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Kostbares Nass: die Kaverne im Auerberg. Von hier fließt das Wasser gen München.

Loisachtal will Hahn zudrehen

Ringen um das Trinkwasser fürs Münchner Umland

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    Marcus Mäckler
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München – Gemeinden im Umland von München sollen sich gefälligst um eine eigene Wasserversorgung bemühen. Über einen Wasserstreit, der vor Gericht enden dürfte.

Anfang des Jahres bekam Unterhaching Post, unschöne Nachrichten. Es ging um das Trinkwasser, das die Gemeinde im Kreis München für ihre rund 25 000 Einwohner braucht. 1,8 Millionen Kubikmeter sind das im Jahr, bereit gestellt von den Stadtwerken München (SWM). Die wiederum beziehen ihr Wasser zu etwa 20 Prozent aus dem Loisachtal. Und hier setzte das Schreiben an.

In dem Bescheid des Landratsamts Garmisch-Partenkirchen wurde Unterhaching mitgeteilt, sich um eine eigene Wasserversorgung zu kümmern – entweder aus eigenen Brunnen oder mit Hilfe von Nachbargemeinden, die schon autark sind. Die Trinkwasser-Versorgung aus dem Loisachtal rund um Farchant könne, so heißt es in dem Bescheid, „nur noch bis längstens 31.12.2025 geduldet werden“. Dieses Schreiben „stellt uns vor echte Probleme“, sagt Gemeindesprecher Simon Hötzl.

Unterhaching ist nicht die einzige Kommune, die nun vor der Wasserfrage steht. Der Bescheid ging an sechs Gemeinden: neben Unterhaching auch an Neubiberg, Hohenbrunn (Versorgungsgebiet Riemerling-Ost), Neuried, Ottobrunn (Versorgungsgebiet Ost) sowie Bergkirchen (Eschenried) im Landkreis Dachau. Alle beziehen ihr Wasser, zumindest in Teilen, von den SWM. Und plötzlich stehen sie vor der Tatsache, dass sie im Loisachtal bald den Hahn zudrehen werden.

"Grundsätzliche Möglichkeit zu einer ortsnahen Selbstversorgung"

Im Kreis Garmisch-Partenkirchen ist Trinkwasser ein Dauerthema. Rund 20 Prozent des Bedarfs der SWM kommen aus dem Loisachtal. Es kommt aus fünf Brunnen bei Farchant und Oberau. Es wird zunächst in eine riesige Kaverne im Auerberg bei Oberau gepumpt – eine gigantische Menge, 1700 Liter pro Sekunde. Dann fließt es sanft bergab durch eine unterirdische Leitung bis nach München in den Hochbehälter Forstenrieder Park. Die Gemeinde Farchant hatte jedoch eine Reduzierung der Wassermenge durchgesetzt:. Die SWM können nun nur noch maximal 30 Millionen Kubikmeter Wasser pro Jahr aus dem Loisachtal beziehen, so lautet der Vertrag, der bis 2045 läuft. Die Menge ist ausreichend, denn im Schnitt werden jährlich nur 22 Millionen gebraucht. Früher belief sich die Maximalmenge auf 50 Millionen. Den Farchantern ging es auch darum, ihrem Ort Entwicklungsmöglichkeiten offen zu halten. Denn wäre es bei der vorherigen Fördermenge geblieben, hätte das dortige Wasserschutzgebiet ausgeweitet werden müssen. Und das hat Vorrang vor der Ortsentwicklung.

Die neue wasserrechtliche Genehmigung wurde mit einem Bescheid des Landratsamtes am 29. Dezember 2015 fixiert – und darin zugleich die neuen Auflagen an die Gemeinden im Umland Münchens festgeschrieben. Die Kreisbehörde sieht sich dabei im Recht. Ihr Sprecher Stephan Scharf erklärt schriftlich, laut Paragraf 50, Wasserhaushaltsgesetz, sei es „Sache und Pflicht der betroffenen Gemeinden, (...) die Möglichkeiten einer Wassergewinnung vor Ort zu erkunden“ und sich bei „vertretbarem Aufwand“ selbst zu versorgen. Nach Einschätzung des Landratsamts besteht in Unterhaching die „grundsätzliche Möglichkeit einer ortsnahen Selbstversorgung“.

