Mutter und Tochter: Rosalia, genannt Rosl (links), wurde 1861 im heutigen Kirchweidach, Kreis Altötting, geboren. Sie wuchs in Tacherting auf und heiratete schließlich nach Wasserburg. Mit ihrem Mann pachtete sie Wirtschaften in Obing, Traunstein und Rosenheim, dann ging sie in die Berge. Sie starb 1932. Ihre Tochter Lia besuchte die Realschule der Englischen Fräulein in Salzburg und arbeitete vor den Hütten-Abenteuern für eine Gräfin. Später spielte sie in verschiedenen Bergfilmen mit. Sie starb im Jahr 1970. 

Von 1907 bis 1934 in den Alpen: Was Mutter und Tochter auf fünf Hütten erlebt haben

Die zwei Rosalias und ihre Berge

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Bad Tölz - Sie waren Mutter und Tochter, und sie hatten eine Leidenschaft: Hütten. Rosalia Oberndorfner und ihre Tochter Rosalia haben von 1907 bis 1934 in den Alpen gearbeitet – auf fünf verschiedenen Hütten. Eine Bergtour mit den Nachfahren.

Der Tag ist grau, die Blombergbahn steht still, bloß ein paar Handwerker schrauben dran rum. Jetzt regnet es auch noch, und die Hütte droben auf 1203 Metern hat auch nicht auf. Trotzdem wollen die drei Menschen, eingepackt in dicke Jacken, jetzt hinauf auf den Tölzer Hausberg, hinauf zum Blomberghaus. „Es ist sehr bewegend, hier zu sein“, sagt Wolfgang Ehrensberger, rote Jacke, schwarzes Kapperl, und stapft los. Er war schon oft hier, am Blomberg spielt die Geschichte seiner Familie. Aber heute ist etwas besonders, und das hat mit einem kleinen grünen Buch zu tun, das gerade erst erschienen ist.

Vor dem Blomberghaus: Wolfgang Ehrensberger, Michael Josef Oberndorfner und Christa Graf (von links).

Neben Wolfgang Ehrensberger, 64, marschiert seine Cousine, Christa Graf, 71. „Unsere Oma Rosalia war 14 Jahre oben am Blomberg“, sagt sie. Rosalia war die Wirtin auf dem Berg, die Mutter, die auch Rosalia hieß, kümmerte sich um die Blockhütte im Tal, die auch bewirtschaftet war. Heute stehen dort Schuppen und Lagerhallen.

Mutter und Tochter – zwei starke Frauen. Denn Rosalia und Rosalia versorgten nicht nur Gäste am Blomberg, sondern auch auf dem Herzogstand, auf dem Almagmach im Allgäu, auf der Gruttenhütte in Tirol und auf dem Watzmannhaus. Sie fingen im Kaiserreich an, auf den Hütten zu arbeiten, dann toste der Erste Weltkrieg, es kamen die Weimarer Republik und schließlich die Nazis: 1907 bis 1934, zwei Frauen, fünf Hütten. „Aber auf dem Blomberg waren sie am liebsten“, sagt Ehrensberger, der in Bad Heilbrunn lebt. Vielleicht, weil Mutter und Tochter hier nicht nur angestellt waren, sondern die Wirtinnen. Und vielleicht, weil sie sich hier nahe waren – und nicht viele Kilometer und Gipfel voneinander getrennt.

Der kleine Josef, Sohn von Lia und Vater von Wolfgang Ehrensberger, hilft auf dem Blomberg mit.

Wolfgang Ehrensberger und Christa Graf aus Peißenberg, Kreis Weilheim-Schongau, sind die letzten Enkel der jüngeren Rosalia, genannt Lia. Die Familie ist klein. Man trifft sich selten, und wenn, dann auf Beerdigungen. „Meine Oma hat mich großgezogen“, sagt Ehrensberger. Er erinnert sich an vieles, zum Beispiel an diese Geschichte: Die Oma hat ihrem staunenden Enkel erzählt, wie einmal der Zeppelin über das Blomberghaus gefahren ist und ein Packerl mit Post abgeworfen hat – für einen prominenten Gast. Das Stoffsäckchen, in dem die Fracht eingepackt war, hat er aufgehoben. Auch Christa Graf hat die Oma nicht vergessen: „Wenn sie was gesagt hat, da haben die Leut’ pariert.“ Aber wie das so ist mit Erinnerungen, sie verblassen – und grad viel weiß man über den Alltag seiner Vorfahren nicht. Und jetzt kommt Michael Josef Oberndorfner, 60, ein großer Mann mit grauen Haaren und einer Schwäche für Geschichte, ins Spiel.

Auf dem Watzmann, im Hintergrund das Watzmannhaus: die ältere Rosalia (links) im Sommer 2015.

Er ist der Großcousin der beiden, Rosalia, genannt Rosl, war seine Urgroßmutter, Lia seine Großtante. Auch er wandert heute mit zum Blomberghaus, im Gepäck: sein neues Buch, grün gebunden. Darauf ein Bild: Rosl und Lia Oberndorfner. Zwei hübsche Frauen in adretten Blusen, die Haare ordentlich zurechtgemacht. Der Titel „...kannst Du grüne Erbsen brauchen?“ ist ein Zitat aus einem der vielen Briefe zwischen Mutter und Tochter, die er für das Buch gelesen hat. „Es ist wie bei einem Puzzle, man sieht die einzelnen Teile, aber man kennt das Bild nicht“, sagt Oberndorfner, ein ehemaliger Luftwaffenoffizier, der heute in Feldkirchen-Westerham, Kreis Rosenheim, wohnt.

