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Die Menschen im Chiemgau haben Angst davor, dass der Erdgasabbau durch Gestank und Bohrtürme (Archivbild) ihre Landschaft verschandelt und ihnen so ihre Lebensgrundlage nimmt – den Tourismus.

Riesen-Ärger um Bohrungen im Chiemgau

Eggstätt - Im Chiemgau gibt es Erdgas. Genehmigen es die Behörden, wird schon bald danach gebohrt – unterhalb einer geschützten Seenplatte. Doch der Widerstand der Bürger wächst. Sie haben Angst, dass ihre Heimat verschandelt wird.

Josef Unterhauser, 42, ist fassungslos. In seiner schönen Heimat soll nach Gas gebohrt werden. Direkt neben seinem Grundstück im Chiemgau sollen die Bohrer in die Erde getrieben werden, um unterirdisch einen Knick zu machen und unter die Eggstätt- Hemhofer Seenplatte vorzudringen – das ist eines der ältesten Naturschutzgebiete Bayerns. Für den Landwirt aus Zell ein Unding. Deswegen hat er zusammen mit Nachbarn die Bürgerinitiative „Gegen Gasbohren am Langbürgner See“ gegründet.

Das Thema treibt die Menschen in der Region um – 80 kamen zur Gründungsveranstaltung der Bürgerinitiative vor vier Wochen, 400 waren es schon beim Infoabend der Betreiberfirma RAG Austria am vergangenen Mittwoch. Sie haben Angst davor, dass der Erdgasabbau durch Gestank und Bohrtürme ihre Landschaft verschandelt und ihnen so ihre Lebensgrundlage nimmt – den Tourismus. „Ist unsere Landschaft nicht wichtiger als der Gasabbau?“, fragt Unterhauser. Und viele Bürger verstehen nicht, warum ausgerechnet unter einem Naturschutzgebiet, in dem Spaziergänger kein Blümchen pflücken sollen und sogar Luftmatratzen im See verboten sind, nach Gas gebohrt werden soll.

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Die Betreiberfirma will im Frühjahr zusammen mit Bayern- Gas am Langbürgner See mit den Probebohrungen an zwei Stellen beginnen. Dort wird in 2770 und 1123 Metern Tiefe im Gestein ein Gasvorkommen von 200 bis 300 Millionen Kubikmetern vermutet. 10 000 Einwohner könnten damit über zwei Jahrzehnte mit Energie versorgt werden. „Jetzt gilt es herauszufinden, wie viel Gas tatsächlich zu finden ist“, sagt Bayern-Gas-Sprecher Dirk Barz. Die Unternehmen haben bereits Erfahrung mit ähnlichen Projekten. Schließlich betreiben sie auch die Anlage im 40 Kilometer entfernten Assing – dem zweiten Erdgas- Förderstandort in Bayern. Hier sind die Bohrungen seit Februar abgeschlossen, ab 2012 sollen 13 Millionen Kubikmeter Gas gefördert werden.

Die geplanten Bohrungen in Eggstätt müssen noch vom Bergamt Südbayern genehmigt werden, das zur Regierung von Oberbayern gehört. Dort verspricht man, dass die Gemeinden und das Landratsamt angehört und bezüglich Natur- und Wasserschutz miteinbezogen werden. Auch eine Bedrohung für das naheliegende Naturschutzgebiet soll überprüft werden, bevor eine Entscheidung gefällt wird. Doch bei der Gemeinde Breitbrunn, auf deren Flur der Langbürgner See liegt, ist man skeptisch: Bürgermeister Johann Thalhauser kritisiert, dass das Bergamt der „alleinige Befehlshaber“ sei. Die Gemeinde kann dagegen nur eine Empfehlung abgeben – in der Thalhauser seine Bedenken äußern wird. Er befürchtet eine Verschmutzung des Trinkwassers, weil die Gas- Bohrer auch durch Grundwasser müssen. Er traut den Versprechen der Firmen nicht, denn „egal wie oft sie sagen, dass bei den Bohrungen noch nie etwas passiert ist, ein Risiko gibt es immer“.

Im Februar könnte es bereits losgehen

Sollte die Regierung dem Bohrvorhaben zustimmen, will die RAG im Februar damit beginnen. Acht Wochen dauert es, bis sich die Bohrer in 2500 Meter Tiefe gegraben haben – Baulärm und Bohrturm inklusive. Das ärgert Unterhauser, denn der Tourismus rund um den Chiemsee ist für viele Menschen die Lebensgrundlage. Auch für ihn: Auf seinem Hof vermietet er Ferienwohnungen. „Soll ich bei der Wegbeschreibung sagen, hinterm Bohrturm gleich rechts? Da kommt doch kein Gast wieder.“

Um die Öffentlichkeit wachzurütteln, hat Unterhausers Initiative einen Protest- Bohrturm errichtet. „Wenn wir uns nicht bemerkbar gemacht hätten, wäre keiner informiert worden“, sagt er. Der Turm steht dort, wo später die richtige Anlage errichtet werden soll. Auf einer Fläche von 2750 Quadratmetern würden nach Abschluss der Bohrarbeiten Fördereinrichtungen aufgebaut. Teilweise in Containern, teilweise im Freien. Die „optische Verunreinigung“ soll laut Bayern-Gas- Pressesprecher Barz „so gering wie möglich“ gehalten werden, Bäume würden als Sichtschutz gepflanzt. Nach zehn Jahren sei alles vorbei. Spätestens dann nämlich gibt es kein Gas mehr zu fördern und alle Anlagen werden wieder abgebaut.

Davon will Unterhauser nichts wissen. Die Bürgerinitiative arbeitet derzeit an einem Fragenkatalog, der der RAG vorgelegt werden soll. Der Kampf des Landwirts für seine Heimat ist also noch nicht zu Ende. Er hat gerade erst begonnen.

Andreas Güntner

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