genießen. Die Verbandsvertreter begrüßen die Initiative der Staatsforsten, hier oben auf der Kleinrechenbergalm wieder eine Bewirtschaftung zu unterstützen – aber sie bleiben skeptisch. Noch beschnuppert man sich.

Einig ist man sich in der Bedeutung des Bergwalds, der so wichtige Schutzfunktionen für die Täler, die Straßen, die Menschen hat.

Den Umbau in einen klimaangepassten Mischwald will Martin Neumeyer vorantreiben. Naturschutz-Inseln werden auf der ganzen Fläche der Staatsforsten angelegt, Baum-Methusaleme sind ebenso geschützt wie pro Hektar zehn Biotop-Bäume – alte Bäume, die Tieren und Pflanzen Lebensraum bieten. Trotzdem gilt weiter: „Wir sind ein gewinnorientiertes Unternehmen.“ Neumeyer will auch weiter ordentliche Gewinne an den Freistaat abliefern. Aber Gewinnmaximierung um jeden Preis lehnt er kategorisch ab. „Dafür ist der Wald ein zu sensibles Gut.“

Von Claudia Möllers

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