Das Einsatzzelt am Eingang der Höhle - hier laufen die Nachrichten zusammen.

Rettungsaktion am Riesending

Unser Reporter bei den Helden der Höhle

Berchtesgaden - tz-Reporter Andreas Beez ist hinaufmarschiert zu den Helden der Höhle – und hat live miterlebt, wie professionell die Rettungskette trotz schwierigster Bedingungen funktioniert.

Es ist einer der spektakulärsten Großeinsätze, den Bayerns Rettungskräfte seit langem erlebt haben – und wahrscheinlich der versteckteste: Gut 1000 Meter unter der Erde kämpfen die besten und stärksten Höhlen-Spezialisten Europas um das Leben eines schwer verletzten deutschen Forschers. Der 52-Jährige Johann W. ist seit Sonntag in der Riesending-Schachthöhle bei Berchtesgaden gefangen, nachdem ihn ein Felsbrocken eines Steinschlags am Kopf erwischt hatte.

Um seine Rettung voranzutrieben, müssen sich die Teams in der Tiefe bis zum Äußersten verausgaben. Von der Oberfläche aus leisten an die 200 Kameraden leidenschaftlich Schützenhilfe. Sie haben am Höhleneingang auf 1900 Meter ihr Basislager aufgeschlagen – mitten in einem Labyrinth aus Latschen und Felsen auf dem Karstplateau des Untersbergs.

Hier harren sie rund um die Uhr aus – zuletzt bei Gluthitze in der prallen Sonne, das Thermometer stieg auf deutlich über 40 Grad. Um sie herum liegen dennoch Altschneefelder – und darunter lauern Löcher und Spalten. Immer wieder fliegen Helikopter Material und Menschen hinauf zu ihrem unwirtlichen Arbeitsplatz. Zum Glück war das Flugwetter in den vergangenen Tagen perfekt, denn zwischen den Talorten und dem Baislager liegen über 1000 Höhenmeter. tz-Reporter Andreas Beez ist hinaufmarschiert zu den Helden der Höhle – und hat live miterlebt, wie professionell die Rettungskette trotz schwierigster Bedingungen funktioniert.

Das Gelände: Eine Welt aus Löchern und Spalten

Verkarstetes Gelände mit Löchern, Spalten und Höhlen – und im Hintergrund das Stöhrhaus: 1000 Meter unter diesem Gestein liegt der verletzte Forscher.

Der Untersberg ist ein Grenzfall – im wahrsten Sinne des Wortes. Denn zum einem verläuft über das rund 70 Quadratkilometer große Massiv die Grenze zwischen Bayern und Österreich. Und zum anderen kann die Orientierung dort oben schnell grenzwertig werden. Jedenfalls dann, wenn man die markierten Wege verlässt. Von der höchsten deutschen Erhebung aus, dem Berchtesgadener Hochthron (1973 Meter), schweift der Blick über ein gewaltiges, unübersichtliches Labyrinth aus Latschen, Geröll und Felsformationen. Der Kalkstein ist verkarstet – das bedeutet: Er weist eine Vielzahl von Löchern, Spalten und Höhlen auf. Mehr als 400 sind bereits entdeckt worden. Die mit Abstand größte ist die Riesending-Schachthöhle. Sie liegt etwa 30 Minuten Gehzeit vom Stöhrhaus am Untersberg entfernt, einer Schützhütte der Alpenvereins-Sektion Berchtesgaden auf 1894 Meter. Der klassische Aufstieg von deutscher Seite zu dieser Aussichtskanzel erfolgt über den Stöhrweg. Er führt vom Berchtesgadener Ortsteil Maria Gern aus in etwa dreineinhalb bis viereinhalb Gehstunden hinauf zur Hütte. Dabei müssen die Wanderer 7,4 Kilometer und stattliche 1100 Höhenmeter bewältigen.

Der Zustieg: Fahnen auf dem Weg

Abseilen in die Finsternis: Ein Retter steigt durch den unscheinbaren Spalt in die Höhle ein.

VieleWanderer, die auf einem nahen Bergsteig vorbeimarschieren, ahnen gar nicht, dass sich nur ein paar Gehminuten entfernt das Höhlendrama abspielt. Denn der schmale Pfad zum Basislager ist kaum zu erkennen. Den Einstieg haben die Bergwachtler bewusst unauffällig gestaltet. Der Pfad beginnt hinter einer Graskuppe. Er führt über welliges Gelände zwischen dichten Latschen hindurch, über Altschneefelder, Felsstufen und -rippen mitten auf das Karstplateau. Immer wieder öffnen sich neben dem Zustieg pechschwarze Löcher und Spalten. Damit die Retter keine Zeit mit der Wegsuche verlieren, haben die Bergwachtler rote Markierungsfähnchen gesetzt, im Abstand von wenigen Metern. Sie bieten auch dann gute Orientierung, wenn schlechtes Wetter mit Nebel aufzieht. An manchen Stellen war der Pfad zur Riesending-Höhle so verwachsen, dass ihn die Bergwachtler mit Motorsägen freischneiden mussten.

