Rinderwahn fast ausgerottet: Verbot für Tiermehl-Verfütterung lockern?

München/Brüssel - Es ist still geworden um die Tierseuche BSE. Laut der Europäischen Kommission ist der Rinderwahn beinahe besiegt. Jetzt überlegt man in Brüssel, das Verbot für die Tiermehl-Verfütterung wieder zu lockern.

Panik ging um in Europa. Panik in drei Buchstaben, BSE. Massenhaft wurden Tiere vernichtet, ihre Kadaver verbrannt. Menschen, die vermutlich verseuchtes Fleisch verzehrten, starben an einer neuen Creuzfeldt-Jacob-Variante. Manche Experten fürchteten Horror-Szenarien, warnten vor hunderttausenden Toten.

Am 26. November 2000 erreichte der Wahn Deutschland – der erste amtlich bestätigte BSE-Fall. 412 weitere sollten bis heute folgen. Auf dem Höhepunkt der Krise aßen die Deutschen nur noch halb so viel Fleisch wie gewohnt. Rind wurde zum Ladenhüter.

Heute hört man kaum noch etwas über die schwammartige Gehirnkrankheit, über den Rinderwahn. Die Panik ist verflogen. Bis heute erkrankten weltweit 214 Personen an der menschlichen Form von BSE, nicht hunderttausende. In Deutschland gab es keinen einzigen bestätigten Fall.

Auch die Zahl der infizierten Rinder schrumpft gegen Null. Im Jahr Eins nach dem ersten deutschen BSE-Fall wurden 125 Tiere mit Rinderwahn gemeldet, 59 davon in Bayern. Acht Jahre später, 2009, gab es nur noch zwei bestätigte Fälle bei 1,1 Millionen Tests – und keinen einzigen im Freistaat. Die Seuche scheint fast besiegt.

„Die Europäische Union hat große Fortschritte bei der BSE-Bekämpfung erzielt“, hat EU-Kommissar John Dalli jetzt verkündet. „Wir stehen endlich kurz vor der Tilgung dieser Seuche in der Union.“ Und weil das so ist, diskutiert man in Brüssel nun über eine Lockerung jener Maßnahmen, die man damals zur Seuchen-Bekämpfung erlassen hatte.

kämpfung erlassen hatte. Auch das Verfütterungsverbot von Tiermehl steht zur Debatte. Mediziner gehen davon aus, dass sich BSE durch verseuchtes Futter rasant verbreiten konnte. Aktuell wird über eine „Toleranzschwelle“ für „sehr geringe Mengen“ von verarbeitetem tierischen Eiweiß nachgedacht. Die Aufhebung des Verbots würde sich aber nur auf Nicht-Wiederkäuer beziehen. Bei Rindern soll alles beim Alten bleiben. Auch das „Kannibalismus-Verbot“ soll weiter bestehen: Schweine sollen kein Schwein fressen, Hühner kein Hühnchen. In trockenen Tüchern ist das alles aber noch nicht. „Das sind alles nur Vorschläge, man stellt Ideen in den Raum“, betont Peter Martin von der Vertretung der EU-Kommission in München. Konkret werde es frühestens Anfang 2011.

Für Josef Wasensteiner, Referent für Vieh und Fleisch im Bayerischen Bauernverband, könnte es ruhig etwas schneller gehen. Die Lockerung sei längst überfällig. „Damals reagierte man hysterisch, zum Teil hart an der Grenze des Erträglichen“, sagt er. „Heute weiß man da mehr.“ Auch er sei gegen Kannibalismus unter der gleichen Spezies. Auch er sei für ein Verbot tierischer Eiweiße im Rinderfutter. Aber bei Hühnern und Schweinen? „Die nehmen auch in der Natur tierisches Eiweiß auf. Das muss jetzt unter anderem durch Soja-Importe künstlich ersetzt werden.“ Reine Ressourcenverschwendung, so nennt das Wasensteiner.

Doch dass das Verbot bei Rindern auch in Zukunft bestehen soll, da sind sich Wasensteiner und die Kommission einig. Nicht zuletzt deswegen, weil BSE nur fast – aber eben nicht ganz – besiegt ist.

„Man muss auch in Zukunft aufpassen“, mahnt Hans Kretzschmar vom Zentrum für Prionforschung in München. BSE könne auch spontan entstehen, totale Sicherheit gebe es nicht. Eigentlich hat auch Kretzschmar nichts gegen die angedachten Lockerungen, er sieht aber ein praktisches Problem: „Man muss unbedingt verhindern, dass Tiermehl versehentlich oder absichtlich am Ende doch wieder bei Rindern landet.“ Das, sagt er, könne in einer neuen Katastrophe enden.

Thomas Schmidt

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