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Deutschlernen in der Flüchtlings-WG: Samba (links) und Ramatullah fragen sich oft gegenseitig ab. Beide sind allein nach Deutschland geflüchtet und leben in Haus der Roland-Berger-Stiftung

Roland Berger Stiftung

Junge Flüchtlinge machen sich Sorgen nach Anschlägen

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Ingolstadt - In Ingolstadt leben in einem Haus der Roland-Berger-Stiftung elf junge unbegleitete Flüchtlinge zusammen. Sie haben entsetzt reagiert, als sie von der Axt-Attacke des jungen Flüchtlings in Würzburg erfuhren. Und sie machen sich Sorgen – darüber, was die Tat für sie bedeutet.

Nie war es im Gruppenraum so still wie an diesem Dienstag vor zwei Wochen. Einmal wöchentlich treffen sich dort die elf jungen Flüchtlinge, die im Haus der Roland-Berger-Stiftung in Ingolstadt zusammenleben, mit der Kulturvermittlerin Beate Reinhold. Jedes Mal geht es um ein anderes Thema. Mal um Religion, mal um Politik, mal um Verkehrsregeln oder deutsche Bräuche. Meistens wird viel diskutiert und es gibt viele Fragen. An diesem einen Nachmittag sagte keiner der Jugendlichen ein Wort. Einige Stunden zuvor war in Würzburg ein 17-jähriger Flüchtling mit einer Axt auf vier Menschen losgegangen und hatte sie lebensgefährlich verletzt.

Keiner der elf Jugendlichen hatte schon Nachrichten gehört oder im Internet über die Axt-Attacke gelesen. Zwei Jungs berichteten von Gerüchten, ein Flüchtling hätte in einem Zug auf Menschen geschossen. „Es ist wichtig, offen darüber zu sprechen, was wirklich passiert ist“, sagt Beate Reinhold. Sie erzählte den Jugendlichen, was sie wusste. „Ich habe in elf entsetzte Gesichter geschaut“, erzählt sie. Niemand stellte an diesem Tag eine Frage. Aber sie ahnte, was den Jugendlichen durch den Kopf ging. Vermutlich dieselben Gedanken, die sie auch hatte. Wird nun das Misstrauen gegenüber allen jungen Flüchtlingen groß sein? Nur ein paar Tage später sprengte sich ein Flüchtling aus Syrien in Ansbach mit einer selbstgebastelten Bombe in die Luft und verletzte dabei zwölf Menschen. Auch darüber sprachen sie in Ingolstadt. Wieder blickte Beate Reinhold in besorgte Gesichter, als sie den Jugendlichen von dem Selbstmord-Attentat berichtete.

Die meisten der jungen Männer, die im Haus der Stiftung zusammenleben, haben schon einmal Fremdenfeindlichkeit oder Misstrauen gespürt. Aber für sie alle war es eine Ausnahme. Mit ihren Nachbarn am Ingolstädter Marienplatz verstehen sie sich sehr gut. Sie haben vor ein paar Monaten alle zu einem Begrüßungsfest eingeladen – 60 Leute sind gekommen, ein Nachbar hat als Willkommensgruß für die Jugendlichen sogar die bayerische Flagge gehisst. „Die Berger Buam“ – so nennen die Nachbarn die jungen Flüchtlinge.

Einer der elf mittlerweile volljährigen Jugendlichen, die in dem renovierten Haus zusammenleben, ist Samba. Er war 17, als er vor einem Jahr aus Gambia nach Deutschland flüchtete. Er redet nicht gern über das, was hinter ihm liegt. „Ich will mich auf das konzentrieren, was kommt“, betont er. Diesen Satz sagt er oft – immer dann, wenn er gefragt wird, wie sehr er seine Familie vermisst. Er hat sie länger als ein Jahr nicht mehr gesehen. Aber telefonieren, das geht. Hast du genug zu essen? Gehst du zur Schule? Geht’s dir gut? Diese Fragen stellt ihm seine Mutter fast jedes Mal. Sie kann es sich kaum vorstellen, das Leben, in das ihr Sohn geflüchtet ist. Samba wusste, dass er auf sich allein gestellt sein würde, sobald er seine Familie verlässt. Wie es sich anfühlen würde, wusste er nicht. Allein ist Samba noch immer. Aber nicht mehr einsam.