Ein Wasserschutzgebiet in Unterhaching? Schwer möglich

Bergkirchen und Neuried wird in dem Bescheid geraten, sich um Anschlüsse an die Stadtwerke Dachau bzw. den Zweckverband Würmtal zu bemühen. Falls das nicht geht, müssen die Gemeinden nachweisen, wieso nicht – kostspielige Gutachten kommen auf sie in jedem Fall zu.

In Hohenbrunn überlegt Bürgermeister Stefan Straßmair, ob Riemerling künftig durch das Wasserwerk im Höhenkirchener Forst mitversorgt werden könnte. Das Hohenbrunner Wasser ist billiger als das der SWM. Doch sich von den Stadtwerken zu lösen, ist schwierig, weil die Stadtwerke für die Netzübernahme eine Ablöse verlangen – ob der Wasserpreis am Ende sinken oder steigen wird, wagt der Bürgermeister daher nicht vorherzusagen.

Unterhaching wird sich schwer tun, eigenes Trinkwasser auf Gemeindeflur anzubohren. Die Gemeinde gehört zu den am dichtesten besiedelten Orten im Münchner Umland, außerdem ist sie von zwei Autobahnen, der A 995 und der A 8 begrenzt. „Dort ein Wasserschutzgebiet auszuweisen, ist nur schwer möglich“, sagt Simon Hötzl. Und ohne Schutzgebiet kein Brunnen.

Auch Neubiberg (Kreis München) ist ganz vom Wasser der Münchner Stadtwerke abhängig. Die Gemeinde benötigt eine Million Kubikmeter im Jahr, sagt Bürgermeister Günter Heyland. Um vorzusorgen, hat die Gemeindeverwaltung jene Nachbarorte angeschrieben, die über eigene Brunnen und Wasserwerke verfügen. „Wir haben gefragt, ob uns die Nachbarn zukünftig mitversorgen könnten“, bestätigt Heyland. Eine schnelle Antwort erwartet er aber kaum. Denn um mehr Wasser nach oben zu pumpen, müsste der Nachbar mit großer Wahrscheinlichkeit auch das Wasserschutzgebiet erweitern. Das hätte, wie im Falle von Farchant, Auswirkungen auf die Ortsentwicklung. Landwirtschaften oder ausufernde Industriegebiete sind in solchen Schutzzonen tabu – um das Wasser im Untergrund nicht von oben zu verschmutzen.

Jede Gemeinde denkt zuerst an sich selbst

Zwei der Gemeinden wehren sich juristisch: „Wir haben große Zweifel an der Rechtmäßigkeit des Bescheids“, sagt Unterhachings Sprecher Simon Hötzl. Darum hat die Gemeinde ebenso wie Neubiberg Klage beim Verwaltungsgericht München eingereicht.

Neubibergs Bürgermeister Heyland bleibt dennoch zuversichtlich. „Ich bin sicher, dass wir eine gute Lösung finden“, sagt er. Immerhin sei bis 2026 noch sehr viel Zeit. Und bis dahin „wird niemandem das Wasser abgedreht“. Natürlich wird auch Unterhaching die Nachbarn anschreiben und fragen, ob sie sich eine Mitversorgung vorstellen können. Aber: „Auch die Nachbarn haben Kapazitätsgrenzen“, sagt Hötzl. „Der Großraum München expandiert. Da denkt natürlich jede Gemeinde zuerst an sich.“

Auch von den Stadtwerken München ist wenig Unterstützung zu erwarten. „Grundsätzlich“ bedauere man den Bescheid aus Garmisch, erklärt ein Sprecher. „Wir verstehen jedoch die Intention und Logik der Genehmigungsbehörde.“

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