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Neuanfang nach 21 Jahren: Robert Pleyer hat den Ausstieg bei den Zwölf Stämmen geschafft.

Ausstieg aus der Glaubensgemeinschaft Zwölf Stämme

Unter Seelenfängern

Schönberg - Mehr als 20 Jahre seines Lebens war Robert Pleyers Name Yathar. Er hat bei der Sekte „Zwölf Stämme“ gelebt. Vor vier Jahren ist er ausgestiegen und kämpft sich seitdem zurück ins Leben. In ein Leben, das ihm früher nicht erfüllend genug war – das heute aber wertvoller ist denn je.

Robert Pleyer schließt die Tür hinter sich und weint hemmungslos. Er hat die letzten anderthalb Stunden damit verbracht, die kleinen Hände seiner acht Monate alten Tochter eisern festzuhalten. „Sei ruhig und sitz still“, hat er ihr mit fester Stimme gesagt – und sie dann so lange gezwungen still zu sitzen, bis ihr Willen brach. Bis ihr kleiner Kopf völlig erschöpft in seine Hand sank. Nicht nur in seiner Tochter ist bei diesem stummen Kampf innerlich etwas zerbrochen, sondern auch bei Robert Pleyer. Seine eigene Härte erschüttert ihn. Er wollte immer ein guter Vater sein, ein gutes Mitglied der Gemeinschaft. Als er die Tür hinter sich schließt, merkt er, dass er nur noch eine seelenlose Gestalt ist. Die Zwölf Stämme haben ihm seine Menschlichkeit geraubt. Es ist der Moment, in dem er das erste Mal spürt, dass er sich von der Gemeinschaft, der er sich 1990 angeschlossen hat, distanzieren will.

Es war nicht das einzige Mal, dass Robert Pleyer eines seiner Kinder gezüchtigt hat. Züchtigung mit körperlichen Schmerzen ist für die Sekte „Zwölf Stämme“ die einzige Methode, um Kinder unter Kontrolle zu bringen. Vater zu sein bedeutet in der Gemeinschaft, die eigenen Kinder genug zu lieben, um sie zu züchtigen – um sie sogar auszupeitschen, wenn es nötig ist. Durch Züchtigung wird die Seele von Sünde gereinigt – nach dieser Logik leben die Zwölf Stämme.

Und nach dieser Logik hat auch Robert Pleyer mehr als 20 Jahre lang gelebt. Als Anfang Zwanzigjähriger lernt er bei einem alternativen Festival in Österreich zwei Mitglieder der „Zwölf Stämme“ kennen. Sie geben ihm einen Flyer mit, der die Geschichte einer „kleinen Herde“ erzählt, die mit ganzem Herzen Gott gefallen will. Robert Pleyer ist spirituell, er sehnt sich nach mehr Tiefe in seinem Leben, nach einer höheren Bestimmung. Die Zwölf Stämme gehen ihm nicht mehr aus dem Kopf. Weihnachten 1990 fährt er nach Südfrankreich zu einem Anwesen der Sekte. Es dauert nicht lange, bis er seine Dreadlocks abschneidet und die Haare zu einem Pferdeschwanz bindet – so wie Gott es will. Bis er auf Alkohol und Zigaretten verzichtet, auf alles Materielle, auf Privatsphäre und auf Individualität. Bis die Gemeinschaft seine Droge wird – und aus Robert Pleyer „Yathar“. Sein neuer Name bedeutet der Nützliche, der Fruchtbringende.

Im Gut Klosterzimmern im Landkreis Donau-Ries leben die Mitglieder der umstrittenen Glaubensgemeinschaft.

Als Yathar lebt er 21 Jahre bei den „Zwölf Stämmen“, die meiste Zeit im Gut Klosterzimmern im Landkreis Donau-Ries. 21 Jahre lebt er ohne Nachrichten, ohne Musik, ohne Bücher, ohne Geld. Er lebt mit Mate-Tee und Dinkelbrot mit Hirseaufstrich, mit Gottesdiensten und strengen Regeln.