Die Roland-Berger-Stiftung betreut als freier Träger der Jugendhilfe junge unbegleitete Flüchtlinge in Bayern. In Ingolstadt gibt es bereits zwei Häuser für die jungen Menschen. Eines für die Minderjährigen und eines, in das sie ziehen können, wenn sie volljährig sind. Dort wohnen die jungen Flüchtlinge wie in einer Wohngemeinschaft zusammen. Nur dass es eine Wohngemeinschaft ist, in der verschiedene Sprachen, Kulturen und Religionen aufeinanderprallen.

Nachbarn nennen die Flüchtlinge "Berger Buam" - sie feiern sogar Feste mit ihnen

Das haben die „Berger Buam“ allerdings gut im Griff. Dank eines Putzplans. Dank der wöchentlichen Klärungsstunde. Immer montags zwischen 17 bis 18 Uhr kommen im Gruppenraum alle Konflikte auf den Tisch. Und gelegentlich stellen sie bei diesen Treffen fest, dass es mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede gibt. Die Flucht, das Alleinsein, das Fremdsein – all das verbindet die Jugendlichen.

Beate Reinhold oder ihr Kollege kommen als Kulturvermittler einmal pro Woche zu einer interkulturellen Bildungsstunde ins Haus. Außerdem hat jeder Jugendliche einen festen Betreuer. „Die Betreuer sind mit den Jugendlichen in sehr engem Kontakt“, sagt Reinhold. Sie würden es mitkriegen, wenn ein Jugendlicher Probleme hat oder sich sehr verändert – davon ist Reinhold überzeugt. Vor allem bekommen sie mit, wie ehrgeizig die Berger Buam auf ihre Ziele hinarbeiten.

Manchmal lernt Samba gemeinsam mit Ramatullah Deutsch. Ramatullah ist allein aus Afghanistan geflüchtet. Beide besuchen die Integrationsklasse der Berufsschule. Sie lernen 20 Stunden Deutsch pro Woche, daneben Mathe, Informatik, deutsche Politik. Außerdem bekommt jeder der Jugendlichen ein maßgeschneidertes Förderprogramm der Roland Berger Stiftung. Dazu gehören Sprachkurse, Seminare zur Persönlichkeitsförderung oder Ferienfreizeiten.

Wenn die beiden 18-Jährigen zusammensitzen, sich Vokabeln abfragen oder Grammatikregeln büffeln, dann reden sie nie über ihre Heimatländer oder ihre Flucht. Nur über die Zukunft. Beide haben Träume. Ramatullah will Elektriker werden – obwohl er weiß, dass er dafür noch viel besser Deutsch sprechen muss. Samba will Altenpfleger werden. „Ich habe hier in Deutschland so viel bekommen“, sagt er. „Davon möchte ich etwas zurückgeben.“ Ein erstes Praktikum hat er schon hinter sich, es hat gut funktioniert. Die Senioren mochten den jungen Afrikaner, Samba mochte die Spaziergänge mit den alten Menschen.

Momente wie diese sind es, die es den jugendlichen Flüchtlingen leichter machen, ohne ihre Familien leben zu müssen und ganz auf sich selbst gestellt zu sein. Ramatullah sagt: „Bevor ich nach Deutschland gekommen bin, hatte ich jeden Tag Angst, durch eine Bombe zu sterben. Ich wusste nicht, was Leben ist.“ Dann packt er seine Deutschbücher am großen Küchentisch aus. Zeit für die Hausaufgaben – auch das ist Leben.

Katrin Woitsch

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