Er hat schon einmal ein Buch geschrieben, über seinen Großvater, der im Ersten Weltkrieg im Irak war. „Der Opa hat viel vom Krieg erzählt“, sagt Oberndorfner. Als der starb, blätterte der Enkel die Tagebücher durch, schaute die Fotos an, die der Opa gemacht hatte – das war sein Auftrag im Krieg. Ein Buch entstand, und als das fertig war, sagte Christa Graf zu Michael Oberndorfner: „Mach doch sowas auch über die Oma und die Ur-Oma.“

Mit Soldaten von der Fliegerbeobachtungseinheit auf dem Herzogstand: Lia in der Bildmitte mit Uniformmütze.

Das gibt es jetzt, ein detailliertes Büchlein über den Alltag von zwei starken Frauen. Oberndorfner hat hunderte Postkarten und Briefe aus den Schuhschachteln, die bei den Familien im Keller rumstanden, gesichtet. Auch Bilder gibt es viele – Lia und ihr Mann Josef Ehrensberger, der auch auf den Hütten arbeitete, wenn er nicht im Krieg war, hatten auf dem Blomberg Fotoapparat und eine Dunkelkammer. Sie machten Bilder von den Gästen, die diese als Ansichtskarten verschickten. Und manchmal fotografierte man eben sich selbst oder das Personal.

Oberndorfner hat im Stadtarchiv Tölz geforscht, alte Wetterdaten besorgt, auch im Kriegsarchiv in München war er. Er wollte nachempfinden, wie das Leben seiner Verwandten auf den Hütten war. 2000 Stunden, so viel Zeit hat er investiert. „Vieles haben wir nicht gewusst“, sagt Wolfgang Ehrensberger. „Wir sind so froh, dass er sich die Arbeit gemacht hat“, sagt Christa Graf.

Auf dem Weg zum Blomberghaus fallen ihnen Geschichten ein, die zum Beispiel: Auf der Hütte gab es ein Telefon. „Wenn der Opa in Tölz unten war“, erinnert sich Christa Graf, „hat er oben angerufen.“ Die Oma hat dann erst mit ihrem Mann gesprochen, hat zugehört, wie er gesagt hat, dass er sich jetzt mit den Mulis auf dem Weg macht – und dann hat sie dem Hund den Hörer hingehalten. Sobald der die Stimme vom Herrli gehört hat, ist er abgezischt, ins Tal. Legendär sind auch die Geschichten von den Turnfesten auf dem Blomberg – Hunderte kamen zu den Wettkämpfen, die 100-Meter-Bahn auf der Wiese hinter der Hütte erkennt man heute noch, wenn Schnee liegt.

Jetzt sind die Drei oben. Das Blomberghaus sieht freilich anders aus als zu Lias und Rosls Zeiten, über die Jahre kam ein Anbau nach dem anderen dazu. Aber der vordere Teil ist zum Teil noch Original. Wenn sie durch das Fenster in die leere Hütte schauen, sehen sie den alten Kachelofen, den sie auch auf vielen Fotos entdeckt haben.

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Auch von den anderen Hütten hat Michael Josef Oberndorfner Geschichten zusammengetragen. Sie erzählen, wie sich der Tourismus in den Alpen entwickelt hat: Arbeiter konnten sich einen Ausflug in die Berge gar nicht leisten, die Gäste waren gut betucht – das erklärt auch die fast feine Kleidung der Wirtsleute. Die Ansprüche waren hoch! Wenn am Herzogstand, wo Lia schon mit 22 anheuerte, an schönen Tagen bis zu 200 Rodel verliehen wurden, dann sausten die Gäste in Jackett, Hemd und Krawatte hinunter ins Tal.

Viele Geschichten erzählen auch von der Not in den Kriegsjahren, als die Frauen ohne Männer auskommen mussten und Lebensmittel knapp waren. Im März 1915, Mutter Rosl arbeitete auf dem Watzmannhaus, wurde die Brotmarke eingeführt. Doch die Gäste kamen entweder ohne Marken an oder mit Marken, die in der Ramsau nicht galten. Ein Plakat im Tal warnte: ohne Marke, kein Essen. Und irgendwann wurde auch das Bier rationiert – es wurde an der Front gebraucht.

Aber manchmal hat es auch geholfen, Wirtin zu sein. Im Krieg wurden Süßstofftabletten bloß noch an Gaststätten ausgegeben. Lia bestellte, was möglich war – und schickte die Drops an ihren Bruder, der mit seinem bayerischen Artilleriebataillon im Irak im Einsatz war: Josef Oberndorfner – der Opa von Michael Oberndorfner, der die Geschichte der Rosalias aufgeschrieben hat.

Das 183-seitige Buch war heuer im Sommer gerade erst gedruckt, da überschwemmte Hochwasser Teile Oberbayerns. Der Keller seiner Familie in Peißenberg lief voll mit der braunen Brühe, Oberndorfner konnte ein paar Kisten retten. Darin: persönliche Tagebücher vom Opa aus dem Ersten Weltkrieg, 500 Seiten, die er noch nicht kannte. Auf Michael Josef Oberndorfner wartet Arbeit.

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