Der Schacht: Kletterer in Lebensgefahr

Die Riesending-Schachthöhle auf dem Untersberg in den Berchtesgadener Alpen ist die tiefste und längste Höhle Deutschlands. Das gigantische Gangsystem umfasst eine Länge von 19,2 Kilometern und ist 1148 Meter tief. Die Bergwacht Bayern bezeichnet das Ausmaß der Höhle als extrem: bereits die ersten Schächte können nur begangen werden, indem man sich an einem Seil bis zu 300 Meter hinablässt. Auch auf dem weiteren Weg ist es immer wieder nötig, sich abzuseilen. Noch dazu gibt es Engstellen, durch die nur schlanke Personen knapp hindurchpassen. Durch Steinschlag und Wasser bestehe für Menschen „eine erhebliche Gefährdung“ in den Schächten, heißt es. Die Höhle liegt sechs Kilometer nördlich von Berchtesgaden, direkt an der Grenze zu Österreich. Der Eingangsschacht wurde bereits 1995 entdeckt, blieb zunächst aber nahezu unbeachtet. Erst von 2002 an begannen Forscher, den Schacht zu erkunden. Die Erforschung der Höhle ist mühsam, da der Gangverlauf immer wieder durch Schluchten unterbrochen wird.

Bilder von der Rettungsaktion an der Riesending-Schachthöhle am Untersberg

Bilder von der Rettungsaktion an der Riesending-Schachthöhle am Untersberg

Die Retter: Experten kommen aus ganz Europa

Längst ist aus dem Rettungseinsatz in der Riesending-Höhle ein internationales Unterfangen geworden. Neben den bayerischen Bergwachtlern sind Kameraden aus der Schweiz, aus Italien und aus Österreich beteiligt. Ein Bergwachtler, der fließend italienisch spricht, sorgt dafür, dass die Kommunikation reibungslos klappt. Wenn er mal anderweitig beschäftigt ist, tauschen sich die Kameraden auf Englisch aus.

Die Stimmung unter den Einsatzkräften ist gut, alle Retter wirken ruhig und konzentriert. Trotz der Schwerstarbeit und der großen Anspannung kommt keine Hektik auf, es fällt kein gereiztes Wort – im Gegenteil: Zwischendrin in ihren Verschnaufpausen nehmen sich die Kameraden immer mal wieder Zeit für ein persönliches Gespräch oder eine nette Geste. Hier bringt jemand einen frischen Kaffee, dort etwas Süßes oder einen Snack. Und es wird auch mal gescherzt. „Hast du zwei Feierabendbier für unsere Pause im Höhlenrestaurant eingepackt?“, fragt ein italienischer Retter seinen Kollegen augenzwinkernd. Dann rauchen sie gemeinsam noch eine letzte selbstgedrehte Zigarette und verschwinden in der Tiefe des Unterbergs.

Die Luftbrücke: Retter abgeseilt

Die Helikopter pendeln im Minutentakt

Diejenigen, die oben bleiben, machen ihren Job genauso konzentriert wie die Seilschaften in der Höhle. Der Funk ist jede Sekunde besetzt, Anweisungen machen die Runde, immer wieder werden kurze Einsatzbesprechungen anberaumt. Nie hektisch, immer ruhig und mit Bedacht. Alles wirkt eingespielt, jeder scheint zu wissen, was er selbst tun muss– und was die anderen tun.

Das Basislager: Hier läuft alles zusammen

Kommuniziert wird mit dem eigens eingebauten Höhlenfunksystem Cavelink.

Nur wenige Meter vom Höhleneingang entfernt hat die Bergwacht ein großes Einsatzzelt aufgebaut. Da­rin laufen unter anderem die Nachrichten aus der Höhle und aus dem Tal zusammen. Zur Verständigung nutzen die Retter etwa das Höhlenfunksystem Cavelink. Neben dem Zelt befindet sich – geschützt von einer Plastikplane – ein Materialdepot. Dort lagern Ausrüstung und persönliches Gepäck der Kameraden. Gestern wurde zudem ein Container eingeflogen, der den Helfern bei schlechtem Wetter Schutz bieten soll. Den nahen Höhleneingang würde man als Wanderer kaum erkennen. Er ist inzwischen mit Seilsicherungen und Kommunikationskabeln versehen. Wie am Zustiegspfad haben die Bergwachtler auch rund ums Basislager rote Orientierungsfähnchen gesteckt.

Andreas Beez

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