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Yvonne, die Kuh, die lieber ein Reh sein will

Rinderwahnsinn um Yvonne

Ampfing –Die Kuh, die lieber ein Reh sein will, foppt sie alle. Seit Wochen fahnden zig Freiwillige nahezu täglich nach Yvonne, wie sie mittlerweile heißt. Vergeblich. Der vierbeinige Dickschädel scheint seine Freiheit zu genießen. Kamerateams hin oder her.

Heute ist ein guter Tag für die Leute vom Fernsehen. Es regnet, es ist windig, der Waldboden ist matschig, und von der Kuh Yvonne fehlt weit und breit jede Spur. Aber immerhin dürfen sie heute rein in das Waldstück, in dem sich dieses Rind herumtreiben soll. Die Kuh, die seit Wochen wie ein Reh lebt. „Gestern durfte meine Kollegin nicht mehr rein. Keine O-Töne, keine Bilder, so eine....“. sagt die Dame vom Fernsehsender Sat.1, die gerade ihre Film-Ausrüstung aus einem Transporter holt.

Mit Betäubungsgewehren durchstreifen die Helfer den Wald, in letzter Zeit begleitet von Kamerateams

Die Tierschützer vom Gut Aiderbichl haben das Waldstück bei Ampfing im Kreis Mühldorf in den letzten Tagen hermetisch abgeriegelt. Die Kuh, die sich mittlerweile wie ein Reh verhält, soll sich nicht aufregen, sagen sie. Ein- und Ausgänge werden bewacht. „700 Meter Zaun und ein Kilometer Absperrband haben wir verlegt“, sagt Franz Wintersteller und schüttelt den Kopf. „Und die Kuh spielt uns trotzdem aus“. Der 71-jährige Aiderbichler, dessen Sohn Hans die Suchaktion leitet und gerade irgendwo durchs Unterholz schleicht, steht an einer Straße zwischen zwei Waldstücken und wartet. Er wartet, weil Kuh Yvonne ihnen, den dutzenden freiwilligen Suchern, Aiderbichlern, Jägern, Tierärzten, Reportern und Kameramännern vorgestern ein Schnippchen geschlagen hat. „Über’n Zaun is’ drüberghupft und ins andere Waldstück reingelaufen. Weg war’s“, sagt Franz Wintersteller. Und der ganze Tross samt Kameras hinterher, über die Straße drüber, rein ins Unterholz. Doch Yvonne ist nicht mehr aufgetaucht.

„Erst am Nachmittag hat eine Reporterin Spuren von Yvonne entdeckt“, erzählt Max Einmayr, ein 19-jähriger Schüler aus der Umgebung, der seine Ferien seit vier Tagen im Ampfinger Wald zubringt. „Die Dame hat kurzerhand hineingegriffen, doch die Spur war kalt.“ In dem Wald ist der Wahnsinn ausgebrochen. Und die Kuh, die lieber ein Reh sein will, foppt sie alle. „Da glauben wir, wir treiben sie vor uns her und dann, dann taucht sie hinter uns auf“, sagt Hans Wintersteller, während ein Kamerateam gerade seine Füße filmt. Großaufnahme. Wintersteller muss nach vorne gehen, nach hinten, zur Seite. Bis der perfekte Schritt im Kasten ist. „Das ist die gescheiteste Kuh, die ich je gesehen habe“, sagt er. Wenn auch nur kurz, und ein Betäubungsgewehr habe er leider auch nicht dabei gehabt.

Deswegen hat Wintersteller jetzt mehrere Schützen engagiert, die mit ihren Betäubungsgewehren systematisch den Wald durchstreifen. „Mit den Pfeilen können wir 500-800 Kilogramm Rind narkotisieren“, sagt ein Tierarzt aus Österreich. Aber ein sauberer Schuss sei im Wald schwierig. Ganz abgesehen davon, dass keiner der Schützen Yvonne bislang ins Visier bekommen hat. Doch Wintersteller ist Stratege. Vor ein paar Tagen hat er eine LockKuh, die Waltraud, in den Wald kommen lassen. Waltraud ist damals, vor 16 Tagen, gemeinsam mit Yvonne von einem Hof ausgebüchst. Der Bauer konnte Waltraud aber wieder einfangen, Wintersteller hat sie ihm abgekauft. Mitsamt einem Kälbchen. Die Rindviecher stehen nun auf einer mit einem Elektrozaun abgesperrten Lichtung. „Sie sollen Yvonne locken“, sagt der Gutsverwalter. Und dann hätten sie sie im Sack. Die Zeit drängt. Das Landratsamt unterstützt zwar die Aktion, sieht aber die Sicherheit der Autofahrer gefährdet. Der letzte Schritt wäre ein Abschuss des Rinds. Vorausgesetzt, sie finden Guerilla-Kuh Yvonne.

Patrick Wehner

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