Einige dieser Regeln gehen gegen sein tiefstes Innerstes. Zum Beispiel wie die Zwölf Stämme mit Krankheiten umgehen. Besuche in Arztpraxen oder Krankenhäusern sind die absolute Ausnahme, heilen sollen Kräuter, Tees und ein reines Gewissen. „Manchmal scheinen mir die Regeln der Gemeinschaft der reinste Irrsinn zu sein“, schreibt er in seinem Buch „Der Satan schläft nie“, in dem er seine Zeit bei den Zwölf Stämmen aufarbeitet. In dem Buch beschreibt er schonungslos das System der Unterwerfung.

Es gibt keine Individualität bei den Zwölf Stämmen, nichts dürfen die Mitglieder selbst entscheiden, sie leben in ständiger Angst, Sünden zu begehen. Die Kinder wachsen mit Gewalt und Strafen auf. Wegen der Züchtigung gerät Robert Pleyer immer wieder in die Kritik des Ältestenrates der Sekte. Immer wieder wird er getauft, weil er – so scheint es den Obersten der Glaubensgemeinschaft – den Heiligen Geist doch noch nicht so richtig empfangen habe.

Als Yathar heiratet er bei den Zwölf Stämmen, bekommt mit seiner Frau vier Kinder. Als sie nach einer Geburt psychisch erkrankt, kommt es zum zweiten Schlüsselmoment, den Robert Pleyer braucht, um den Ausstieg zu schaffen. Die Ältesten geben seinem „bösen Geist“ die Schuld für die erkrankte Seele seiner Frau. Er verlässt die Zwölf Stämme. Mit den vier kleinen Kindern. Mit seiner Frau. Sie ist in der Sekte geboren und aufgewachsen, kommt nicht klar mit dem Leben ohne die strengen Regeln und den fanatischen Glauben. Sie verlässt ihre Familie und kehrt zurück zu den Zwölf Stämmen. Robert Pleyer kämpft sich allein zurück ins Leben. Mit kleinen Schritten.

Mit seinen Kindern hat sich Robert Pleyer im Bayerischen Wald ein neues Leben aufgebaut.

Die Musik baut ihm eine Brücke. Sie hilft ihm, Gefühle wieder zuzulassen, sich wieder selbst zu spüren. Er findet sein altes Saxophon, das seine Mutter für ihn aufbewahrt hat – und spielt, bis er klitschnass geschwitzt ist. „Plötzlich löst sich die Selbstkontrolle“, erzählt er. „Last und Druck der vergangenen Jahre fallen von mir ab. Ich spüre mich wieder, lasse mich los und musiziere mir den Schmerz von der Seele.“

Einen Teil seiner Seele wird Robert Pleyer wohl nie zurückbekommen. Das merkt er immer dann, wenn er aus einem Traum aufschreckt, der ihn zurückgebracht hat nach Klosterzimmern. Diese Träume kommen oft. Sie gehören so sehr zu seinem Leben, wie die Angst, dass die Sekte versucht, seine Kinder zu entführen. Robert Pleyer versucht, damit umzugehen. Vielleicht hat er auch deshalb das Buch über die 21 Jahre bei den Zwölf Stämmen geschrieben. „Was aufgeschrieben ist, kann man zuklappen“, sagt er. Außerdem soll das Buch ein Dokument für seine Kinder sein. Sie sollen verstehen können, warum sie ohne Mutter aufwachsen.

Robert Pleyer hat mit seinen Kindern ein neues Leben in Schönberg im Bayerischen Wald begonnen. Er hat einen Job bei einer Einzelhandelsfirma und eine neue Lebensgefährtin. Und er ist wieder Robert Pleyer – vermutlich mehr denn je. Es gibt diese Tage, an denen er morgens beobachtet, wie sein Hund zu den Kindern ins Bett springt und ihnen freudig über das Gesicht leckt. Solche Momente wären in Klosterzimmern streng verboten gewesen. Jetzt sind es die Momente, in denen Robert Pleyer sich lebendig fühlt.

Katrin Woitsch

Das Buch

„Der Satan schläft nie“ – Mein Leben bei den Zwölf Stämmen ist im Knaur Verlag erschienen. ISBN 978-3-426-78736-6

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